Schuppenschonender Strom

Innovation in der Loisach: Fertigstellung des Schachtkraftwerks in Großweil rückt näher

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Holz, wohin das Auge reicht und ganz viel Wasser: Die Stege, auf denen Manfred Sporer über die beiden Schächten wandert, verschwinden, sobald die Montagearbeiten abgeschlossen sind.

Großweil – Schon bald ist das Schachtkraftwerk nahe der Loisachbrücke vollendet, und Bürgermeister Manfred Sporer sieht endlich das Modell, das er einst in Obernach bestaunte, in seinem Heimatdorf realisiert. Bevor die zweite Turbine in Betrieb geht, spaziert er noch einmal über die Baustelle.

Ein kalter Wind weht an der Loisach. Da hält auch die dickste Schurwolle nicht warm, weshalb Manfred Sporer seine schwarze Jacke über den Janker wirft. Er geht auf Holzstegen über das Schachtkraftwerk, das kurz vor der Vollendung steht. Das Wasser rauscht. Es ist das einzige Geräusch, das zu hören ist, obwohl eine der beiden fast vier Meter großen Turbinen bereits läuft. Die zweite im benachbarten Schacht soll in dieser Woche in Betrieb gehen. Wie eine gewaltige Schiffsschraube schimmert die bereits rotierende Turbine aus dem etwas trüben Wasser, langsam drehen sich ihre Schaufeln. Sporer bleibt stehen und greift ans Geländer. Die Stege werden abgebaut, sobald die Anlage fertiggestellt ist. Dann bleiben nur noch die kaum merklichen Schächte im Fluss und die aufstellbaren Wehre übrig. Und das Technikhaus, das mit seinen Bullaugen an ein kleines Schiff erinnert. „Wir sind ja ein Hochwassergebiet“, grinst Sporer beim Blick auf das Häuschen. 

Was an der Wasseroberfläche faszinierend auf denjenigen wirkt, der ins Nass starrt, ist kein Hexenwerk, sondern ein Wasserkraftwerk, dessen Funktionsweise im Prinzip ganz einfach ist: Wasser fällt über einen Wehrkörper senkrecht in einen Schacht an der Oberwassersohle, dort treibt es Turbinen samt Generator an, die das Flüssige ins Unterwasser befördern. Dabei entsteht Energie respektive Strom, Ökostrom. So lässt sich, zumindest laienhaft, das beschreiben, was in der Lois­ach nun passiert. Mit der Errichtung eines Schachtkraftwerks gewinnt die kleine Gemeine eine Pilotanlage, eine Innovation, die es so noch in keinem Fluss sonst zu entdecken gibt: ein Wasserkraftwerk ohne Buchten und Ableitungen, dafür mit einer horizontalen Einlaufebene und waagrechten Rechen mit feinen Gittern, die von Kämmen regelmäßig sauber gebürstet werden. Als der erste Schacht noch trocken lag, testete Sporer die Kraft dieses riesigen Kamms: Gemeinsam mit ein paar Männern von der Baustelle stellte sich der Rathauschef auf den Rechen und ließ sich von dem Gerät schieben. Schließlich wollte man sehen, was in dem Kamm steckt. 

Fertigstellung des Schachtkraftwerks in Großweil rückt näher

Das Schachtkraftwerk nahe der Loisachbrücke in Großweil steht vor der Fertigstellung. © ra
Das Schachtkraftwerk nahe der Loisachbrücke in Großweil steht vor der Fertigstellung. © ra
Das Schachtkraftwerk nahe der Loisachbrücke in Großweil steht vor der Fertigstellung. © ra
Das Schachtkraftwerk nahe der Loisachbrücke in Großweil steht vor der Fertigstellung. © ra
Das Schachtkraftwerk nahe der Loisachbrücke in Großweil steht vor der Fertigstellung. © ra
Das Schachtkraftwerk nahe der Loisachbrücke in Großweil steht vor der Fertigstellung. © ra
Das Schachtkraftwerk nahe der Loisachbrücke in Großweil steht vor der Fertigstellung. © ra
Das Schachtkraftwerk nahe der Loisachbrücke in Großweil steht vor der Fertigstellung. © ra

Das gesamte Konstrukt begeistert den Bürgermeister, heute wie vor zehn Jahren, als er das Forschungsprojekt der TU München und das dazugehörige Modell eines Schachtkraftwerks in der universitären Versuchsanstalt in Obernach am Walchensee sah und nach Großweil holen wollte, „aus ökonomischen und ökologischen Aspekten“, wie er sagt. Was er dann auch gemeinsam mit den Gemeindewerken Garmisch-Partenkirchen und dem Stromversorgungsunternehmen Kraftwerk Farchant als „Dreierkombination“, so Sporer, getan hat, „weil man was Innovatives auf den Weg bringen wollte“. Innovation, die aber nicht ohne das ein oder andere Hindernis in das Dorf an der Loisach kam, mal äußerten der Bund Naturschutz und der Fischereiverband ihre Bedenken, die letztlich vor das Verwaltungsgericht führten. Mehrere Male spielte das Wetter nicht mit und verzögerte das Vorankommen, mal streikte eine Turbine wegen eines Ölschadens. Letzteres kam für Sporer überraschend, die Vorbehalte von Seiten der Naturschützer und Fischer dagegen nicht. Vor Gericht gefundene Kompromisse ließen deren Einwände aber schließlich abebben. 

Abebben sollte das Wasser der Lois­ach nicht, denn seit knapp zwei Wochen arbeitet die erste Turbine. Sie „ist in Nass- beziehungsweise Echtbetrieb“, so Sporer, der nun auf dem Steg über der Stelle steht, wo hinter dem Schacht das Wasser hervorquillt. Viele kleine Wirbel rotieren dort, wo das Wasser sich von unten an die Oberfläche kämpft. Sobald die zweite Turbine unter Wasser stehe und laufe, werden die Wirbel verschwunden sein, sagt der Bürgermeister. Das Wasser strömt dann einfach flussabwärts. Rund 2,4 Millionen Kilowattstunden Strom sollen beide Turbinen im Jahr erzeugen, damit könnte rein theoretisch der Strombedarf von Großweil samt Weiler abgedeckt werden. Ohne dass dabei die Fische zu schaden kommen, immerhin befindet sich die Anlage in einem Flora-Fauna-Habitat-Gebiet. „Die Fische werden nicht angesaugt oder angepresst“, betont der Bürgermeister. Die einzelnen Streben auf den Rechen sind durch gerade einmal 20 Millimeter große Abstände voneinander getrennt, „alles, was größer ist, gelangt gar nicht rein“, erklärt Sporer und streift mit seiner Hand über das Gitter der beiden Rechen, die in den zweiten Schacht noch eingesetzt werden müssen. Auch sind die Rechen so groß, dass eine niedrige Strömungsgeschwindigkeit erzeugt wird. Auf beiden Seiten der Anlage befinden sich zudem Fischaufstiegshilfen, mehrere hintereinandergeschaltete Becken, die den Tieren den Weg leiten und an die Unterwasserströmung angebunden sind. Schließlich sei es schwer, den „Fischen mit Verkehrszeichen mitzuteilen, wo es langgeht“, meint Sporer. „In der breiteren der beiden Fisch­treppen fließen 600 Liter Wasser in der Sekunde durch“, sagt Sporer und wendet seinen Blick ab von der stillen Aufstiegshilfe auf das rauschende Wasser. Wasser, das nun Strom erzeugt, auf eine völlig neue Art und Weise, und schuppenschonend. ra

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