Derber Witz mit feinem Tiefgang

Der Kabarettist Maxi Schafroth begeistert in der Kocheler Heimatbühne

+
„Im Lodenkittel verfilzt man“: Maxi Schafroth nutzt den „bayerischen Lodenreflex“, um nicht nur das Publikum, sondern auch seinen Bühnenpartner und wohl größten Fan Markus Schalk zu begeistern.

Kochel – Dass er mit der Wahl von Maxi Schafroth ins Schwarze getroffen hatte, zeigte sich für den Kinoverein Kochel schon kurz nach Start des Vorverkaufs. Die Karten waren schnell ausverkauft, so dass der Allgäuer Kabarettist auf eine voll besetzte Heimatbühne traf.

Nach fünf Minuten hatte Schaf­roth den Saal zum Kochen gebracht – und daran änderte sich die nächsten zwei Stunden nichts. Auch wenn viele seiner Witze auf stereotype Klischees wie die Münchner Schickeria und Starnberger Großkopferte abzielten, zog sich unter der Oberfläche eine feinsinnige Gesellschaftskritik durch sein Programm, die bei allem Amüsement zum Nachdenken auffordert. 

Inklusive „regionaler Schlenker“

Geschickt ging er vor, der sympathische Bub aus dem Unterallgäu. Gleich zu Beginn warf er mit Namen von Nachbarorten nur so um sich und gab dem Publikum das Gefühl, dass er sich in den lokalen Gegebenheiten bestens auskenne. Kochel bezeichnete er als „Perle an der B11“ mit „architektonischen Glanzpunkten wie dem ehemaligen Verdi-Gebäude“, wo Kräuterkundige den „Aschenbrennerschen Druckverband aus wiedergekäuten Brotresten“ auflegen. Das Einbauen „regionaler Schlenker“ habe er sich von einem CSU-Politiker im Allgäu abgeschaut, behauptet der Kabarettist. Ob wahr oder erfunden, es wirkt. 

Kampfanzug aus Loden

Genauso wie der Lodenkittel, den der „Baurabuab“, wie sich Schafroth wiederholt mit neckischem Stolz bezeichnet, als Kampfanzug des Sparkassenvorstands bezeichnete. „Das macht was mit einem“, behauptete er, „man verfilzt irgendwie.“ Dass die Menschen im Freistaat über einen Lodenreflex verfügen und hören wollen, „was das Filzmännchen sagt“, muss wohl stimmen, denn das Publikum lauschte brav den teils sinnbefreiten „Gestanzeln“, die der Künstler gemeinsam mit dem „Chor der Jungen Union Miesbach“ zum Besten gab. 

Ein Säugling, keine Kartoffel

Ein zuverlässiger Garant für Lacher war der Vergleich zwischen seiner strukturschwachen Heimat und dem reichen Oberbayern, den der spitzbübische Unterallgäuer dann auch reichlich ausweidete. Westlich des Lech, der den Freistaat in Arm und Reich teile, sei er auf einem Feld als Ackergeburt zur Welt gekommen und von der Mutter in den ersten beiden Stunden für eine Kartoffel gehalten worden, witzelte er. Und weil die Allgäuer Identität von der schwäbischen Zwanghaftigkeit zum „schaffa und schpara“ geprägt sei, musste sich der arme Bauernbub beim Skifahren die Nase am Fenster der Hütte plattdrücken, in welcher „die oberbayerischen Patrizier“ zum Essen einkehrten, während er selbst ohne jede Pause den Kostenschnitt pro Abfahrt minimieren musste. Das erheiterte die Gemüter im Saal ebenso wie das Lieblingsfeindbild Schafroths, der „Starnberger im Daunensteppjäckchen“, der beim „Starnberger Grattlertreiben“ denjenigen mit dem niedrigsten Bruttojahreseinkommen nackt durchs Dorf treibt. 

