Der Holländer des Abends

Unterschiedliche Interessenlage: Einige bevorzugten das Fußballspiel.

Reinhard Zaczek sei Dank. Der Sportlehrer erweiterte mit seinen kritischen Anmerkungen zu den Kunstrasenplätzen im Müllerholz zwar nicht eben seinen Freundeskreis, er sorgte aber dafür, dass die diesjährige Bürgerversammlung wenigstens ei-nen kleinen Spannungsbogen erfahren hat. Ansonsten spiegelte dieser Abend in der Stadthalle die aktuelle Befindlich- keitslage der Penzberger wider: Nachdem die Finanzlage erfreulicher als erwartet ist, hat die Stadt keine allzu großen Probleme.

Den Gleichmut im Saal, der sich die Zeit hin und wieder mit der Fußballübertragung in einem dankenswerter Weise aufgestellten TV-Gerät vertrieb, konnte auch Bür- germeister Hans Mummert kaum in Wallung versetzen mit der Ankündigung, dass Stadthalle und Wellenbad nicht saniert, neue Krippenplätze nicht geschaffen und der Stadtplatz nicht gestaltet werden kann, wenn die Stadt keine Kredite aufnimmt. Vielleicht kam die Bürgerversammlung ja auch etwas zu früh, weil die möglichen Aufreger erst Ende des Monats noch durch den Stadtrat müssen: die Entscheidung darüber, wie der Stadtplatz künftig aussehen soll, der Beschluss über das Klimaschutzkonzept und das Votum, wie und in welchem Umfang das Wellenbad saniert werden soll. Und während Deutschland und Holland bei den Hymnen stramm standen, ging die so ziemlich einzige Neuigkeit des Abends fast etwas unter. Der Bürgermeister nämlich sagte, dass vor den beiden Kunstrasenplätzen nun auch noch ein Bolzplatz entstehen soll. Bevor Reinhard Zaczek in die Bütt gelassen wurde, durfte er noch erfahren, dass es in Penzberg derzeit über 8.000 Arbeitsplätze gibt, von denen 1.000 alleine in den vergangenen fünf Jahren geschaffen worden seien. Und Hans Mummert freute sich, dass es im gleichen Zeitraum gelungen sei, „dass wir die Arbeitslosigkeit in unserer Stadt halbieren konnten“. Derzeit sind in Penzberg 237 Menschen ohne Job. Als Özil das erste Mal im Abseits stand, gab es den ersten Applaus des Abends: Mummert hatte gerade ausgeführt, dass mit den beiden in diesem Jahr neu eingerichteten und den beiden für 2012 geplanten Krippen-Gruppen die Stadt dann den Bedarf zu 50 Prozent abdecke, obwohl der Gesetzgeber zu diesem Zeitpunkt gerade mal 35 Prozent fordere. Und, sagte Mummert, es sei nicht das Problem, neue Krippen und Kindergärten zu bauen, sondern qualifiziertes Personal dafür zu finden. „Es gibt immer weniger Menschen, die sich für einen Job in der Kinderbetreuung oder der Altenpflege entscheiden. Hier ist die Gesellschaft gefordert, dass diese Berufe wieder mehr Anerkennung erfahren.“ Da- für zollte ihm der Saal berechtigten Beifall. Zwar keinen Applaus, aber auch keinen Buh-Ruf gab es für die Ankündigung des Bürgermeisters, den ebenfalls zum Streitthema taugenden Bau eines Biomasse-Heizkraftwerks an diesem Abend nicht diskutieren zu wollen, weil es dazu nichts Neues zu sagen gebe, nachdem sich Roche mit dem Projektentwickler Lutz Steinhöfel noch immer nicht über die Abnahme der Wärme geeinigt hat. „Sobald es hier etwas Neues gibt, werden wir nur zu diesem Thema eine eigene Veranstaltung durchführen“, sagte Mummert. Und während Müller gerade zum 1:0 einschoss, gab der Bürgermeister allen Kritikern des Biomasse-Projekts eines zu bedenken: „Wenn wir die Energiewende wirklich wollen, dann können wir nicht zu allem nein sagen.