Herz statt Zeigefinger

Dem Klimawandel neu begegnen: oikosImpuls wagt im Cohaus tiefe Seelengänge

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Wollen es anders machen: Anja Kleer und Martin Schuster von oikosImpuls wagen eine Veranstaltungsreihe zum Klimawandel ohne erhobenen Zeigefinger.

Schlehdorf – Zarte Celloklänge wandeln dumpf durch die Gänge, Tassen und Teller klirren hell in der Küche. Im Kloster Schlehdorf herrscht wieder Leben, nachdem die letzten Schwestern den altehrwürdigen Bau verlassen haben. Leben, das auch Anja Kleer und Martin Schuster füllen wollen.

Es ist noch gar noch lange her, gut zwei Monate erst, da löste sich der Schlehdorfer Verein oikos, der sich in der Flüchtlingshilfe und der therapeutischen Begleitung junger Erwachsener engagierte, auf. Mitglieder waren weggezogen, Nachwuchs fand sich keiner. Vor der Auflösung „haben wir lange Gespräche geführt“, meint der Schlehdorfer Martin Schuster, Fahnenführer von oikos. Schließlich wurde die Liquidation beschlossen. Nun, einige Wochen später, sitzt Schuster in einer Stube im Kloster, das sich nun Cohaus Kloster Schlehdorf nennt, nachdem es die sozial orientierte Wohnungsbaugenossenschaft WOGENO gekauft hat und darin ein Wohnprojekt mit Coworking-Bereich, Gästehaus und Seminarbetrieb realisiert. Der 65-Jährige nippt an einem Wasserglas und lächelt. Gemeinsam mit seiner Frau Anja Kleer hat er oikos wieder zum Leben erweckt, mehr oder weniger, denn oikosImpuls ist kein Verein mehr, sondern eine freie Initia­tive, die sich der Nachbarschaftshilfe und dem ökologischen Engagement verschreibt. 

Was das nun mit dem Kloster respektive dem Cohaus zu tun hat? Es soll zum Wirkungsort der Initiative werden, selbstredend auch für andere, denn die WOGENO ermögliche Initiativen, „hier rein zu wachsen“, sagt Schuster, während leises Cellospiel in die Stube dringt. Die Klänge werden lauter, als Schuster aufsteht und den Gang entlang schreitet. In mehreren Räumen proben gerade Musikstudenten. Dann wird es stiller. Schuster zeigt auf einen Raum ohne jegliche Geräusche, in dem nur die Optik zählt. Dort stellt eine befreundete Malerin ihre Werke aus. Es ist nicht das einzige Atelier, 15 an der Zahl verteilen sich auf das Klostergebäude, viel Platz für freischaffende Künstler. Daneben finden sich auch Räume, die dem Wohnen dienen. Platz ist ausreichend da, „in der Anfangszeit haben 140 Schwestern hier gewohnt“, sagt Schuster. 

Einer der Räume, der große Festsaal, ist für oikosImpuls reserviert, zumindest schon einmal an vier Tagen im März, wenn die Initiative, die im Grunde genommen von dem Ehepaar Schuster-Kleer und einem kleinen Kreis an Unterstützern getragen wird, ihre Premiere mit der Veranstaltungsreihe „Klimawandeln“ feiert, deren Erlöse gemeinnützigen Zwecken, unter anderem weltweiten Baum­pflanzaktionen, zugute kommen sollen. Eine Reihe, bei der Dinge in der Tiefe verstanden werden wollen und es „ins Sinnliche geht, nicht nur auf einer Ebene“, so Kleer. Der Klimawandel werde „weder polarisierend noch moralisierend“ behandelt, ergänzt ihr Mann. Der Zeigefinger bleibt unten, stattdessen geht es an Herz und Seele. 

Den Anfang macht Schuster selbst, wenn er am kommenden Freitag, 6. März, um 19 Uhr bei einem Netzwerkertreffen aus Erich Kästners „Die Konferenz der Tiere“ vorliest, begleitet von intuitiver Musik. Im Jahr 1949 schrieb Kästner die Geschichte, „weil sich nach dem Krieg mit der Aufrüstung das Rad rückwärts drehte“, erzählt Schuster. Hoffnungen schienen vergebens, so wie sie auch heute vergebens scheinen, wenn der Klimawandel die Zukunft in düsteres Licht taucht. „Diese Geschichte ist hochaktuell“, meint der 65-Jährige. Am 20. März um 20 Uhr folgt dann ein Konzert der Bavarian Immigrants, deren Lieder sich rund um Wandel und Wandeln drehen und teilweise lustig, teilweise traurig und durchaus auch tanzbar seien, freut sich Schuster auf die Musiker, die sich seit 20, 30 Jahren kennen, aber erst seit 2018 gemeinsame Sache machen. 

Über eine Koryphäe, „die eigentlich immer ausgebucht ist“, freut sich dagegen Anja Kleer, wenn sie an den 27. März denkt, denn dann hält Richard Stiegler um 20 Uhr seinen Vortrag „Klimawandel als innere Herausforderung“. Dabei widmet sich der Psychotherapeut und Gründer der Schule „Seele und Sein“ einer „existentiellen Thematik“, nämlich der Frage, was der Klimawandel mit dem Menschen seelisch mache, welche Ängste und Ohnmachtsgefühle dieser auslöse, so Kleer. Außerdem stellt Stiegler sein neustes Buch „Warum uns der Klimawandel an innere Grenzen bringt und wie wir daran wachsen können“ vor. Ein Buch, das Kleer recht gut kennen dürfte, denn die Goldschmiedin leitet tags darauf, am 28. März, von 10 bis 18 Uhr einen Workshop zum Thema „Die seelischen Herausforderungen des Klimawandels“ (Anmeldung und Infos unter www.soulsatellites.de), in dem die Inhalte aus Stieglers Vortrag „seelisch verarbeitet werden“, wie Kleer schon mal ankündigt. Bei dem Aufarbeitungsprozess, der sich mit den individuellen Ängsten und Ohnmachtsgefühlen der Teilnehmer auseinandersetzt, „geht es ans Eingemachte“, sagt Kleer, und offenbart damit, dass in Zeiten des Klimawandels ein Seelengang nicht schaden kann. ra

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