Plötzlich ohne Perspektive

Psychosoziale Beratungsstelle in Penzberg: Hochrisikosituationen in der Corona-Krise

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Versteckter Eingang zur Hilfe für Suchtkranke: Seit Corona suchen mehr Menschen die Unterstützung der psychosozialen Beratungsstelle.

Penzberg – Eines stellt Sabrina Kern gleich klar, wenn sie von ihrer Arbeit spricht. Ein bestimmtes Klientel gibt es in dem gelben Haus nicht, jeder Fall ist einzigartig, jeder ist vielschichtig. Über einen Kamm scheren lässt sich niemand, der die psychosoziale Beratungsstelle der Diakonie Herzogsägmühle in Penzbergs Zentrum betritt. In Zeiten von Corona, und damit in Zeiten der Distanz hilft das Beratungsteam vor allem am Telefon, und dieses klingelte zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen deutlich öfter als gewohnt.

Mittlerweile ist die Inanspruchnahme einer Beratung in dem gelben Haus wieder auf das Normalniveau abgesunken, vorerst, doch Kern glaubt, dass sich das in ein paar Wochen wieder ändern werde, nämlich dann, wenn Menschen begreifen, dass sie ein Problem haben, welches unter Umständen durch die Krise verstärkt oder vielleicht auch erst bewusst wurde. Bei solchen Problemen steht Kern bereit. Die 33-Jährige hat einen Masterabschluss im Fach Soziale Arbeit und weiß, wie Menschen ticken, auch Menschen in Ausnahmesitua­tionen. „Wir beraten Menschen rund um das Thema Sucht“, sagt sie, vor allem mit der Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten und Drogen setzt sich Kern auseinander, wenngleich sie auch Menschen hilft, die der Sucht nach Glücksspielen oder dem exzessiven Medienkonsum, unterliegen. Vergangenes Jahr beriet das Penzberger Team zwischen 100 und 150 Menschen, ein Viertel davon seien keine direkt Betroffenen, sondern Angehörige, berichtet Kern. 

Auf individuellem Weg zur Abstinenz

Um Betroffenen richtig helfen zu können, sollte eine Bedingung erfüllt sein: Die Menschen müssen einen Druck spüren „etwas verändern zu wollen“, sagt Kern. Die erste Kontaktaufnahme beginnt häufig telefonisch, dann folgt oft ein persönliches Gespräch. Manche Hilfesuchende nutzen auch gleich die Telefonverbindung, um den Druck ein wenig abzulassen, dann sitzt Kern schon einmal länger am Hörer. Nicht immer kontaktiert ein Suchtkranker oder ein Angehöriger die Berater, „oft ist der Hausarzt der Türöffner“, sagt Kern. Und auch der Kliniksozialdienst und andere Beratungsstellen sind wichtige Knotenpunkte für das Penzberger Team. Sofern der Hilfesuchende dranbleibt und die Verbindung zwischen diesem und den Beratern über den Erstkontakt hinausgeht, hilft das Team im gelben Haus auch bei der Vermittlung von stationären und ambulanten Therapien oder Selbsthilfegruppen und ist eine Art Wegbegleiter aus der Sucht. Doch ehe es soweit ist, geht es am Anfang darum, den Menschen hinter der Sucht besser kennen zu lernen. „Wir schauen uns die Person individuell an“, sagt Kern, nur so könne der individuelle Lösungsweg gesucht und gefunden werden. Und dieser Weg ist im besten Fall „der Weg zu einer abstinenten Lebensweise“, sagt Kern.

Begrenzte Kontakte

In den meisten Fällen bleibt es, obgleich die Beratungsstelle auch eine Nachsorge anbietet, bei einer begrenzten Anzahl an Kontakten, in einem Drittel der Fälle sind es zwei bis fünf Kontakte, ein Drittel kontaktiert die Berater sechs- bis zehnmal und ein weiteres Drittel bricht nach dem Erstkontakt die Verbindung wieder ab, vielleicht, weil nur ein paar Informationen eingeholt werden wollten oder der Hilfesuchende einfach einen Gesprächspartner gebraucht hat. 

„In 60 Prozent der Fälle sind es negative Gefühlszustände“

Das Gespräch ist überhaupt so eine Sache, die vielen Menschen schon einmal ein wenig Last von der Seele nimmt, Gelegenheit gibt, darüber zu sprechen, wie es so weit kommen konnte. Die genauen Gründe, aus welchen Menschen einer Sucht anheimfallen, sind schwer ausfindig zu machen, nicht selten ist es ein Konglomerat aus mehreren Ursachen. „In 60 Prozent der Fälle sind es negative Gefühlszustände“, erklärt Kern. Einsamkeit, Ärger, Stress. Doch auch krisenhafte Zustände, etwa der Tod eines geliebten Menschen, der Verlust des Jobs oder auch das Ende einer Beziehung können Katalysatoren sein. 

Perspektivlosikeit und vermeintliche Problemlöser

Umso wichtiger scheint es, den Betroffenen, die an einer Sucht leiden, dabei zu helfen, „ein soziales Umfeld aufzubauen“, sagt Kern, denn „es ist Gold wert, jemanden zu haben“. Problematisch dürfte es da sein, wenn dieses soziale Umfeld zwangsweise auf Eis gelegt wird und zugleich eine neue krisenhafte Situation hinzukommt, so, wie es vor ein paar Wochen der Fall war, als die Ausbreitung des Coronavirus in Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen mündete. „Im März waren es mehr Anrufe“, sagt Kern, wenig überrascht, denn soziale Kontakte mussten zwangsweise auf ein Minimum reduziert werden und die für Suchtkranke wichtigen Unterstützungspunkte fielen zum Teil weg. „Wenn man eh schon schlecht aufgestellt ist, verunsichert einen das noch mehr, vor allem die Perspektiv­losigkeit“, betont Kern. Keiner wisse, wie lange die Corona-Situation anhalte und wie sich diese entwickle, welche Auswirkungen diese auf den Arbeitsplatz, das finanzielle Polster oder die Partnerschaft habe. Dann könne die Rückfallgefahr höher werden, da die Betroffenen „in einer Art Hochrisikosituation stecken“. Alkohol oder Medikamente können dann schon einmal zu „kurzfristigen Problemlösern“ werden, eben Substanzen, die vermeintlich helfen, abzuschalten, zu entspannen oder wieder Schlaf zu finden. 

Schleichend in die Sucht

Da dürfte es nicht gerade leicht gewesen sein, den Betroffenen aus dem Loch zu helfen, das mit Corona noch tiefer wurde. Man habe sich auf die Suche nach Bezugspersonen oder Tagesstätten, die zumindest Spaziergänge anboten, gemacht. Große Sprünge aber sollte man weder in der Krise noch in der Normalität wagen, „man darf nicht zu weit schauen, man muss kleine Schritte machen, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche“, betont Kern. Und auch der Kontakt zu den Beratern, zu Vertrauenspersonen sei wichtig, „damit jemand merkt, wenn was im Argen ist“. Doch nicht immer handelt es sich um einen abrupten Fall in die Sucht, oft sei es ein schleichender Prozess, vor allem bei Menschen, „die ohnehin schon riskant konsumiert haben“, weiß Kern. Die Auswirkungen der Corona-Krise werden die Berater daher vermutlich erst mit Verzögerung zu spüren bekommen. Sollte das der Fall sein, dürfte das Telefon der 33-Jährigen dann noch öfter klingeln. ra

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