Die Armen stärken

Holger Jungs grandioses „Magnificat“ vereint Klassik, Jazz und Sprechgesang

+
Uraufführung in der Christkönig-Kirche: Das Sinfonieorchester im Pfaffenwinkel und das Vocalensemble Penzberg zeigten sich beim „Magnificat“ von Holger Jung souverän.

Penzberg – Welch symbiotische Befruchtung in der Christkönig-Kirche: Komponist Holger A. Jung einerseits, das Vocalensemble Penzberg und das Sinfonieorchester im Pfaffenwinkel unter dem Dirigat von Günther Pfannkuch andererseits. Und mitten drin: das „Magnificat“.

Holger Jung war in den Monaten vor der Aufführung, in denen er sich intensiv mit dem Hymnus Marias befasst hat, um sodann seine ganz eigene Interpretation zu notieren, ordentlich gefordert. Heraus kam eine moderne Interpretation eines an sich revolutionären Maria-Liedes. Besungen wird dort die Stärkung der Unterdrückten, Armen und Elenden, während die Mächtigen entthront werden sollen. Jungs „Magnificat“ hat durchaus feministischen Gehalt, geht es hier doch um das Aufeinandertreffen zweier schwangerer Frauen, Maria und ihrer Cousine Elisabeth, wenige Tage nach der Verkündung durch den Erzengel Gabriel. Ob das die Intention von Günther Pfannkuch und Komponist Jung war, ein „Magnificat“ gerade in jenem Jahr aufzuführen, als das Frauenwahlrecht seinen 100. Geburtstag feierte, sei dahingestellt, eine gedankliche Fußnote ist es aber allemal wert. Holger Jung versicherte indes glaubhaft, dass für ihn der vorweihnachtliche Ansatz im Vordergrund stand. Und der wurde in zwei Aufführungen in der Christkönig-Kirche sehr glaubhaft dargeboten. Pfannkuch hatte Chor und Orchester in intensiver Probenarbeit jedenfalls gut auf das phasenweise vertrackt gesetzte Werk eingestimmt. 

Das Orchester eröffnete den Konzertabend mit Benjamin Brittens „Simple Symphony“, ein Werk, das den Pfaffenwinkel-Streichern, da schon häufig intoniert, leicht von der Hand ging. An diesem Abend war es, ohne ins Despektierliche zu verfallen, aber nicht mehr als das Prae­ludium, stand doch das „Magnificat“ eindeutig im Mittelpunkt des Publikumsinteresses. Auch wenn sich Jung hier Elementen der Zwölftonmusik bedient, gelingt ihm aber immer auch der Anschluss an eine das Ohr weniger fordernde Harmonik aus dem Jazz, was er gekonnt miteinander verwob. Heraus kam ein spannendes Wechselspiel, das Chor, Instrumentalisten, aber auch die Gesangssolisten ordentlich forderte. Die Münchner Sopranistin Anna Karmasin, Tenor Nikolaus Pfannkuch und Bariton Christian Feichtmair umschifften die Klippen der Partitur aber ebenso souverän wie geschmeidig. Stets begleitet von einem bestens eingestellten und bestens aufgelegten Orchester, das Holger Jung mit der Besetzung eines Akkordeons bereicherte. Hildegard Becher-Meyer, bis vor kurzem noch geschätzte Akkordeon-Lehrerin an der Musikschule, hat gleich zu Beginn ihres Ruhestands diesen Part übernommen, den sie mit Bravour meisterte. Ebenso die Percussionisten Leander Kaiser und Josef Baudisch, zwei verlässliche Gesellen an Trommeln und Becken, die schon Jungs „Luther“-Komposition“ stützten. 

Holger Jung ließ die Solisten zu vielerlei Verblüffung auf Englisch singen. Gerade dieser vom eigentlich lateinischen Text losgelöste Quantensprung ließ das „Magnificat“ entstaubt und frisch wirken und unterstrich den revolutionären Gehalt der Tondichtung. Frisch präsentierte sich auch Pfannkuchs Vocalensemble: Die jazzigen Parts gelangen trefflich, eingeleitet von einer gut eingespielten Kombo aus den Reihen des Sinfonieorchesters, die wiederum von groovigen Läufen des Kontrabassisten Uwe Einzmann getragen wurden. Der Chor setzte ein und folgte dem akzentuierten Dirigat Pfannkuchs. So gelang eine rhythmisch äußerst anspruchsvolle Interpretation etwa im „Gloria Patri“, das langsam den Weg bereitete für ein neuerliches Aufleben des Kernsatzes „magnificat anima mea“ („Meine Seele preist die Größe des Herrn“). 

Dadurch, dass das Dominum am Ende dann als Sprechgesang notiert war, setzte Holger Jung unter sein „Magnificat“ ein ganz bescheidenes Autorenkürzel. Welch wunderbarer Schlusspunkt. dd

Auch interessant

Meistgelesen

Vorauswahl für mögliche Urmel-Preisträger getroffen: Nun setzt sich die Kinderjury an die Bücher
Vorauswahl für mögliche Urmel-Preisträger getroffen: Nun setzt sich die Kinderjury an die Bücher
BRK-Kreisverband wirbt um neue Fördermitglieder
BRK-Kreisverband wirbt um neue Fördermitglieder
Coronavirus im Landkreis Weilheim-Schongau: Weitere Infektionen in Penzberg
Coronavirus im Landkreis Weilheim-Schongau: Weitere Infektionen in Penzberg
Nach Schließung der Sparkasse: Iffeldorfer Nachbarschaftshilfe um Senioren besorgt
Nach Schließung der Sparkasse: Iffeldorfer Nachbarschaftshilfe um Senioren besorgt

Kommentare