Verfahrene Situation in Alcatraz

Nicht genehmigte Lärmschutzwände bringen Großweil ganz gewaltig in die Bredouille

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Die Sonnenhöfe an der Kocheler Straße: Die Höhenreduzierung der begrünbaren Lärmschutzwand könnte zur nachträglichen Genehmigung führen, wirkt sich aber negativ auf den Lärmschutz aus.

Großweil – Beim Großweiler Fasching sorgten die Sonnenhöfe, die von einer mannshohen Lärmschutzwand umgebenen Neubauten an der Kocheler Straße, noch für Lacher, denn der durchs Dorf geisternde Vergleich mit der amerikanischen Gefängnisinsel Alcatraz war eine Steilvorlage für die Maschkera.

Die närrische Zeit ist aber längst vorbei, das Lachen bleibt nun all jenen im Hals stecken, die mit dem Projekt befasst sind. Im Strudel von Vorschriften und Schuldzuweisungen verlässt der Diskurs inzwischen die Sachebene: Es gibt zwar eine neue Tektur, die aber die Angelegenheit wohl nicht befrieden wird, denn nicht nur die Ansichten der beteiligten Personen scheinen unvereinbar zu sein, sondern auch die Belange von Baurecht und Lärmschutz.

Als Strich in der Anlage

Mit seiner Höhe von bis zu 2,30 Meter überschreitet der Lärmschutzwall sowohl die Höchstwerte der bayerischen Bauordnung als auch jene der Ortsgestaltungssatzung und ist damit genehmigungspflichtig. Das Landrats­amt Garmisch-Partenkirchen hatte zwar Ende 2017 eine Baugenehmigung für die vier Wohngebäude erteilt, diese bezog sich jedoch nicht auf die Lärmschutzwand, was von dem aus Oberhaching stammenden Bauträger anders interpretiert wurde. In den Details zum Immissionsschutzgutachten sei zum Schutz des Freibereichs auf eine „entlang der Straße an der Grundstücksgrenze verlaufende begrünbare Lärmschutzwand in einer Höhe von drei Metern“ hingewiesen worden, sagt Projektleiter Albert Schöberl. Aus Sicht des Landratsamtes war ein Lärmschutzwall allerdings weder im Gutachten erwähnt noch auf den Bauzeichnungen ersichtlich, sondern laut Sprecher Stephan Scharf „lediglich in einer Anlage des Gutachtens als Strich auf zwei Seiten des Grundstücks dargestellt“. Statt den Bau zu errichten, hätte der Bauherr demnach zunächst eine Ausnahmegenehmigung beantragen müssen. 

Ungläubiges Staunen und ein „Schandfleck“

Als sich Schicht um Schicht der Konstruktion an drei Seiten um das neue Quartier wand und diese Lastwagenladungen voller Erde aufnahm, sorgte das für ungläubiges Staunen bei Bürgern und Widerstand der Freien Wählergemeinschaft (FWG). „Wir beauftragen doch nicht eine Städteplanerin und erlassen extra eine Satzung für den Ortskern, um dann einen Schandfleck gegen einen anderen einzutauschen“, meint FWG-Gemeinderat Karl Steingruber. Er verstehe ja, dass der Bauträger groß bauen müsse, damit sich die Investition lohne, und ursprünglich habe man auch einen Konsens über die Optik der Häuser gefunden, aber von einem Lärmschutzwall sei „nie die Rede“ gewesen. Gleich nach dessen Bau habe man im Gemeinderat darüber diskutiert, danach habe die FWG-Fraktion beim Landratsamt nachgefragt und erfahren, dass der Wall nicht genehmigt sei, erläutert Steingruber. Die Behörde hatte daraufhin einen sofortigen Baustopp angeordnet. 

