Ärger um Lärmschutz in Alcatraz

Landratsamt verhängt Baustopp: Investor reicht nachträglichen Antrag ein

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Bienenfreundlich oder illegal? Für die begrünbaren Lärmschutzwände in Großweil wurde inzwischen aufgrund fehlender Genehmigung ein Baustopp verfügt.

Großweil – Derzeit entstehen an der Kocheler Straße in Großweil zwei Mehrfamilienhäuser und vier Doppelhaushälften, das Areal wird an drei Seiten von hohen Lärmschutzwällen eingefasst. Was die künftigen Bewohner vor Lärm und Feinstaub bewahren soll, ist so manch einem Großweiler ein Dorn im Auge.

Wie das Landratsamt in Garmisch-Partenkirchen mitteilt, sind die Lärmschutzmaßnahmen in der jetzigen Form nicht genehmigt. Derzeit ruhen die Arbeiten an den mit Erde befüllten Stahlblechgerüsten. Bauträger und Landratsamt sind bereits im Gespräch, und auch der Großweiler Gemeinderat wird sich demnächst mit dem Wall befassen. 

„Sonnenhöfe“ nennt der Investor seine Neubauten in Anlehnung an das innovative Energiekonzept mit Solardachschindeln. Im Dorf kursiert inzwischen ein weniger wohlwollender Spitzname. Von „Alcatraz“ ist die Rede, denn die massiven Einfriedungen erinnern offenbar manchen an ein Hochsicherheitsgefängnis. Auf Anfrage der Gemeinderäte der Freien Wählergemeinschaft (FWG), welche das Ortsbild gestört sehen, teilte das Landratsamt Garmisch-Partenkirchen mit, dass die „Naturwall“-Blechhecken nicht genehmigt sind. 

Albert Schöberl vom Oberhachinger Unternehmen SNI Immoreal zeigt sich darüber verwundert. Die Bauverwaltung des Landrats­amtes habe ihm die begrünbaren Lärmschutzwände „zur Auflage gemacht“, sagt der Projektleiter. Er habe im Vorfeld ein Ingenieurbüro mit dem geforderten Lärmschutzgutachten beauftragt und dieses dann bei der Kreisbehörde eingereicht. Neben anderen Maßnahmen seien dort von den Sachverständigen drei Meter hohe, begrünbare Lärmschutzwände empfohlen worden. „Wir haben dann die Baugenehmigung gekriegt, in der auf das Gutachten Bezug genommen wird“, berichtet Schöberl. 

Bei der Behörde sieht man dies anders. „Das Gutachten, das Teil der Baugenehmigung ist, enthält eine Vielzahl von Maßnahmen, bei deren Umsetzung gesunde Wohnverhältnisse geschaffen werden. Ein Lärmschutzwall wird dort nicht erwähnt“, teilt Pressesprecher Stephan Scharf mit. Lediglich in einer Anlage des Gutachtens sei ein Lärmschutzwall mit einem Strich dargestellt, und dies auch nur auf zwei Seiten des Grundstücks. Aus den Bauzeichnungen sei hingegen nicht ersichtlich gewesen, dass ein Lärmschutzwall errichtet werden soll. „Laut Aussage des vorgelegten Gutachtens war ein solcher auch nicht notwendig“, stellt Scharf fest. Weil er die Höhe von zwei Metern überschreitet, sei der Wall nicht genehmigungsfrei und verstoße zudem gegen die Ortsgestaltungssatzung der Gemeinde, so Scharf, weshalb der Bauherr in jedem Fall eine Ausnahmegenehmigung hätte beantragen müssen. 

Dass die 2,30 Meter hohen und insgesamt etwa 130 Meter langen, begrünbaren Wände auch an der Ostseite des Grundstücks stehen, nimmt Schöberl auf seine Kappe. „Da habe ich einen Fehler gemacht“, räumt er ein, denn die Wälle waren vom Gutachter nur auf der Süd- und Westseite vorgesehen. Schöberl will nun nachträglich den erforderlichen Bauantrag einreichen, über den zunächst der Gemeinderat beraten wird. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran und haben nochmal alles vermessen lassen, um das Gutachten einzuhalten“, teilt der Projektleiter mit. Die launige Bezeichnung „Alcatraz“ und der ihm zu Ohren gekommene Hinweis, dass sich die Thematik bestens für den nächsten Faschingszug eigne, ärgert ihn allerdings gewaltig. „Das geht am Thema vorbei und ist keine seriöse Politik“, beklagt er und mutmaßt, die FWG befände sich schon im Wahlkampf. 

Auch zwei andere Gerüchte hält Schöberl für „absoluten Krampf“. Dass die Bewohner des Erdgeschoßes fast kein Tageslicht hätten, widerlegt er sogleich mit einem aktuellen Foto, welches den Lichteinfall durch die tief stehende Herbstsonne zeigt. Und bezüglich der Sichtdreiecke an der Kreuzung Kocheler Straße/Kleinweiler Straße sieht er ebenfalls kein Problem. Die Sicht für Verkehrsteilnehmer sei aus beiden Richtungen ausreichend gegeben. „Wir haben das von unserem Vermesser prüfen lassen, die Sichtdreiecke sind von unserer Seite her okay“, erklärt er. Abschließend betont Schöberl nochmals, dass die mit Erde befüllten Blechschienen durch immergrüne Bepflanzung und bienenfreundliche Gewächse innerhalb weniger Jahre nicht mehr von einer natürlichen Hecke zu unterscheiden seien, auch wenn es manchen Menschen da wohl an Vorstellungskraft mangele. cw

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