Kunst in Kinderaugen

Franz Marc Museum: Weitere Hörstücke für kleine Besucher von kleinen Besuchern

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Bei der Präsentation ihrer Geschichten, die sie mit Museumsmitarbeiterin Leonore Maria Pflanzer (rechts) gesponnen hatten, waren die Kinder mit ihren Hörstücken äußerst zufrieden.

Kochel – Ein Helikopter schwirrt über der Pferdeschar auf Franz Marcs Werk „Große Landschaft I“. Kunstkenner werden sich nun am Kopf kratzen. Seit wann schwebt der Flugkörper auf dem Gemälde im Franz Marc Museum? Seitdem Kinder das Bild genau betrachtet haben, festgehalten auf dem Kinderaudioguide.

Eigentlich ist dieser Audioguide für die ganz jungen Besucher des Museums gedacht. Hörstücke, kurze Geschichten zu rund 20 Werken, die zum Träumen und Nachdenken animieren, die den Blick auf die Kunst lenken und die Neugierde auf die Kunst wecken. Doch bei der Vorstellung der vier neuen Hörstücke, eingesprochen von den Kindern der Franz Marc Grundschule, wird eines deutlich: Die Geschichten vermögen auch Erwachsene zu rühren. 

Dabei war das Vorgehen eigentlich ganz einfach: Museumsmitarbeiterin Leonore Maria Pflanzer schaute sich gemeinsam mit den Schülern eine Handvoll Bilder genau an, die das Repertoire des Kinderaudioguides aufstocken sollen. Es seien „Schlüsselbilder“ gewesen, so Pflanzer, die damit Bilder meint, deren Betrachtung wie ein Schlüsselerlebnis ist. Und diese Schlüsselerlebnisse „haben Geschichten in uns wachgerufen“. Und das Wachgerufene hielten die Kleinen dann im Tonstudio von Tomas Bastian in Murnau fest, wobei sie aus einem großen Archiv, prall gefüllt mit Geräuschen, die Szenen akustisch untermalen ließen. Für Bastian, der schon am Ton für Kinofilme wie „Das Siegel“ von Xaver Schwarzenberger oder „Pünktchen und Anton“ von Caroline Link mitgearbeitet hat, war dieses Projekt „was ganz anderes“. Etwas anderes, das er als „Bereicherung“ betrachte, denn beeindruckt ist er noch immer von dem Entscheidungswillen der Kinder. „Ihr wusstet ganz genau, was ihr hören wolltet“, lächelt Bastian den Grundschülern bei der Präsentation der Ergebnisse entgegen. Und so verängstigt nun der vibrierende Lärm eines Helikopterrotors Franz Marcs Pferde auf dem Gemälde „Große Landschaft I“. Die durstigen Tiere ahnen nicht, dass der Hubschrauber die Landschaft nur retten möchte, die in einem nahen Waldbrand unterzugehen droht. Wasser fällt vom Himmel auf das lodernde Feuer, das knisternd vom Band läuft. Nein, Franz Marc hat 1910 gewiss keinen Hubschrauber auf sein Werk gesetzt, und auch keinen Waldbrand. Doch das tut nichts zur Sache, es ist die vom Anblick der Gemälde beflügelte Fantasie, die sich auf dem Kinderaudioguide hören lässt. Und da ist es nicht von Belang, was das Bild nun zeigt oder nicht, die Kinder denken „out of the box“, oder besser gesagt jenseits des Rahmens. Dass sie dabei dem Zuhörer aber die Freiheit lassen, eigene Gedanken zu dem Gemälde zu finden, macht deutlich, dass hier eine Museumsmitarbeiterin ihre Finger im Spiel hatte. So werfen die kleinen Interpreten beispielsweise Fragen in den Raum, die sie dann den Betrachter fangen lassen. Ob es nun geflüchtete gezähmte oder doch wilde Pferde sind, darüber spekulieren die Stimmen des Hörstücks so trefflich. 

Auch vor tiefgreifenden Gedankengängen schreckten die Kinder als Geschichtenerzähler nicht zurück. Alexej von Jawlenskys „Die Bucklige“ aus dem Jahre 1911 wagten die Kinder in ihrer Geschichte gar nicht auf den opulenten Buckel zu reduzieren: in einer Arztpraxis erblickt ein Mädchen die Bucklige, die ihre gegenüber sitzt. Es spricht die Fremde an, nicht wegen des deformierten Rückens, sondern wegen des betrübten Blicks in ihrem Gesicht. Und der hat, wie sich herausstellen soll, nichts mit dem Buckel zu tun. Im Hintergrund klingelt immer wieder das Telefon an der Rezeption, Gemurmel von Patienten und Arzthelfern begleitet das Gespräch, das sich zwischen dem Mädchen und der Buckligen entfaltet. Eine Begegnung, die das Mädchen noch lange nachdenklich stimmen wird und die ihr eines bewusst macht: „Nicht nur Sichtbares kann weh tun, auch unser Herz.“ In philosophische Gefilde à la „Der kleine Prinz“ begeben sich da die Schüler. Und damit in Gefilde, die auch älteren Museumsbesuchern behagen dürften. Wenn also schon bald Erwachsene zum Kinderaudioguide greifen, so dürfte das nicht verwundern. Ausreichend Erzählstoff ist jedenfalls vorhanden, denn mit den neuen Hörstücken spielt der Kinderaudioguide nun über 20 Geschichten ab. Blaue Pferde neben den Gemälden im Museum zeigen dabei an, für welches Werk ein Hörstück aufgenommen wurde. Ein Ohr-Symbol markiert dagegen die Gemälde für den gewöhnlichen Audioguide, der zwar auch von vielem zu erzählen weiß, aber gewiss nicht von Franz Marcs Helikopter. ra

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