Figuren vor Fliegennetzen

Mit Crowdfunding sucht Künstlerkollektiv „ShoWerk“ Weg in die Selbstständigkeit

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Smartphone an statt aus: Bei ihrer Show wollen Lisa-Marie Rettenbacher und Felix Schnabel von ­ShoWerk mit dem Publikum über QR-Codes in Verbindung treten.

Penzberg – Fliegennetze als Leinwand und die Eltern auf der heimischen Terrasse als Zuschauer. Corona ließ eine andere Location, ein anderes Publikum nicht zu. Doch sei‘s drum, Felix Schnabel macht einen zufriedenen Eindruck, als er von dem ersten Probelauf seines Projekts spricht, an dem er gemeinsam mit seiner Freundin Lisa-Marie Rettenbacher arbeitet. Der gebürtige Penzberger und die Wienerin wollen eine interaktive Tanzshow auf die Bühne bringen, welche im Publikum noch lange, nachdem die Lichter ausgegangen sind, nachhallt.

Die beiden hatten viel Zeit, sehr viel Zeit. Und das urplötzlich, für sich und für einander. Normalerweise sehen sich Schnabel und Rettenbacher selten, beide sind fest eingespannt in ihre Arbeit, beide sind in der Eventbranche für verschiedene Agenturen tätig ist. Rettenbacher, 23 Jahre jung, studiert an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien, Studienfach Musikalische Unterhaltung. Vor der Corona-Krise warteten Engagements in Nordrhein-Westfalen und in Berlin auf sie. „Das wurde alles komplett verschoben“, sagt Rettenbacher. Ihrem Freund Felix Schnabel erging es mit der Corona-Pandemie ähnlich. Der gebürtige Penzberger ließ sich in München zum Sport- und Tanzlehrer ausbilden und ist nun unter anderem an der Bayerischen Staatsoper zu sehen. „Als Corona kam, war ich gerade mit dem Falco-Musical auf Tour“, sagt Schnabel. Die Tour wurde verschoben, und auch Stücke an der Staatsoper, in denen Schnabel mitgewirkt hätte, konnten nicht mehr über die Bühne gehen. Seit drei Monaten haben die beiden nun viel Zeit zu zweit, auf der einen Seite schön, auf anderen Seite aber auch nervenaufreibend, nicht, weil das Paar sich in die Haare kriegt, sondern weil die beiden 23-Jährigen unbedingt weiter tanzen wollen. 

„Wir sind beide Typen, die nicht ohne Arbeit können, weil unsere Arbeit unsere Leidenschaft ist“, sagt die Wienerin in feinstem Hochdeutsch. Dabei kommt die junge Frau aus Rosenheim. Doch von Dialekt keine Spur. Es sei denn, sie wird auf das Fehlen jeglicher Mundart angesprochen, dann spricht sie so breit, wie man im Inntal spricht. Während ihrer Ausbildung habe sie gelernt, völlig dialektfrei zu sprechen, sagt sie und man glaubt ihr sofort, wie viel Passion sie für ihre Arbeit empfindet. Passion wohnt auch Schnabel inne, diese fand der 23-Jährige ausgerechnet auf dem Penzberger Fasching, denn dort tanzte und moderierte er einst. Auch heute verschlägt es den jungen Mann noch nach Penzberg, seit Corona war er sogar ziemlich oft in seiner Heimat, denn bei seinen Eltern haben er und seine Freundin ausreichend Platz, um für ihr gemeinsames Projekt zu proben. 

Vor kurzem haben sich die beiden zum Künstlerkollektiv „ShoWerk“ zusammengeschlossen. Die Idee dazu gab es schon länger. „Wir wollten in die Selbstständigkeit gehen, um eine größere Unabhängigkeit zu erreichen“, sagt Rettenbacher. Die Branche in der Schnabel und sie tätig sind, sei schließlich „sehr schnelllebig und unnachhaltig“. In die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit finden wollen die zwei mit eigenen Showacts. Gerade sind sie dabei, eine interaktive Tanzshow zu produzieren, welche mit holographischen Elementen bestückt wird. Die Animation übernimmt Schnabel, Rettenbacher ist die Autorin, auf der Bühne stehen beide. Gezeigt werden soll, allein mit Bewegung und ohne ein Wort, die Entwicklung des Menschen. Eine bestimmte Zielgruppe haben die beiden nicht, im Grunde genommen soll ihre Show für alle sein, wobei Rettenbacher das so nicht formulieren würde. „Das klingt so, als ob man sich nichts überlegt hätte“, lacht sie. Doch der etwas saftlose Ausspruch „für Jung und Alt“ vermag dennoch zuzutreffen, denn für die Generation Smartphone sei der Act ebenso etwas wie für die „vielleicht etwas philosophischere ältere Generation“, lächelt die Wienerin aus Rosenheim. 

Normalerweise ist der Griff in die Hand- oder Hosentasche das erste, was Besucher von Vorstellungen, ob im Kino, im Theater oder auf einem Konzert, machen, sobald sie ihren Platz eingenommen haben, kein Ton, kein Vibrieren, kein leuchtender Bildschirm soll stören. Doch Schnabel und Rettenbacher wollen während ihrer Show Kontakt zum Publikum haben, via Smartphone. Am Anfang der Show sollen die Zuschauer deshalb einen QR-Code über ihre Handy-Kamera einscannen. Dann öffnet sich eine Website. An bestimmten Stellen der Show ploppen auf dem Bildschirm Fragen ans Publikum auf. Die Antworten erscheinen dann in einer Workcloud. „Jeder kann mitmachen, keiner muss“, betont Schnabel. Ziel ist es, dass die Zuschauer „ihren Gedanken freien Lauf lassen“. 

Einen Prototyp hat das Paar bereits konzipiert, geprobt wurde er auf der Terrasse von Schnabels Elternhaus. An der Markise wurden dabei Fliegengitter aufgehängt, „als Leinwand“, muss Schnabel schmunzeln. Mit einem Beamer wurden Bilder auf die Netze projiziert, Baustrahler sorgten für ausreichend Licht. Und die Eltern saßen als Tester am Smartphone. Das habe schon gut geklappt, aber an Feinheiten müsse noch gearbeitet werden, sagt Rettenbacher. 

Damit in naher Zukunft eine Premiere auf großer Bühne, am liebsten in einem Theater in München, realisiert werden kann, sind die beiden 23-Jährigen derzeit noch am Spendensammeln, denn die Technik, die Leinwand und natürlich die Räumlichkeiten seien nicht gerade günstig. Wobei, Spenden trifft es eigentlich nicht ganz, denn bei ihrer Crowdfunding-Kampagne (www.startnext.com/showerk) geben die beiden teilweise limitierte Dankeschöns für Geld zurück, „wir wollen ja arbeiten“, lächelt Rettenbacher. Wer etwa 80 Euro spendet, der kann eine Unterrichtstunde in Schauspiel, Gesang oder Tanz buchen. Wer dagegen 700 Euro in den Topf wirft, der kann ein Konzert mit Schnabel und Rettenbacher in sein Wohnzimmer holen. Und diejenigen, die nur einen kleinen Beitrag für die Kunst in Corona-Zeiten leisten können oder wollen, bekommen auch für eine 5-Euro-Spende schon ein Dankeschön von den beiden Künstlern: ganze 1.000 Karmapunkte. Und die können ja wohl nicht schaden. ra

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