Ergriffenheit beim Steigerlied

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erfährt Toleranz vor und in der Moschee

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Die Kundgebung für Offenheit und Toleranz hat den Bundespräsident so beeindruckt, dass er vom Protokoll abwich, ein Bad in der Menge nahm und mit seiner Frau das Banner von Penzberg Miteinander signierte.

Penzberg – Es ist kalt, die Musiker der Stadt- und Bergknappenkapelle stehen vor dem Penzberger Rathaus und umarmen ihre Instrumente. Dann ist der Moment da, der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steht vor ihnen. Sie spielen das Steigerlied, ohne zu ahnen, wie sehr sie den Besuch damit rühren.

Es sind vor allem Bilder, die vom Besuch Frank-Walter Steinmeiers in Penzberg bleiben. Wie jenes vor dem Rathaus. Der schwarze BMW hatte soeben die kurze Strecke vom Islamischen Form zurückgelegt, der Verschlag wird geöffnet, Steinmeier klettert heraus, und gleich wird die Stadt- und Bergknappenkapelle das Steigerlied anstimmen. Ergriffen, wie er später bekunden wird, steht der Bundespräsident da. Er, der Mann aus NRW, der vor fast genau einem Jahr in Bottrop „eine meiner schwersten Reden“ gehalten hat, als die Zeche Prosper-Daniel geschlossen wurde, das letzte Stück Steinkohle in Deutschland gefördert worden war und Steinmeier in 500 weinende Gesichter blickte. Das Steigerlied, mit allem hat er gerechnet in Penzberg, aber nicht mit dem. 

Gelöst wirkte Steinmeier da trotz aller Rührung. Zuvor, in der Moschee, hatte man einen sehr staatstragenden Bundespräsidenten erlebt, der sich beinahe jede Gefühlsregung verbat. Mit ernster Miene schritt er anschließend vor die Kameras und Mikrophone, um das Engagement der Islamischen Gemeinde zu würdigen. Die Transparenz und Offenheit, die hier gepflegt werden, hat ihn offenbar sehr beeindruckt. Ebenso die wechselseitige Akzeptanz und Toleranz, aber auch die Tatsache, dass sich Penzbergs Muslime auch in der Politik und in Vereinen engagieren. „Hier findet etwas statt, was ich mir für unser ganzes Land wünschen würde“, sagte Steinmeier und betonte, dass es gerade deshalb so wichtig sei, weil man in Zeiten lebe, in denen es wieder viel Hass gebe. 

Joachim Herrmann war da schon wieder abgereist. Auch das so ein Bild: Über Jahre hinweg hat Bayerns Innenminister mit großer Hartnäckigkeit die Islamische Gemeinde vom Verfassungsschutz beobachten lassen, an diesem Tag nun steht er strumpfsockig im Gebetsraum, jenem Ort, in dem er einst einen Hort des Extremismus vermutete, sagte kein Wort und folgte Imam Benjamin Idriz mit hängenden Schultern wie ein Messdiener. 

Draußen hat man Herrmann nicht vermisst, weil einer die bayerische Seele und die weiß-blaue Identität so leidenschaftlich verteidigte, wie das ein Mittelfranke wohl ohnehin nicht hinbekäme. Andreas Krahl, den bis vor einem Jahr keiner kannte, der jetzt aber für die Grünen im Landtag sitzt, blickte kurz dorthin, wo sich die Islamhasser von der Pegida mitsamt bayerischer und deutscher Fahne niedergelassen hatten. Krahl zitierte die dritte Strophe der Bayernhymne („Gott mit uns und Gott mit allen“) und rief unter dem Applaus der Gegendemonstranten aus: „Die bayerische Fahne hat es nicht verdient, von diesen Leuten ins­trumentalisiert zu werden.“ Und dann, als habe ihm das einer von der CSU zugeflüstert: „Ich lasse mir meine Heimat nicht von der Pegida wegnehmen.“ 

Noch so ein Bild: Ganze sechs Leute hatte Pegida aufgeboten, die ihren Protest gegen Steinmeiers Besuch schweigend, aber lautstark formulierten: Den ganzen Tag über ließen sie ihre Parolen in Endlosschleife vom Band laufen. Dass sie unter sich geblieben sind, mag auch daran gelegen haben: Ein Polizeipferd hatte zwischen der Moschee und der Pegida einen bewundernswert großen Haufen mitten auf die Straße gesetzt. 

In der Bürgermeister-Rummer-Straße hatten sich unter dem Motto „Penzberg ist bunt“ derweil gut 250 Menschen versammelt, die für Toleranz und Offenheit demonstrierten. Der Künstler Walter Kuhn hatte rote Mohnblumen mitgebracht, die aussehen wie ein vom Wind umgedrehter Regenschirm. „Mahnblumen für den Frieden“, sagt Kuhn. Dieses deutliche Zeichen der Solidarität mit der Islamischen Gemeinde beeindruckt auch den Bundespräsidenten: Kurzerhand werfen er und seine Frau Elke Büdenbender das Protokoll über den Haufen, gehen hinüber auf die andere Straßenseite und suchen mit den Leuten das Gespräch. 

Letzte Station im Rathaus: Steinmeier trägt sich ins Goldene Buch ein, bekommt zwar keine Mahnblume, sondern einen Penzberg-Schirm und bekennt, dass er hier in der Region bisher immer Benediktbeuern bevorzugt habe. Die Schwere des symbolbeladenen Besuchs in der Moschee legt sich von seinen Schultern, es wird geplaudert und gelacht. Die Vorsitzenden der Stadtratsfraktionen sind angetreten, die Bürgermeister, die Landrätin, die Landtagsabgeordneten und auch Alexander Dobrindt aus dem Bundestag. Fast alle wollen ein Selfie mit ihm. Steinmeier stellt sich geduldig hin und lächelt. Auch das ist so ein Bild, das von diesem Tag bleibt. la

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