Zum 20-Jährigen öffnet die Kunstzeche im Stadtmuseum das Tor zu Welt

Unterwegs mit Kopfgepäck

Kopf im Koffer statt Koffer im Kopf: Das Werk der Gymnasiastin Marie Beyerle bringt Thomas Grubert und Freia Oliv zum Schmunzeln. Eine Reise in die familiäre Vergangenheit schnitzte Susanne Hanus (rechts) auf einen Holzparavent.

Penzberg – Von Menschen, die aufbrechen, und solchen, die davon träumen: Mit Bewegung, ob tatsächliche oder ersehnte, möchte die Kunstzeche im Museum Penzberg die Besucher auf eine Reise schicken, ob nun innerlich oder äußerlich, ob nun mit Kopf- oder Handgepäck. 

Reisen erfordert nicht unbedingt einen Ortswechsel, Träumer können auch im Kopf die Segel setzen, denn sie tragen ihr Gepäck immer bei sich, haben ihren „Koffer im Kopf“. Unter diesem Motto steht die Sonderausstellung zum 20-jährigen Jubiläum der Kunstzeche, die derzeit im Museum Penzberg zu sehen ist. Wer sich dort auf die Exponate einlässt, kann feststellen, dass sich deren Entstehungsprozess als Reise in eine andere Welt erweist. 

Im Jahr 1998 haben ein paar Kunstfreunde die Idee, einen Verein zu gründen, um zeitgenössischer, regionaler Kunst einen Raum zu geben. Und das haben sie geschafft. Die Kunstzeche hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten über 70 Ausstellungen, Kunstaktionen und Jazzkonzerte ins Leben gerufen. Grund für das Museum Penzberg, dieses Jubiläum mit einer zweiteiligen Sonderausstellung zu feiern. Der erste Teil, der aktuell präsentiert wird, zeigt „Vertrautes und Unerwartetes“, so Thomas Grubert, der Vorsitzende der Kunstzeche. Der zweite Teil wird sich im nächsten Jahr dann rebellisch geben und„alles auf den Kopf“ stellen, so Grubert, der auch mit eigenen Werken vertreten ist, darunter ein Selbstbildnis, das von dem Moment, wenn einem alles über den Kopf wächst, und dem Wunsch des Ausbrechens erzählt. 

Die Ausstellung sei das Ergebnis eines Gedankenspiels, das sich „an mehreren Abenden über mehrere Stunden“ entsponn, erinnert sich Grubert, während er gemächlich durch die Sammlung schlendert und über das eine oder andere Werk philosophiert. Ein Exponat hat es ihm besonders angetan: ein titelloses Werk von Martin Lehmer. Es handelt sich um eine aufgebrochene Holzfaserplatte in dunklem Grau, das den Aufbruch im doppelten Sinn zeigt. Zum einen erinnert das Werk an felsigen Grund und somit an die Bergbauzeit der Stadt, zum anderen lässt sich die aufgebrochene Struktur wörtlich nehmen: der Aufbruch, also das Ausreißen, Loslassen, Fortziehen, in abstrakter Manier dargestellt. 

„Vielleicht ist der Traum schon ihre Reise“, meint Grubert beim Blick auf eine junge Frau im apfelgrünen Kleid, die ein paar Meter weiter in einen tiefen Schlaf gefallen ist, unmittelbar zwischen Hebeln im Schalthaus von Huglfing. In Petra Moßhammers Pastellgemälde „Weichenstellung“ stellt das Träumen die Weichen, um in die Ferne zu ziehen. 

Wenige Schritte weiter wird es plastisch, in einem Objekt von Monika Supé. Die Künstlerin, die eigentlich in der zweidimesionalen Welt der Zeichnung zu Hause ist, bricht aber hin und wieder auch in andere Gefilde auf. Eine Reise, bei der sie ihre künstlerische Identität aber nicht verleugnet, denn ihre „Reusenhäuser“, aus Draht gehäkelte Bauten, sehen aus „wie eine Schraffur, Linien, die dreidimensional werden“, sagt Supé. Ein LED-Licht scheint auf die wenige Zentimeter großen Gebäude und lässt einen Schattenwurf an der weißen Museumswand entstehen. Ein Werk, welches das Koffermotiv der Ausstellung konterkariert, sind Häuser und Reusen doch Orte des Aufenthalts und des Eingenommenseins. 

Darüber hinaus haben zahlreiche weitere Künstler ihr Kunst-Gepäck im Museum abgestellt: Michael von Brentano zeigt ein Absurditätenkabinett in der alten Bergarbeiterwohnung, gelbe Wolken von Wolfgang Finck wandern entlang des Treppenaufstiegs nach oben, und Susanne Hanus klappt ihren Holzschnitt-Paravent auf und eröffnet dabei eine Bilderwelt mit Familienmomenten. Doch auch der Nachwuchs trägt Kopfgepäck mit sich: Collagen, Zeichnungen und Malereien des Penzber­ger Gymnasiums und der Mittelschule breiten sich im obersten Stockwerk aus und berichten von Reisen, Sehnsuchtsorten, Gedankenausflügen. Darunter ein verlebter Koffer, aus den die Gymnasiastin Marie Beyerle ein Relief-Gesicht blicken lässt. Sie stellt das Thema der Austellung auf den Kopf, ein Wink auf die zweite Ausstellung. Museumsleiterin Freia Oliv freut sich jedenfalls, die Besucher nun auf eine Reise „in anderer Leute Mysterien“ und durch das „Tor zur Welt“ schicken zu können: „Sie werden mitten in Penzberg Freiheit, Melancholie und Euphorie des Reisens kennenlernen.“ Eben Unterwegssein mit Kopfgepäck. ra 

Auf kleinem Raum in andere Welten aufbrechen: Bis 3. März ist die Sonderausstellung „Koffer im Kopf“ im Museum Penzberg – Sammlung Campendonk zu besichtigen. Der Eintritt kostet 7 Euro (ermäßigt: 6 Euro).

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