Ungekannte Sehnsucht

Montessori-Schule in Penzberg setzt nun auf Unterricht via Videokonferenz

Schulleiter Tomas Schindhelm unterrichtet Mathematik derzeit mit Laptop und Dokumentenkamera.

Penzberg – Die Schulschließung aufgrund der Corona-Pandemie stellt vor Herausforderungen: Schüler müssen sich beim „Homeschooling“ in Disziplin üben, Eltern sind mit Homeoffice und Schulkindbetreuung Mehrfachbelastungen ausgesetzt und Lehrkräfte sollen trotz allem die Stoffvermittlung sicherstellen.

Die moderne Technik macht nun vieles möglich, der Unterricht erfolgt digital, die Kontakte werden virtuell gehalten. An der Penzberger Montessori-Schule sieht man in der neuen Situation nicht nur eine Einschränkung, sondern zugleich die Chance zur Weiterentwicklung digitaler Kompetenzen, und zwar auf Schüler- wie auf Lehrerseite. 

Pünktlich am Bildschirm

Eben hat Lehrerin Bärbel Brinsteiner mit der Hälfte ihrer Klasse eine Lektüre behandelt, in wenigen Minuten wird sie sich von der anderen Hälfte der Siebtklässler Buchbesprechungen präsentieren lassen. Dabei steht Brinsteiner nicht im Klassenzimmer vor der Tafel, sondern sitzt im heimischen Arbeitszimmer am Computer. „Nach der Schulschließung haben wir schnell auf die digitalen Möglichkeiten umgestellt“, berichtet die stellvertretende Schulleiterin der Montessori-Schule Penzberg, denn man habe die Schulkinder nicht einfach mit einem Packen Arbeitsblätter zuschütten wollen. Stattdessen unterrichtet sie nun ihre Schüler täglich per Videokonferenz in den Fächern Deutsch und Mathematik und versucht, die Unterrichtsstunden „so normal wie möglich“ abzuhalten. „Indem wir eine Struktur reinbringen, fangen wir die Schüler ein und sie sind aufgeräumt“, erklärt die Pädagogin und freut sich über die Disziplin ihrer Klasse. „Meine Schüler sind immer pünktlich da und liefern termingerecht ab, was ich von ihnen verlange“, lobt sie, so dass sie stofflich genau das mache, was sie auch in der Schule vermitteln würde. Zudem sei die intensive Arbeit am Computer für die Siebtklässler die beste Vorbereitung auf die Große Arbeit im nächsten Schuljahr, findet Brinsteiner. 

Kreativität fernab des Klassenzimmers

„In den verschiedenen Klassenstufen läuft der Fernunterricht ganz unterschiedlich“, stellt Schulleiter Tomas Schindhelm fest. Unterstufenlehrer liefern Montessori-Materialien und Arbeitshefte teils an die Haustüre oder schnüren Pakete, die von Eltern abgeholt werden. „Videokonferenzen dienen hier weniger der Stoffvermittlung, sondern vor allem dazu, mit den Kindern im sozialen Kontakt zu bleiben und zu hören, wie es ihnen geht“, berichtet er. Auch Zielgespräche mit Schülern und Eltern erfolgen über Videokontakt, „das ist sinnvoll, denn dann ziehen die Kinder zuhause ganz anders mit“, weiß Schindhelm. „Oft zeigen die Kinder im Videochat auch stolz, was sie zuhause gearbeitet oder an kreativen Ideen entwickelt haben“, ergänzt Meike Hrbatsch. Einer ihrer Schüler gehe nun täglich in den Wald, bestimme die heimischen Vögel und zähle sie. „Daraus wird bestimmt ein Referat für den Unterricht“, freut sich die Unterstufenlehrerin. 

Der Fleiß bleibt derselbe

Ein bisschen Zeit habe man nach Verkündung der Schulschließung schon gebraucht, um sich auf die digitale Stoffvermittlung einzustellen, räumt Schulleiter Schindhelm ein, vor allem diejenigen Lehrkräfte, die bisher „mit Technik nicht viel am Hut hatten.“ Nun aber hätten sie sich fit gemacht im Umgang mit der digitalen Lernplattform und technischen Möglichkeiten wie der Dokumentenkamera, welche das erklärende Tun des Lehrers an der Tafel auf den heimischen Bildschirm der Schüler übertrage. Besonders in der Oberstufe liefen die neuen Methoden gut, „wobei sie nicht den Fleiß verbessern“, wie Schindhelm feststellen musste. Ob analog oder digital, ihrer Lernhaltung scheinen fleißige und weniger fleißige Schüler gleichermaßen treu zu bleiben. 

„Eine gewisse Sehnsucht nach Schule“

Derzeit erstellt der Schulleiter mit seinem Lehrkörper verbindliche Online-Stundenpläne für die Zeit nach den Osterferien. „Sollte die Schulschließung verlängert werden, sind wir gut darauf vorbereitet“, stellt er fest. Vorbereitet ist auch eine Projektgruppe von Siebtklässlern, die sich mit dem Thema nachhaltige Kleidung beschäftigt und kurzerhand an heimischen Nähmaschinen die Produktion von Mund- und Nasen-Masken aufgenommen hat. Bei allem Anpassen an die neue Situation, den persönlichen Kontakt vermissen Lehrer wie Schüler dennoch schmerzlich. Und genau das mag der Grund sein, weshalb die Schüler so diszipliniert an den Videokonferenzen teilnehmen, sehen und hören sie dort doch ihre Mitschüler und Lehrkräfte. „Es ist schon eine gewisse Sehnsucht nach Schule spürbar“, berichtet Tomas Schindhelm. Die Sehnsucht geht bei Bärbel Brinsteins Schützlingen sogar soweit, dass die Lehrerin auf Wunsch der Pennäler einen Plan mit freiwilligen Meetingterminen für die Osterferien erstellt hat. Ganz uneigennützig scheint dies aber nicht zu sein, denn auch Brinstein gibt unumwunden zu: „Mir fehlt da schon ganz schön was, wenn ich meine Schüler nicht sehen kann.“ cw

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