Keine Hoffnung mehr

Ein Donnerstag im April: Die Schließung des HAP-Werks

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Vor dem Werkstor äußerten die HAP-Mitarbeiter ihren Unmut, während Michael Radke (r.) für sie zum Gesicht der Hoffnungslosigkeit geworden war.

Penzberg – Als am vergangenen Donnerstag die E-Mail aus der Hörmann-Zentrale die Redaktionen erreichte, war klar, dass eine Lawine losgetreten war, vor der sich keiner retten konnte. „Hörmann Automotive leitet Schließung des Werks Penzberg ein“, so die Wörter, die für eine Kettenreaktion sorgten. 

„Bitter!“; „Erst mal sacken lassen“; „Schwer zu verdauen“: Das waren die Reaktionen der ersten HAP-Mitarbeiter, die am Nachmittag vor das Werks­tor traten, sich eine Zigarette anzündeten und auf hunderte Kollegen warteten, die von Michael Radke, dem Vorstandsvorsitzenden von Hörmann Industries, die Nachrichten überbracht bekommen hatten: Das Werk werde bis 30. Juni 2020 geschlossen, mit der Verlagerung von Produktionsteilen ins slowakische Hörmann-Werk Banovce werde schon heuer begonnen. 

Der Donnerstag im April - Daniela Fischer von der IG Metall bezeichnet ihn als „rabenschwarzen Tag“ - bedeutete das Ende der Hängepartie, aber auch das Ende aller Hoffnungen für die HAP-Belegschaft. Alle rund 630 Mitarbeiter, dazu kommen etwa 100 Leiharbeiter, treten den Weg in die Arbeitslosigkeit an. Seit Monaten wurde an der Seeshaupter Straße gebangt und gezittert, gab es neue Hoffnung, Konzepte, neue Gesprächsrunden zwischen Betriebsrat, IG Metall und der Konzernführung. Dann die niederschmetternde Nachricht, die für Penzberg ein Desaster darstellt: das Werk wird dicht gemacht. 

Vor dem Werkstor kurz nach 15 Uhr: Die Früh- und die Nachtschicht versammeln sich an der Pforte, heben Plakate in die Luft. Es scheint, als hätten die HAP-Mitarbeiter die schlechten Nachrichten erwartet. Zu lang dauerte die Hängepartie, als dass es ein gutes Ende hätte geben können. Eilig wird ein Lautsprecher aufgebaut. IG-Metaller und die Betriebsräte greifen zum Mikrofon. Die Polizei, die ihren Bus gegenüber bei der Möbel Centrale geparkt hat, marschiert auf. Ob es Ärger oder Ausschreitungen geben wird? „Nein“, winkt Susanne Kettl, die Vizechefin der Inspektion Penzberg, ab. „Geht man so mit Mitarbeitern um, die hier 30, 35 Jahre gearbeitet haben?“, schreit Bayram Yerli ins Mikro, selbst im Betriebsrat bei HAP und seit drei Wochen 2. Bevollmächtigter der IG Metall. Ein lautes „Nein“ antwortet ihm, es folgen Buhrufe und Pfiffe. Der Unmut über den Arbeitgeber wächst. Thomas Nachtmann, der Betriebsratsvorsitzende, weist auf die Versäumnisse der Konzernzentrale hin. „Der Standort wurde nicht auf Vordermann gebracht“, ruft Nachtmann. „Jetzt haben sie uns abserviert!“, schimpft er weiter - unter dem zustimmenden Kopfnicken der Belegschaft. 

Daniela Fischer, 1. Bevollmächtigte der IG Metall, schnappt sich das Mikrofon und spricht von einem „Schock“, der Penzberg erfasst habe. Dann wird sie lauter. Jeder entlassene Mitarbeiter habe das Recht auf eine vernünftige Sozialplanversorgung. „Einen Tritt in den Arsch ohne Geld lassen wir uns nicht gefallen“, brüllt Fischer. Die vom Gesellschafter versprochenen 20 Millionen Euro für den Sozialplan fordert sie vehement ein. „Wenn er keine verbindliche Aussage zum Sozialplan macht, soll er seine Produkte produzieren, wo er will.“ 

Dann ergreift Elke Zehetner das Wort. Weit entfernt ist da jetzt der Bürger­entscheid über den Huber See, das Gezerre um das AWO-Seniorenheim, der Ärger wegen der Stadthallen-Pacht. Es ist eine Bürgermeisterin, die den Moment nutzt: „Ich verspreche, dass ich mich für Sie einsetze“, ruft sie den HAP-lern zu. Penzberg habe 1.400 Gewerbebetriebe. „Ich werde ihren Arbeitsplatz im Anschluss sicherstellen“, verspricht sie. Sie sei mit Land­rätin Andrea Jochner-Weiß im Gespräch, um entlassenen Mitarbeitern Optionen auch außerhalb anzubieten. Zum Gesicht der Hoffnungslosigkeit wurde für die Mitarbeiter des Automobilzulieferers an diesem Tag Michael Radke. Er tritt bei der Pressekonferenz im Rathaus gegen 17 Uhr nochmals in Aktion. Breite Schultern, blonder Seitenscheitel, weißes Hemd und Trachtenjanker: Der Vorstandsvorsitzende reagiert auf jede Konfrontation, auf jede Anspielung eiskalt und aalglatt. In geschliffenem Deutsch und ohne ins Stottern zu geraten, berichtet Radke von finanziellen Verlusten, von fehlender Wettbewerbsfähigkeit von HAP. „Die Anbieter in Osteuropa produzieren billiger“, sagt Radke. Aufgrund der Marktsituation und des Strukturwandels habe es für Hörmann Industries keine andere Möglichkeit gegeben, als das Werk zu schließen. 

Thomas Nachtmann wagt noch einen Konter: „Wenn Hörmann gewollt hätte, hätte er das Ruder rumreißen können. Da bin ich fest überzeugt.“ 

Fast unter geht an diesem Tag der Antrag der Freien Liste Penzberg (FLP), dass die Stadt mit HAP in Verbindung treten möge, um das Areal zu kaufen. Und tags darauf kritisiert die CSU die Vorgehensweise der Unternehmensleitung. „Das Verhalten löst in unseren Reihen nur noch Kopfschütteln aus“, heißt es in der Mitteilung. akr

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