„Delfintherapie in der Güllegrube“

Natürlich kriegten auch die Münchner ihr Fett weg. Die von Schafroth herrlich affektiert nachgeahmte „Dame auf der Maximilianstraße mit den aufgespritzten Lippen“, die mit ihrem Porsche Cayenne auf einen „Weekender ins Allgäu rausfährt und dort vor einer Scheune Butterbrot mit grobkörnigem Salz isst“, trieb vielen die Tränen in die Augen. Das Abwatschen der überkandidelten Städter – wie Silke und Jörn aus Bogenhausen mit ihren Zwillingen Jette und Jütte und der Katze, die mit Besteck frisst – ist für den Kabarettisten in der bayerischen Provinz eine sichere Bank. Die boshaften Spitzen bringt „der Maxi“ aber so liebenswürdig rüber, dass ihm wohl selbst anwesende Münchner Rechtsanwaltspärchen, für deren „laktoseintolerante Kinder“ er „Delfin­therapie in der Güllegrube“ anbietet, nicht wirklich böse sein können. Jede Beleidigung überdeckte Schafroth mit einer Bewunderung, schließlich zog es ihn ja selbst in die Landeshauptstadt. „I wanna go over the river“ intonierte er mit bluesiger Stimme. Singen kann der Allgäuer Bub, das steht fest. Manche der Songs, von Markus Schalk auf den Punkt begleitet, taugen schon zu Ohrwürmern, etwa „I han koi Luscht mehr“, der „sozialistische Protestsong für angestaute Frustration aus abhängiger Beschäftigung“, den einige Zuschauer recht inbrünstig mitsangen. Ebenso die hymnentaugliche Verneigung vor der wichtigsten unternehmerischen Entscheidung eines jeden Bauern: Wenn bei „Mähen oder nicht mähen“ ein ganzer Saal voller Nicht-Landwirte aus vollem Halse mitsingt, dann hat Schafroth nicht nur einen Hit gelandet, sondern ganz nebenbei eine Art Verbindung, fast schon Verständnis, geschaffen. 

Zwei Musiker, zwei Schulkameraden

Auch zu Markus Schalk muss man an dieser Stelle etwas sagen: Einen besseren Bühnenpartner als seinen ehemaligen Hofnachbarn und Schulkameraden kann sich Schaf­roth wohl kaum wünschen. Während er wild gestikuliert und sich verrenkt, sitzt der Gitarrist wie ein Fels in der Brandung auf seinem Hocker, wartet auf seinen Einsatz und strahlt dabei eine vollkommene Ruhe aus. Dabei lässt er seinen Freund keine Sekunde aus den Augen und quittiert jeden Gag mit beseeltem Lächeln, so als ob er ihn heute zum ersten Mal hören würde. Natürlich ist Schalk auch ein ausgezeichneter Gitarrist, und der tosende Applaus für die Songs, gebührt beiden Musikern gleichermaßen. 

„Mein Bayernland, wo gehst du hin?“

Gesellschaftskritische Töne streut Schafroth wie zufällig in sein Programm. Etwa, wenn er über seine Kindheit spricht, als er „viel Nichts gemacht hat und das gerne“ und es noch nicht um einen lückenlosen Lebenslauf ging. Deutlicher wird er beim „fränkischen Häuslgruß“ für Neuzugezogene in Form von Schmierereien an Häusern, bevor diese in Brand gesteckt werden, und seinem Appell: „Begegnen wir allem Neuen und Fremden mit einem Lächeln.“ Das abschließende, auch auf dem Nockherberg präsentierte „Gestanzel“ schließlich lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Mein Bayernland, Frucht der christsozialen Saat. Da kann nicht jeder raus und rein, humanitas et caritas, jetzt muss a mal a Ruhe sein. Mein Bayernland, wo gehst du hin?“ 

Abschied mit Charmeoffensive

Nach zweieinhalb Stunden ehrlicher Arbeit und zwei ausgiebigen Zugaben entlässt Schafroth, dessen perfektes Timing so lässig aus dem Ärmel geschüttelt wirkt, das Publikum mit einer letzten musikalischen Charmeoffensive („My heart is only beating for Kochel, und des sing I ned an jedem Ort.“) hinaus in die Nacht. cw

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Corona in der Region: 57 neue Fälle in Weilheim-Schongau
Corona in der Region: 57 neue Fälle in Weilheim-Schongau
Penzberg: Corona-Impfzentrum in der Turnhalle
Penzberg: Corona-Impfzentrum in der Turnhalle
Penzberger Stadthalle: Das Corona-Testen hat begonnen
Penzberger Stadthalle: Das Corona-Testen hat begonnen
Für Benediktbeuerns Einheimischenmodell interessieren sich nur 40 Familien
Für Benediktbeuerns Einheimischenmodell interessieren sich nur 40 Familien

Kommentare