Energieversorgung

Laserfusion im Nonnenwald - das hat Marvel Fusion in Penzberg vor

Die im Stadtrat präsentierte Grafik zeigt das mögliche Firmengelände im Nonnenwald.
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So könnte das Werk von Marvel Fusion in Penzberg aussehen.

Penzberg – Eine nachhaltige Energieversorgung, neueste Fusionstechnologie, bis zu 500 Jobs, eine Millioneninvestition: Das alles verspricht das Münchner Unternehmen Marvel Fusion der Stadt Penzberg mit seinem geplanten Werk im Nonnenwald.

Im jüngsten Penzberger Stadtrat präsentierte sich das Unternehmen erstmals öffentlich. Marvel Fusion will von der Stadt eine etwa drei Hektar große Industriefläche im Nonnenwald, hinter dem Druckzentrum und gegenüber dem Roche-Westtor erwerben. Darauf soll eine „Weltsensation“ entstehen, wie Bürgermeister Stefan Korpan (CSU) fast euphorisch sagt. Konkret geht es um Trägheitsfusion. Diese sei ein „fundamental anderer physikalischer Prozess und weist keine vergleichbaren Sicherheitsrisiken wie bei der Kernspaltung auf“, bekamen die Stadträte bei der Präsentation zu lesen.

„Das ist kein Reaktor“

Man setzt auf eine Wasserstoff-Bor-Fusion. Brennstoffzellen, ähnlich Pellets, werden mit Lasern beschossen. Alles in einer Vakuumkammer mit circa 1,5 Metern Durchmesser als Herzstück, der meiste Platz ist für die Laser nötig. Seitens Marvel Fusion ist man bemüht, Bedenken zu zerstreuen. „Das ist kein Reaktor“, betont Dr. Jörn Meissner, Senior Vice President und „Head of Safety“. Radioaktives Material würde allenfalls als Nebenprodukt anfallen. „Das werden wir auch haben“, sagt Meissner und vergleicht es mit klinischen Anlagen bei der Krebstherapie. „Wir werden keine regelmäßigen radioaktiven Transporte haben“, bekräftigt der Manager. Radioaktive belastete Teile würden zur Abkühlung gelagert, beschädigte Spiegel entsorgt. Die Firma wirbt mit einem sicheren, „quasi unerschöpflichen, neutronenarmen Treibstoff“, einer hohen Energiedichte, wenig Platzbedarf, Null CO2-Emissionen. Es gebe „keine langlebigen radioaktiven Produkte“ und „kein Risiko unkontrollierbarer Kettenreaktionen“. Überhaupt gehe man in enger Abstimmung mit dem TÜV und dem Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) vor.

Positive Signale von Behörden

Von den Behörden habe man bereits positive Signale bekommen, ist vom Unternehmen zu hören. Der TÜV Süd, Vertreter saßen an diesem Abend in der Stadtratssitzung, sieht laut Marvel Fusion, dass es für Bau und Betrieb der Anlage „keine Sachverhalte“ gebe, „die zu einer Verweigerung der Genehmigungen durch das LfU Bayern führen könnten“. Sollte alles gemäß den Auflagen so genehmigt werden, gebe es „keine Gefahr für die Bevölkerung“, hat Bürgermeister Korpan im Telefonat mit dem LfU erfahren. Der Rathauschef verweist auf die hohen Standards in Deutschland.

2023 in Betrieb

So weit ist man aber nicht. Für den Grundstückskauf gibt es noch keinen Notartermin, wie Thomas Forner, Senior Vice President „Finance & Operations“, bestätigt. Das offizielle Zeitfenster setzt dafür ab Mitte November an. Geplant ist erst eine Demonstrationsanlage. Spatenstich ist für Mai 2021 angepeilt. 2023 soll diese in Betrieb gehen. Der Bau einer größeren Anlage mit „industriell skalierbarem Fusionssystem“ steht dann auf dem Plan. Ab 2028 soll der „Proof on Concept“ erfolgen – hier wird der Prototyp eines Fusionskraftwerks entwickelt. Am Schluss, ab 2030 oder später, steht ein kommerzielles Fusionskraftwerk – aber nicht im Nonnenwald.

Bis zu 500 Arbeitsplätze

Der Standort sei ideal, heißt es. „Die Bedingungen sind für uns perfekt“, so Manager Forner. Vor allem der Untergrund: „Eine Vibrationsarmut ist sehr wichtig.“ Für das Unternehmen ist die landschaftlich reizvolle Lage Penzbergs in Nähe zum Großraum München ein Argument. Weil man Fachkräfte benötigt. „Hier kann man internationale Leute anlocken“, hofft Forner. Was im Rathaus sicher gefällt, ist das Versprechen von „nachhaltigen Arbeitsplätzen“. Laut Marvel Fusion würden voraussichtlich 150 Stellen bis 2023 geschaffen sowie 500 Jobs bis 2028. Auch wird die Ansiedlung von Zulieferern angekündigt. Die Finanzierung der Demonstrationsanlage ist laut Firma gesichert. Dafür rechnet man nach eigenen Angaben mit 200 bis 300 Millionen Euro an Investitionen. Für das Kraftwerk später mit 1,5 bis zwei Milliarden Euro. Der Unterstützung des Bürgermeisters kann sich die Firma sicher sein. Korpan nennt die Ansiedlung „eine Chance“ – nicht nur für die Stadt, sondern für den Klimawandel generell.

Das ist Marvel Fusion

Marvel Fusion ist eine noch junge Firma. Das Unternehmen wurde 2019 gegründet und hat seinen Sitz in München. Derzeit sind 30 Mitarbeiter beschäftigt. Nach eigenen Angaben will das Unternehmen die Anlage in Penzberg „in Kooperation mit international renommierten Universitäten und Forschungsinstituten“ aufbauen. Im neunköpfigen Managementteam sitzen unter anderem die drei CEO und Mitgründer Dr. Georg Korn (Direktor für wissenschaftliche und technische Umsetzung am europäischen Laserinstitut ELI in Prag), Prof. Dr. Markus Roth (Professor TU Darmstadt, Geschäftsführender Direktor am Institut für Kernphysik) und Moritz von der Linden (Entrepreneur von globalen Hightech-Unternehmen sowie Gründer der Devisenhandelsplattform 360T und der digitalen Plattform CRX für Unternehmensfinanzierungen). Im fünfköpfigen Wissenschafts- und Technolgiebeirat sitzt mit Prof. Dr. Gérard Mouroui ein Physiknobelpreis-Träger (2018 für Laserphysik). Im Sommer kam die Firma auf die Stadt Penzberg zu und fragte wegen des Areals an, wie Bürgermeister Stefan Korpan (CSU) der Rundschau sagt. Das Rathaus hatte die Industriefläche im Nonnenwald stets offiziell auf allen Kanälen angeboten. Insgesamt fünf mal präsentierte sich Marvel Fusion hinter verschlossener Tür der Verwaltung, den Fraktionsvorsitzenden sowie dem Stadtrat – jetzt ging man bewusst an die Öffentlichkeit, wie es von der Firma heißt.

Andreas Baar

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