Männer im Zapfen

„Skulpturen und Zeichnungen“: Anthony Cragg im Franz Marc Museum

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Die Natur als Ausstellungsraum: Zur Freude des Künstlers Anthony Cragg steht seine „Gabelung“ mitten im Grünen.

Kochel – Sie ist starr, fest, hart, aus Bronze eben. Und doch scheint sie beweglich zu sein, die Skulptur, die sich gleich einer Wirbelsäule nach oben rankt. Der Bildhauer Anthony Cragg ist mit „Skulpturen und Zeichnungen“ nun vorm und im Franz-Marc-Museum vertreten. Doch er ist nicht allein.

Craggs patinierte Bronzeskulptur begrüßt den Besucher auf dem Weg vom Parkplatz zum Museum. Dabei stapeln sich plastische Ellipsen und Kreise zu einer versinnbildlichten dynamischen Bewegung nach oben. „Gabelung“, heißt das Werk, denn „eine Gabelung ist Gabel und Giebel zugleich“, sagt Cragg, so dass seine Plastik zwei Bewegungen zugleich vollzieht, eine in die Höhe und eine in die Breite. Die Platzierung im Freien lässt den gebürtigen Briten, der bereits seit Jahrzehnten in Wuppertal lebt, lächeln. Denn die besondere Reflexion natürlicher Wachstums- und Entwicklungsvorgänge durch seine Skulpturen sei inmitten der Natur gut aufgehoben, denn dort sei sie, die Reflexion, am besten erfahrbar. Schließlich sollen die Plastiken den Betrachter „auf die Verwandtschaft künstlerischer und natürlicher Schöpfung hinweisen“, wie Cragg das beschreibt. Und das, obwohl Kunst doch so ungern einer Erklärung bedarf. 

Schlendert man weiter ins Museum, so finden sich dort Werke, die nicht wie die „Gabelung“ eigens für das Franz Marc Museum in Craggs Wuppertaler Atelier gefertigt wurden, vielmehr zeigt sich dort ein Rundumschlag aus der fast fünfzigjährigen Schaffenszeit des Bildhauers. Wer sich auf der Treppe in den zweiten Stock hinaufschwingt, der sieht, welche außergewöhnlichen Beitrag Cragg für die zeitgenössische Skulpturenkunst geleistet hat: aus Holz, Glas, Marmor, Aluminium und Stahl türmen sich dort Plastiken auf, wobei „We 1915“ besonders viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auf den ersten Blick glaubt man, einen überdimensionalen Pinienzapfen vor sich zu haben, der sich bei genauerer Betrachtung aber als Zusammenfügung zahlreicher Männerköpfe mit immer demselben Gesicht entpuppt. 

Doch Cragg beansprucht derzeit nicht das gesamte Museum, denn mit „100 Werke – Neuer Blick“ ist da noch eine Sonderausstellung, deren Schwerpunkt beim neuen Sammlungskatalog liegt, der nun, zehn Jahre nach der Eröffnung des neuen Museums, vorliegt. Die Ausstellung scheint dabei ein Versuch zu sein, die komplette Sammlung zu erfassen, diese mit anderen Augen zu sehen und bisher weniger beachtete Schöpfungen zu berücksichtigen, ohne dabei die bedeutendsten Werke in den Hintergrund zu rücken. Zugleich offenbart der Katalog, wie sich das Museum in den vergangenen Jahren verändert, modifiziert und fokussiert hat. 

Auch diese Ausstellung beginnt draußen im Park, wo die Skulpturen von Per Kirkeby und Anthony Cragg die Architektur und die Lage des Museums betonen, während im Innern die Leitideen hervortreten, welche Direktorin Cathrin Klingsöhr-Leroy zusammen mit Burcu Dogramaci in einem Seminar zur Geschichte und Gegenwart des Sammlungskataloges einer ganzen Reihe von Münchner Studenten der Kunstgeschichte bereits nahegebracht hat. Dies hatte zu einer interessanten Kooperation geführt, in der über zahlreiche Varianten dieser Publikationsform nachgedacht und diskutiert wurde. Auf dieser Basis entstand der neue Katalog mit der Vorstellung der 100 charakteristischsten Werke und Essays zu den Themen der Sammlung. 

Aus rund 2.000 Blättern im Depot musste dabei eine Auswahl getroffen werden. „Wir konnten nur die Rosinen herauspicken“, meint Steffen Heinicke, der alle Abbildungen ablichtete. Die Ausstellung zum Katalog ist als Entdeckungsreise konzipiert und inspiriert. So manches Werk erscheint in unerwarteten Zusammenhängen, andere präsentieren ihre Rück- statt Vorderseite, und auch Arbeiten kommen zum Vorschein, die bislang verborgen waren. Darüber hinaus lässt sich nun auch der rege Schriftwechsel Franz Marcs mit seinen Freunden und Kollegen anhand illustrierter Postkarten verfolgen. In einem weiteren Raum wird den Kapiteln Bauhaus und Nachkriegsabstraktion Rechnung getragen, und selbstredend sind auch die altbekannten Werke der Sammlung von Marc und Kandinsky, Münter und Klee, von Macke und Jawlensky, Kirchner, Heckel und Beckmann zu sehen. fw 

Die Ausstellungen „Skulpturen und Zeichnungen“ von Anthony Cragg und „100 Werke – Neuer Blick“ sind noch bis 6. Oktober im Franz Marc-Museum in Kochel zu sehen.

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