Umsonst getrommelt

Gemeinde Benediktbeuern lässt Apfelbaum am Rathaus in der Vogelbrutzeit fällen

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Plötzlich fort: Vom alten Apfelbaum ist nichts mehr übrig. Der Stamm musste weichen, weil dieser nicht nur geschädigt, sondern auch im Weg war.

Benediktbeuern – Er war schon recht alt, nicht sonderlich groß und nicht mehr ganz auf der Höhe, in die er sich jahrelang zu strecken versuchte. Doch plötzlich war er weg, der Apfelbaum neben dem Rathaus in Benediktbeuern. Ein schwer zu ertragender Anblick für Ute Pappenberger-Geinitz und weitere „betroffene Beobachter“, wie sie sich in einem Schreiben an Das Gelbe Blatt nennen. Betroffen macht die Beobachter dabei nicht allein der verschwundene Baum, sondern auch ein Buntspechtpärchen, das seit der Fällung verzweifelt umherflattere.

Späne haben sie auf dem Boden liegen gesehen, gefallen seien sie nicht bei Hobelarbeiten, sondern während des Klopfens der Buntspechte, welche „seit vielen Wochen“ emsig an einer Höhle im alten Apfelbaum arbeiteten. „Seit ein paar Tagen war kein Trommeln mehr zu hören“, schreiben die betroffenen Beobachter und vermuteten, dass vielleicht schon gebrütet worden sei. Seit vergangener Woche können die Beobachter nun aber nicht mehr beobachten, zumindest nicht ihren knorrigen Apfelbaum. Dieser wurde gefällt. 

Dafür sahen die Benediktbeurer etwas anderes: „Wir beobachteten das Buntspechtpaar, wie es suchend von der Plakatwand zu den Zaunbrettern und umgekehrt flog, wieder und wieder. Ein trauriger Anblick“, schreiben die Beobachter. „Sollten nicht alte Bäume für Vogelbrutstätten erhalten werden?“, fragen sie da, vor allem mit Blick auf die „Nestbau-, Nist- und Brutzeit“ der Tiere. Auch wollen sie wissen, ob der Landesbund für Vogelschutz, der Bund Naturschutz oder das nahegelegene Zentrum für Umwelt und Kultur zu Rate gezogen wurden, ehe die Motorsäge an den alten knorrigen Stamm angesetzt wurde. 

Während die Beobachter von einem betagten kleinen Apfelbaum sprechen, der „ein perfekt geeigneter Brutplatz für Vögel“ gewesen sei, bezeichnet Bürgermeister Toni Ortlieb das gefällte Exemplar nüchtern als „bereits vorgeschädigten Hochstamm-Baum“. Und dieser sei nicht so einfach umgehauen worden. „Unsere Mitarbeiter sind entsprechend sensibilisiert und auch im Fachgebiet geschult, Fachknowhow ist damit vorhanden“, sagt der Rathaus­chef. Weichen musste der Baum, weil seit vergangenem Jahr der Gemeindepark umgestaltet wird und „heuer der Abschluss der Maßnahmen rund um das Rathaus erreicht werden soll“, betont Ortlieb. Doch nicht allein wegen der Umgestaltung ging es dem Baum an die Rinde, auch aus Gründen der „Verkehrssicherheit“ habe der Stamm beseitigt werden müssen, erklärt der Bürgermeister weiter.

Eigentlich sollte der Baum bereits vor seiner Blüte weichen, doch Corona kam dazwischen. „Wir haben uns daher explizit dafür entschieden, die Restblütezeit mit Rücksicht auf die Insekten abzuwarten“, so der Rathaus­chef. Länger warten, zumindest bis die Brutzeit der Vögel vorüber ist, wollte man dem Anschein nach nicht. Doch im Falle des Apfelbaumes scheint die Brutzeit kein Hindernis gewesen zu sein. Es sei Standard, vor einer Fällung zu prüfen, ob sich Brutnester im Geäst oder Stamm befinden, stellt Ortlieb klar. Und wäre das der Fall gewesen, „wäre eine Fällung natürlich nicht in dieser Zeit vorgenommen worden“, betont der Rathauschef. Doch auch wenn kein Vogelpärchen in dem Baum brütete, so scheint Ortlieb die Betrübnis der betroffenen Beobachter dennoch verstehen zu können und vielleicht ein wenig beschwichtigen zu wollen, wenn er sagt, dass „der Obst- und Gartenbauverein fünf neue Bäume auf der Streuobstwiese beschafft hat“. Darüber hinaus habe ein Benediktbeurer noch zwei Spitzahorne und eine Linde der Gemeinde gespendet, welche erst vor kurzem nahe der B11 eingepflanzt worden seien. So ist für Ortlieb klar: „Die Baumbilanz fällt damit positiv aus.“ 

Rein mathematisch dürfte die Bilanz zwar positiv sein, doch die Arbeit der Vögel ist trotzdem dahin. „Der Specht hatte ein so genial rundes Loch in den Baum hineingehämmert“, erinnert sich Ute Pappenberger-Geinitz. Nun aber ist der Baum und mit ihm das Loch verschwunden. Und nicht allein der Specht dürfte den Stamm vermissen, „der Gemeindekindergarten hat die im Herbst heruntergefallenen Äpfel zu Saft verarbeitet“, weiß Pappenberger-Geinitz. Doch wo kein Baum, dort keine Äpfel, und auch kein munteres Getrommele. ra

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