In ruhiges Gewässer kommen

 Seniorenzentrum an der Gartenstraße: Mehr Plätze, aber zu wenig Pflegekräfte

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Wieder fest in AWO-Hand: Christian Schulz möchte im Seniorenzentrum wieder mehr Bewohner aufnehmen. Platz wird es nach der Erweiterung ja genug geben, ob es dann aber auch genügend Pflegefachkräfte gibt, ist ungewiss.

Penzberg – Christian Schulz, der kommissarische Leiter des AWO-Seniorenzentrums an der Gartenstraße, hat viel vor. Nachdem die Novita das Haus im Herbst vergangenen Jahres überraschend der AWO München überließ, soll die Einrichtung so schnell wie möglich modernisiert und erweitert werden.

In bester Verfassung war das Seniorenzentrum an der Gartenstraße nicht, als die Arbeiterwohlfahrt es am 1. Oktober vergangenen Jahres unter ihre Fittiche nahm. Christian Schulz spricht von „desolaten Zuständen“. Gleichzeitig ist er aber auch Feuer und Flamme für „sein Seniorenzentrum“. Der smarte Schulz, Penzberger und seit 17 Jahren Einrichtungsleiter bei der AWO München, strotzt nur so vor Tatendrang und agiert nach außen als Botschafter eines offenen Hauses. „Es rührt mich, dass immer wieder Menschen zu uns kommen, um nach ihrem ehemaligen Nachbarn, Vereinsmitglied oder Kollegen zu schauen“, erklärte er in der jüngsten Sitzung des Seniorenbeirats, der an der Gartenstraße getagt hatte. 

Doch der euphorische Prolog kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die AWO wie ihre Vorgängerin, die Novita, in ernsthaften Schwierigkeiten steckt: An allen Ecken und Enden fehlt es an Fachkräften. Der Personalmangel ging bei der Novita so weit, dass sie einen Aufnahmestopp verhängte. Laut Schulz hat die AWO zwar den Riegel wieder geöffnet, doch gerade einmal vier Bewohner mehr zählt das Haus nun unter der neuen Regie. Für Schulz gleicht es einer Herkulesaufgabe, Pflegefachkräfte zu finden. Wenn überhaupt, fänden sich welche aus Ost- und Südosteuropa, speziell dem ehemaligen Jugoslawien. Auch eine Vermittlungsprämie in Höhe von 1.000 Euro habe bislang nicht viel bewirkt. 

Nach der gesetzlichen Regelung müssen die Senioreneinrichtungen eine Fachkraftquote von 50 Prozent erfüllen. Dabei kommt in Abhängigkeit des Pflegegrades eine Pflegekraft auf etwa drei Bewohner. „Bei hundert Bewohnern muss man mit 35 bis 45 Pflegefachkräften rechnen“, meint Schulz. 

Doch rosiger wird es seiner Ansicht nach auch in der Zukunft nicht aussehen. Im September soll bundesweit die generalistische Ausbildung starten. Das bedeutet, dass alle Auszubildenden in Pflegeberufen in den ersten beiden Lehrjahren gemeinsam generalistisch unterrichtet und praktisch ausgebildet werden. Im dritten Jahr gibt es die Möglichkeit, die generalistische Ausbildung zur Pflegefachkraft fortzusetzen oder die Ausbildung mit den üblichen Abschlüssen in der Kranken- oder Altenpflege zu beenden. Schulz glaubt, dass sich danach höchstens ein Drittel für die Altenpflege entscheidet. Zwar komme eine Fachkraft mit Zuschlägen auf ein Bruttogehalt von rund 3.500 Euro monatlich, doch dafür muss sie auch nachts, am Wochenende oder an Feiertagen arbeiten. So müssten noch mehr Anreize geschaffen werden, etwa preiswerte Wohnungen für Pflegekräfte, findet Schulz. 

Einen langen Einarbeitungsbonus gesteht sich Schulz auch hinsichtlich der Modernisierung des Seniorenzentrums nicht zu. Damit die Betriebserlaubnis durch die Heimaufsicht bestehen bleibt, sind dringend erforderliche Arbeiten voranzutreiben. Zwar steht die Genehmigung des Bauantrags noch aus, aber Schulz ist zuversichtlich, dass schon im März oder April „die Renovierung des Verbindungstrakts zum Pfründnerhaus in die Gänge kommt“. Dort sollen dann rund 15 behindertengerechte, barrierefreie Zimmer mit einer Nasszelle ihren Bewohnern übergeben werden. Ab September soll dann ein neuer viergeschossiger Querbau entstehen. Anfangs waren hier nur zwei Stockwerke geplant, da aber das Baurecht vier Etagen ermöglicht, habe man sich dazu entschlossen, in der obersten Etage durch Errichtung von zehn Appartements mit einer Größe von 35 bis 45 Quadratmetern dem Wunsch nach betreutem Wohnen nachzukommen. 

Im dritten Schritt ist das Haupthaus des Seniorenzentrums an der Reihe. Dort sollen im Altbau mehr Einzelzimmer, im Neubau mehr Doppelzimmer entstehen. In noch weiterer Zukunft liegt die Einrichtung einer Tagespflege, „aber erst, wenn wir auf ruhigen und sicheren Gewässern unterwegs sind und sich unsere Fachkraftquote stabilisiert hat“, erklärt Schulz und fügt hinzu: „Dieses Jahr wird es damit auf keinen Fall etwas.“ 

Da die Tagespflege aufgrund wechselnder Auslastung und variierenden Personalbedarfs aus der Erfahrung von Schulz heraus „meist defizitär“ läuft, hofft er auf Unterstützung seitens der Stadt. Eine Zusage blieb bislang aber aus. Schulz aber scheut den Blick in die Zukunft, trotz Fachkräftemangels, nicht und hat noch mehr Pläne. Ein Ausbau von „Essen auf Rädern“ aus der eigenen Küche sei ebenso denkbar wie eine Wohnform für 18- bis 60-Jährige. „Denn auch das gibt es leider: Menschen, die nach einem Unfall oder einer Krankheit auf Pflege angewiesen sind“, erklärt Christian Schulz. sg

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