Wider das Vergessen

Gedenken am Mahnmal: Seeshaupt erinnert sich

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Die Erinnerung wach halten: die Historikerin Marita Krauss mit den Geistlichen James Cohen, Mladen Znahor und Sandra Gassert (von links).

Seeshaupt – Seit über 20 Jahren steht es an der Bahnhofstraße, das eiserne Mahnmal, und lässt das nicht vergessen, was in der Gemeinde im April 1945 geschah: amerikanische Soldaten befreiten etwa 2.000 KZ-Gefangene am Bahnhof aus einem Güterzug. Jahr für Jahr wird an dieser Stelle daran erinnert.

Sie stand ihren prominenten Vorrednern wie Max Mannheimer, Pater Odilo Lechner, Hans-Jochen Vogel, Heribert Prantl oder zuletzt Peter Küspert in keiner Weise nach, auch wenn sie die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachtete. Bei der jährlichen Gedenkfeier am Mahnmal in Seeshaupt sprach diesmal Marita Krauss, Professorin für Europäische Regional- sowie für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg, die sich auf vielfältige Weise mit Flüchtlingsschicksalen, Migration und Integration beschäftigt hat. 

In einer Andacht, musikalisch begleitet von dem Saxophonisten Thomas Bouterwek, gedachten Pfarrer Mladen Znahor, die evangelische Pfarrerin Sandra Gassert und James Cohen von der jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München der Ereignisse vom 30. April 1945, als amerikanische Soldaten etwa 2.000 KZ-Häftlinge am Seeshaupter Bahnhof aus einem Güterzug befreiten. Cohen übermittelte dabei einen Gruß von Louis Sneh aus den USA, einem, der damals befreit wurde und der früher regelmäßig zu der Gedenkfeier anreiste. Er ist inzwischen 92 Jahre alt und ließ ausrichten: „Dank euch glaube ich an Menschlichkeit.“ In diesem Jahr habe er die Strapazen der Reise nicht auf sich nehmen können, aber „ich komme wieder“, ließ er verkünden. 

Sandra Gassert betonte die Wichtigkeit der jährlichen Gedenkfeier: „Es wäre schlimm, wenn die schrecklichen Vorkommnisse dieser Zeit mit den Jahren weichgezeichnet würden.“ Und Pfarrer Znahor bat um Kraft zur Erinnerung, um widerstehen zu können. Bürgermeister Michael Bernwieser wiederum dankte den 110 Besuchern und allen Helfern, allen voran dem Ehepaar Renate und Bero von Fraunberg sowie Heidrun Graupner und Heidi Lechner, die alljährlich für die Einladung hochkarätiger Redner gewinnen. 

Dieses Mal war dies Marita Krauss, die sagte: „Das Seeshaupter Mahnmal ist ein wichtiges Zeichen der Erinnerung an das, was wir nie vergessen dürfen, denn es erinnert an das, was Menschen anderen Menschen antun können.“ Die „Fratze des Nazi-Regimes“ sei damals den Deutschen unverhüllt entgegengetreten, und sie mussten sich den Fragen nach der eigenen Schuld stellen. Es seien zwar nicht die Seeshaupter gewesen, welche die Häftlinge des Konzentrationslagers in die Züge verladen hatten, aber sie trügen wie alle die Verantwortung für das, was geschah. „Deswegen stehen wir heute hier an diesem Mahnmal und erinnern uns“, sagte Krauss. 

Nach 1945, so die Historikerin, hatten die Menschen viele Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten aufzunehmen. „Schon damals wuchs die Ablehnung des Fremden, das Unbehagen gegenüber denen, die vielleicht unsere Ruhe und Ordnung, unseren Frieden und unseren selbstverständlichen Wohlstand stören könnten. Diese Angst sitzt tief, denn es ist die Angst vor Überfremdung, vor Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, vor einem Verlust von Besitz und Privilegien“, so Krauss. Die Fremden wollte man nicht, man fürchtete sie und lehnte sie deshalb ab, ein Verhaltensmuster, das sich derzeit wiederhole. Dabei sei in der Geschichte die Migration die Normalität, nicht der Ausnahmefall gewesen. Neue Chancen zu suchen sei oft das Ziel gewesen, auch viele Deutsche machten sich immer wieder auf den Weg in eine neue Heimat. „Und immer wieder wurden Menschen auch zwangsweise deportiert, verschleppt, transportiert“, betonte Krauss und erinnerte an die Auswanderer des 19. Jahrhunderts nach Übersee, die italienischen Ziegelarbeiter vor dem Ersten Weltkrieg, an die Zwangsarbeiter der NS-Zeit, an Flüchtlinge und Vertriebene und an die ausländischen Arbeitnehmer der Wirtschaftswunderzeit. „Immer wieder kam bei ihrer Ankunft die Angst auf, das sei nicht zu bewältigen. Und immer wieder lehrte die Erfahrung, dass es anders war“, so Krauss. 

Nicht Angst, sondern Optimismus sei gefragt und der speise sich auch aus den Erfahrungen, an die das Seeshaupter Mahnmal erinnert: Obwohl es 1945 nicht so aussah, wurde Deutschland doch wieder ein geachtetes Mitglied der Völkerfamilie. „Gerade vor dem Hintergrund der Geschichte steht es uns gut an, aus den Erfahrungen zu lernen“, sagte Krauss.fw

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