“ Es folgte dann noch, um es so zu sagen, ein wenig Mittelfeldgeplänkel in der Stadthalle, ehe Reinhard Zaczek endlich an der Reihe war, was dazu führte, dass nicht wenige Kloses fulminantes Kopfballtor verpassten. Denn der Pädagoge in Diensten des Gymnasiums setzte zu einem verbalen Dribbling an, das ihm vorübergehende Aufmerksamkeit sicherte. Die 4,1 Millionen Euro, die für den Bau der beiden Kunstrasenplätze veranschlagt sind, erschienen ihm als völlig überzogen. Zaczek verwies auf seine Internet-Recherchen und den dabei ausfindig gemachten Bayernligisten aus dem oberfränkischen Hof, der gerade eine solche Spielfläche für 450.000 Euro hingestellt bekommen habe. „Bei uns aber soll der Viertletzte der Kreisklasse zwei Plätze für über vier Millionen erhalten“, schüttelte Zaczek den Kopf, was als Frontalangriff auf den FC Penzberg herüberkam. Doch der Sportlehrer wurde von der Flügelzange aus dem Rathaus gleichsam mit der Blutgrätsche gestoppt. Der Bürgermeister wies es ganz entschieden zurück, dass die Stadt die beiden Plätze nur für den FC baue. „Wir tun dies auf ausdrücklichen Wunsch aller vier Penzberger Fußballvereine, die immer größere Schwierigkeiten haben, den Spielbetrieb auf ihren eigenen Plätzen durchzuführen“, sagte Mummert. Und Stadtbaumeister Justus Klement erteilte der von Zaczek als viel günstigere Alternative gepriesenen Berghalde eine entschiedene Absage: „Der Bau der Kunstrasenplätze käme dort nicht billiger, und die Lärmproblematik wäre die gleiche.“ Die in der Tat immensen Kosten seien, so Klement, auf vielfältige Faktoren zurückzuführen. Da werden alleine 1,8 Millionen Euro für die Stabilisierung des Untergrunds im Müllerholz erforderlich, was auf der Berghalde aufgrund der Altlasten aus Bergwerkszeiten nicht günstiger zu machen sei. Weitere 400.000 Euro lässt sich die Stadt im Müllerholz die Errichtung einer Lärmschutzwand zum angrenzenden Wohngebiet kosten, was ebenfalls auf der Berghalde auf die gleiche Summe hinauslaufen wür- de, weil die Stadt dort schon genug mit Beschwerden wegen des einmal jährlich stattfindenden Volksfestes zu tun hat und deshalb mit einem wahren Klageberg zu rechnen sei, wenn dort am Wochenende pausenlos Fußball gespielt werden würde. Und außerdem entscheide man sich in Penzberg für ein Kunstrasenmodell, das zwar erheblich teurer als die Variante aus Hof sei, dafür aber eine bessere Qualität aufweise und überdies in den Unterhaltskosten konkurrenzlos günstig sei. „Die Plätze im Müllerholz entstehen dort nicht aus Jux und Tollerei“, sagte Klement. Und er würdigte nachgerade, dass Penzberg damit ein „Vorzeigeobjekt“ gelingen werde, „weil wir den Sport mitten in die Stadt geholt und nicht an den Rand gedrängt haben“. Zaczek konnte dem nicht viel entgegen setzen, weil hier wie im Fernsehen immer nur die einen stürmten. Özil stand mal nicht im Abseits und spielte mit Klose einen so perfekten Doppelpass wie dies Mummert und Klement getan hatten. Die Welle, wie in Hamburg, brandete in der Stadthalle zwar nicht auf, aber der Sportlehrer konnte einem fast ein wenig leid tun. Er war der Holländer des Abends.

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