Corinna muss draußen bleiben

Im Steigenberger Hof wird auch in der Corona-Krise Gemeinschaft gewahrt

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Im Eingangsbereich des Steigenberger Hofes steht Sibylle Pichler an dem Tisch, auf welchen für die Bewohner Zeitschriften, Postkarten und Süßigkeiten zur Aufmunterung gelegt werden können.

Penzberg – Ein kleiner Tisch, auf dem sich Dinge befinden, welche auf den ersten Blick völlig belanglos zu sein scheinen. Kuverts, ein paar Zeitschriften und Süßigkeiten. Doch das, was dort liegt, bedeutet den Senioren im Steigenberger Hof viel.

Der kleine Tisch befindet sich im Eingangsbereich des Steigenberger Hofs. Dort können die Angehörigen von Bewohnern kleine Geschenke ablegen, Mitbringsel für die Senioren. Und eine regelmäßig bedeckte Tischplatte zeigt, dass Geschwister, Kinder, Enkel, Nichten und Neffen an ihre Verwandten denken, trotz oder gerade wegen der Krise. „Nur im Sterbefall dürfen Angehörige ins Haus“, erklärt Einrichtungsleiterin Sibylle Pichler. Gelegentlich finden sich auf dem Tisch auch kleine Spenden „von Menschen aus Penzberg“, lächelt Pichler, „Zeitschriften, Zeitungen und Postkarten für die Bewohner, die sich darüber sehr freuen“. 

Der Kontakt zu den Liebsten wird aber nicht allein über Briefe und kleine Gesten aufrecht erhalten, „viel geht übers Telefonieren“, sagt Pichler. Und damit die Bewohner ihre Familie und Freunde dabei auch zu Gesicht bekommen, will man nun zum iPad greifen und über eine App private Videokonferenzen abhalten. Das Tablet kommt dabei nicht zu den Bewohnern ins Zimmer, sondern die Bewohner kommen für das Gespräch in die Cafeteria. Derzeit werde die App „noch erprobt“, lächelt Pichler. Dann dürfte es zumindest in der Cafeteria wieder lebendiger werden. Denn „es ist viel ruhiger im Haus, weil wir natürlich keine Veranstaltungen haben“, sagt die Leiterin. 

Dennoch ist die Stimmung an der Seeshaupter Straße nicht gedrückt, was vor allem den Mitarbeiter zu verdanken sei, so Pichler. 25 Frauen und Männer übernehmen pro Tag die Betreuung, insgesamt sind es fast hundert Mitarbeiter, die im Steigenberger Hof beschäftigt sind. Betreut wird derzeit mit Mundschutz im Gesicht und reichlich Desinfektionsmittel auf den Händen, die überdies ständig gründlich gewaschen werden. Und: Die Mitarbeiter seien dazu angehalten, privat so wenig soziale Kontakte als möglich zu haben, schließlich „arbeiten wir mit Risikopatienten“, betont die Leiterin. Die Betreuung läuft überwiegend in den einzelnen Wohnbereichen, in einem geschlossenen Bereich im Erdgeschoß sowie in zwei offenen Area­len mit jeweils 30 Bewohnern, ab. Innerhalb der Bereiche steht das Leben nicht still, es wird gemeinsam gebacken, gekocht und gesungen, „damit sich niemand alleine fühlt“, berichtet Pichler. Wobei sich die Senioren durchaus erst einmal an die Betreuer mit halb verdeckten Gesichter gewöhnen mussten. Gegessen wird nicht allein auf dem Zimmer, sondern wie gewohnt in den Speiseräumen. „Wir haben komplett umgeräumt“, sagt Pichler. Es habe zwar eine Weile gedauert, bis da ein System drin war, doch nun können die Senioren gemeinsam speisen und dennoch den Mindestabstand einhalten. Es brauchte nicht viel Zeit, und die „Bewohner haben sich daran gewöhnt“, sagt die Leiterin zufrieden. 

Ein Ort der völligen Abgeschiedenheit ist das Seniorenheim aber nicht, die Bewohner können durchaus nach draußen und sollen das auch, um frische Luft zu schnappen. Dann können die Senioren auch ihre Angehörigen zu Gesicht bekommen, nicht am Bildschirm, sondern live und in Farbe. Vom Balkon aus dürfen die Bewohner ihren Besuchern zuwinken und plaudern. Und wenn kein Besuch da ist, so lässt sich auf der Terrasse oder im Garten die Sonne genießen. „Unsere Mitarbeiter gehen auch mit den Bewohnern spazieren“, so Pichler. Etwa zu den beiden hauseigenen Alpakas, die lassen sich zwar nicht streicheln, doch allein ihr Anblick hat etwas Beruhigendes.

Beunruhigung ist im Haus aber nicht zu spüren, vielleicht, weil kein Bewohner in Unwissenheit gelassen wird. „Sie sind aufgeklärt über die aktuelle Situation“, sagt Pichler und schmunzelt. Manche Senioren konnten sich den Begriff Corona einfach nicht merken und sprachen immer wieder von Corinna, was schon zu dem ein oder anderen amüsanten Gesprächsverlauf geführt habe. Man müsse, soweit dies möglich sei, den Humor bewahren, sagt Pichler da. Solange Corinna draußen bleibt, dürfte das kein Problem sein. ra

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