Picobello auch ohne Mülleimer

Dreck am Walchensee: Gemeinde und Verkehrsverein sehen keinen Handlungsbedarf

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Schilder statt Abfalleimer – seit gut 20 Jahren gehören sie zum Konzept des mülleimerfreien Walchenseegebiets, zeigen aber nicht immer Erfolg.

Walchensee – Wer am Walchensee sein Badetuch ausbreitet, der sieht türkisblaues Wasser und Segler vor einer Bergkulisse, aber eines sicher nicht: Abfalleimer. Um ausufernde Müllansammlungen zu vermeiden, werden öffentliche Behältnisse nämlich gar nicht erst aufgestellt.

Als die Walchenseer Wasserwacht Mitte August Bilder von überbordenden Mülleimern für Hundekot und verschmutzten, zugemüllten Dixi-Klos postete, erhielt das Thema viel Aufmerksamkeit in den sozialen Medien. Dabei wurde nicht nur Entrüstung über die Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität geäußert, sondern oftmals auch Verwunderung darüber, dass es an den Badestränden des Walchensees keine öffentlichen Mülleimer gibt. Die Gemeinde Kochel sieht jedoch keine Veranlassung zum Handeln und setzt stattdessen auf das Umweltbewusstsein der Ausflügler, die zur Erholung in das Landschaftsschutzgebiet kommen. 

Müll im Rucksack, nicht im Eimer

Über 33.000 Klicks, mehr als 300-maliges Teilen und weit über 100 Kommentare auf dem Facebook-Account der Wasserwacht Walchensee – der nachlässige Umgang von Tagesausflüglern mit ihrem Müll an einem der schönsten Seen Oberbayerns hat viele Gemüter erhitzt. In den Posts tauchte neben Kritik an diesem rücksichtslosen Verhalten auch immer wieder die Frage auf, weshalb die Gemeinde am Walchensee keine Mülleimer aufstellt. Kochels Bürgermeister Thomas Holz antwortet darauf gleich mit mehreren Gegenfragen. Man müsse sich doch viel eher fragen, meint er, weshalb diejenigen, die den Müll mitbrächten, ihn nicht auch entsorgen. „Warum nehmen die Erholungssuchenden ihren Abfall nicht in der gleichen Tasche mit nach Hause, in der sie ihn zuvor an den See getragen haben“, überlegt Holz ganz pragmatisch. In den Kopf will ihm auch nicht, dass einige genau in jener Landschaft, wegen deren Schönheit sie anreisten, ihren Müll hinterließen und somit deren Zerstörung bewusst in Kauf nähmen. „Gerade in der heutigen Zeit, in der so intensiv über Klima- und Naturschutz diskutiert wird, sollte doch eine gewisse Eigenverantwortung selbstverständlich sein, statt reflexartig von der Gemeinde einfach mehr Mülleimer zu fordern“, ärgert sich der Rathauschef. Zudem drängt sich ihm als weitere Frage auf, weshalb die Bürger seiner Gemeinde die Entsorgung „fremden“ Mülls bezahlen sollten, schließlich müsste die gesamte Abwicklung „über allgemeine Steuergelder finanziert werden“. 

Naturschutz im Vordergrund

Anders als etwa am Staffelsee seien am Walchensee keine Strandbäder mit entsprechender Infrastruktur wie Restaurants, Toiletten, Duschen und Abfalleimern eingerichtet worden. „Wer dergleichen in ausreichender Zahl bei seinem Badeausflug wünscht, ist an anderen Seen sicherlich viel besser aufgehoben“, betont Holz. Der Walchensee sei schließlich ein ausgewiesenes Landschaftsschutzgebiet, bei dem „nicht der Spaß und Komfort der Gäste im Vordergrund steht, sondern vor allem der Schutz dieser besonderen und einzigartigen Natur“. Mehr Mülleimer sind für den Bürgermeister keine Option. Über die Jahre hinweg habe man nämlich die Erfahrung gemacht, dass mit weniger Mülleimern auch weniger Müll anfalle. „Es gibt doch auch noch die Vernünftigen, die ihren Abfall wieder mit nach Hause nehmen“, folgert Holz. Stelle man hingegen öffentliche Müllbehälter auf, würden diese nicht nur für beim Ausflug anfallenden Unrat genutzt, sondern auch zur Entsorgung von Haus- und Sondermüll missbraucht, ist Holz überzeugt. 

Ein Problem, das sich verlagert

Martin Sperr vom Verkehrsverein Walchensee pflichtet dem Bürgermeister bei. Sperr weiß, dass es im Ort und auch innerhalb der Vereine durchaus Befürworter öffentlicher Mülleimer gibt. „Das hatten wir früher auch“, berichtet er, aber nach schönen Wochenenden sei so „exorbitant“ viel Müll angefallen, dass man die großen Eimer darunter gar nicht mehr gesehen habe. Deshalb habe man vor gut 20 Jahren gemeinsam mit dem Landratsamt in Bad Tölz ein neues Konzept entwickelt, nämlich den mülleimerfreien Walchensee. „Das funktioniert auch weitestgehend gut“, findet Sperr. Nur zu Spitzenzeiten wie in Hitzeperioden, „werfen besonders viele unsensible Leute das Konzept über den Haufen“, räumt er ein. Viele schmissen ihren Abfall einfach in die nächste Hundetoilette, im Wissen, dass diese ja ohnehin geleert wird. Und noch etwas hat Sperr beobachtet: Da es am Walchensee keine Mülleimer gibt, wollen die Ausflügler ihren Abfall auf dem Heimweg entsorgen. Und zwar so früh wie möglich, weshalb inzwischen die Müllbehälter im Umkreis, nämlich an der Bundesstraße am Kesselberg sowie an der Staatsstraße zwischen Kochel und Schlehdorf, von den zuständigen Behörden ebenfalls abgebaut wurden. „Nun verlagert sich das Problem auf die Autobahnparkplätze“, meint er achselzuckend. 

Weniger Abfall beim Ramadama

Dass die Wasserwacht in den sozia­len Medien auf das unleidige Thema aufmerksam gemacht hat, findet Sperr gut, auch wenn er die unschönen Bilder für „Ausreißer an ein paar Hotspots“ hält. Im Großen und Ganzen sieht er die Müllentsorgung, auf das gesamte Sommerhalbjahr gesehen, jedoch als unproblematisch. Seit 20 Jahren hilft Sperr, der auch bei der Walchenseer Feuerwehr aktiv ist, beim jährlichen Ramadama mit und hat währenddessen sogar sinkende Müllmengen festgestellt. „Die Umweltausbildung der Leute hat sich schon verbessert“, glaubt er und rät dazu, das Konzept der mülleimerfreien Zone auf keinen Fall aufzugeben. Statt die Entsorgungskosten den Bürgern aufzuhalsen, solle man lieber so verfahren wie bislang: „Die Staatsforsten, der Bauhof und die Bürger beim Ramadama, alle machen ihren Job und halten den See picobello sauber“, lobt Sperr. cw

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