„In gewissem Sinne ist es ein Schwarzbau“

„Der Bauherr hätte mit dem Bauantrag gleich eine Ausnahmegenehmigung mitbeantragen sollen“, erklärt Bürgermeister Manfred Sporer, denn eine Einfriedung stelle eine separate bauliche Maßnahme dar. Dann räumt der Rathauschef ein: „In gewissem Sinne ist es ein Schwarzbau.“ Für diesen lieferte Projektleiter Schöberl nun eine Tektur, welche Sporer in Absprache mit dem Bauamt der Verwaltungsgemeinschaft Ohlstadt unverzüglich ans Landratsamt gab. In der April-Sitzung will er mit dem Gemeinderat darüber beraten, denn wird die Sache nicht innerhalb von zwei Monaten behandelt, gilt dies als fiktive Zustimmung. 

Ein Spießrutenlauf für die Neubürger

Derweil sieht Schöberl die Neubürger durch den Begriff Alcatraz einem Spießrutenlauf ausgesetzt. „Meine Leute müssen sich beim Einkaufen blöd anreden lassen“, klagt er und hält auch die Aussage der FWG, sie werde eine Genehmigung der Lärmschutzwand verhindern, für „populistische Wahlversprechen“. Als sein Planer jüngst vom Balkon nach Westen blickte und ihn auf eine baurechtliche Unzulässigkeit auf einem benachbarten Anwesen aufmerksam machte, platzte Schöberl der Kragen. Ihm werde Schwarzbau vorgeworfen, dabei halte sich nach seiner Recherche selbst die Verwandtschaft amtierender FWG-Gemeinderäte nicht an die Bauordnung und die Ortsgestaltungssatzung, poltert er. Bürgermeister Sporer teilt dazu mit, die Gemeinde habe in der Sache bereits Kontakt mit dem Eigentümer aufgenommen, die Angelegenheit befinde sich im Schwebezustand. Aufgrund der im Dorf wiederkehrenden Verstöße gegen die Ortsgestaltungssatzung will Sporer zudem im Gemeinderat deren Überarbeitung anpacken. 

„Irgendwann wird das wieder gut“

Karl Steingruber weist indes den Vorwurf von sich, sein Engagement sei dem Wahlkampf geschuldet. „Es geht ums Dorf und um die Bürger“, betont er, und viele Großweiler fragten sich, was ihr Gemeinderat da zugelassen habe. „Ganz wegbringen werden wir die Wand nicht“, glaubt Steingruber. Wenn aber die Sache vor Gericht im Sinne des Bauträgers entschieden werde, verstehe er die Welt nicht mehr. Was den Begriff Alcatraz angehe, so wolle er „nicht immer den Bad Boy spielen“, zumal er weiterhin von den Sonnenhöfen spreche. Man solle aber auch nicht auf die Tränendrüse drücken, denn die neuen Bürger würden sich schon integrieren, sei es über Vereine oder über die Kinder. „Irgendwann wird das wieder gut“, ist Steingruber überzeugt. Der FWG-Mann ist ohnehin um Ruhe bemüht und würde eine Berichterstattung über die Sonnenhöfe am liebsten erst wieder nach der Kommunalwahl sehen. 

Neue Kontrahenten

Um eine Lösung ist auch Albert Schöberl bemüht, der in der Tektur die Lärmschutzwand von vier auf drei Lagen und somit auf eine Höhe zwischen 1,40 und 2 Metern reduziert und im Vorgespräch vom Landratsamt die Genehmigungsfähigkeit der Neuplanung signalisiert bekommen habe. Ungemach droht nun jedoch durch den Immissionsschutz, denn ein neues Gutachten zeigt nach der Umplanung deutlich überschrittene Grenzwerte an den West- und Südfassaden dreier Gebäude. Das Ingenieurbüro kommt sogar zum Schluss, dass aus schalltechnischer Sicht die Lärmschutzwand, wie ursprünglich geplant, mit einer Höhe von drei Metern ausgeführt werden sollte. Die Angelegenheit dürfte daher nicht nur den Gemeinderat, sondern auch die Fachbehörden noch länger beschäftigen. Immerhin könnte der Streit innerhalb des Dorfes und zwischen Gemeinde und Bauträger eingestellt werden, denn die Kontrahenten heißen nun bayerische Bauordnung und Bundesimmissionsschutzgesetz. Bis feststeht, welche der beiden Vorschriften am Ende die Sachlage entscheidet, sind die Wände vielleicht schon von Grünpflanzen bewuchert. cw

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