Lernen, leeren, lächeln

Integration am Bauhof: Alexandre Jacinto Uaila ist nun deutscher Staatsbürger

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Der Mann und sein Mobil: Alexandre Jacinto Uaila rückt in einem Elektrofahrzeug dem Müll in der Stadt zu Leibe. Ein Job, bei dem der gebürtige Mosambikaner seine Miene verzieht – zu einem Lächeln.

Penzberg – Deutsch verstand er schon und konnte es auch sprechen, doch als Alexandre Jacinto Uaila an den Bauhof kam, kapierte der gebürtige Mosambikaner gar nichts mehr. Kräftiges Bayerisch in den Räumen und Fluren. Aber für den 56-Jährigen war das bald schon kein Problem mehr, er lernte am Leben. 

Es ist nicht sonderlich groß, das Elektrofahrzeug, das durch Penz­berg kurvt und immer wieder anhält, täglich an knapp 50 Abfalleimern und Hundekotbehältern, wöchentlich an fast 80 Müllbehältnissen rund um das Stadtgebiet. Und doch fällt das Mobil auf, genauer gesagt dessen Fahrer. Alexandre Jacinto Uaila ist für die Stadtreinigung in Penz­berg zuständig, ein Job, der vermutlich nicht für viele in Frage kommt. Doch Jacinto, wie er von seinen Kollegen am Bauhof gerufen wird, scheint ihn zu lieben. Jedenfalls strahlt er nicht selten mit seiner orange leuchtenden Montur um die Wette. 

Das war nicht immer so. Anfang der Achtzigerjahre kam Jacinto nach Deutschland, in die DDR, ohne Sprachkenntnisse. Deutsch, das habe er „das erste Mal hier gehört und hier gelernt“, sagt Uaila. Der damals 18-Jährige absolvierte eine Ausbildung zum Zerspaner und beschäftigte sich fortan mit Fräsen, Drehen und Bohren. Nach seiner Lehre kehrte er nach Mosambik zurück, doch er blieb nicht lange in seiner Heimat, er konnte nicht lange bleiben. „Da war Bürgerkrieg, das war nicht auszuhalten“, sagt Uaila. Also ging er wieder nach Deutschland. „Aber nach dem Ende der DDR ging die Industrie kaputt“, erinnert sich Uaila. Er zog also weiter, und landete schließlich 1998 bei Roche, zunächst in Mannheim, dann in Penzberg. Dort arbeitete er als Maschinenführer. Spricht er von jener Zeit, weicht sein fröhliches Lächeln einer ernsten Miene, Uaila spricht von Mobbing, nach etwa einem Jahrzehnt folgt schließlich die Kündigung. 

Uaila sitzt im Aufenthaltsraum des Bauhofs, als er aus seinem Leben berichtet. Mit am Tisch: Christian Eberl, sein Chef, seine 17-jährige Tochter Vinalda und Bürgermeisterin Elke Zehetner, die rasch das Thema wechselt, als Roche zur Sprache kommt. Sie lenkt den Blick auf das, was der Grund der Zusammenkunft ist: Uaila ist seit kurzem deutscher Staatsbürger. Stolz zeigt er seinen Personalausweis, den er seit ein paar Wochen in seinem Geldbeutel trägt. Um die etwa 46 Quadratzentimeter große Karte in den Händen halten zu können, musste er sich einem Einbürgerungstest stellen. 300 Fragen beziehungsweise Antworten lernte er dafür innerhalb von drei Wochen. Gerade einmal elf Prozent des Stoffes wurde dann abgefragt. Uaila bestand den Test. Was auch Penzbergs zweitem Bürgermeister zu verdanken sein dürfte, denn Johannes Bauer lernte fleißig mit ihm. Und er war es auch, der ihm die Stelle beim Bauhof verschaffte. 

Eine Stelle, die nicht unterschätzt werden darf, selbst wenn der altertümliche Handkarren des Vorgängers durch ein komfortables Elektrofahrzeug ersetzt wurde. „Über die Gerüche brauchen wir uns nicht zu unterhalten“, sagt Eberl und verweist auch auf die körperliche Beanspruchung, welche das Hieven und Leeren der Behälter abverlangt. „Es ist keine leichte Arbeit“, betont der Bauhofleiter. Keine leichte Arbeit, der Alexandre Jacinto Uaila von 6.30 bis 16.00 Uhr nachgeht. 

Wirkliche Hobbys hat er keine, doch seine freie Zeit nutzt er dennoch sinnvoll, mit seiner Tochter Vinalda, die er vor gut zwei Jahren nach Deutschland holte und die schon bald an der Mittelschule ihren Abschluss macht, um dann eine Ausbildung als Krankenpflegerin zu beginnen. Sorgen, sein Kind könnte Schwierigkeiten in Deutschland haben, schien Uaila nicht zu haben. „Ihre Mutter hat gesagt, dass sie ein intelligentes Mädchen ist“, lächelt er. Kaum kommt ihre Mutter zur Sprache, holt Vinalda ein Foto aus ihrer Tasche. Darauf: eine Frau, die so breit lächelt wie auch Uaila lächelt. Bald soll auch Vinaldas Mutter nach Deutschland kommen, wo der 56-Jährige sie noch in diesem Jahr heiraten möchte. „Wenn wir komplett sind, geht es erst einmal aufs Oktoberfest“, grinst Uaila.

Vielleicht isst er dort dann ja Weißwürste, die konnte er früher überhaupt nicht leiden, doch wenn im Bauhof alle beim Weißwurstfrühstück zusammenhocken, dann sitzt er mittlerweile mit einem breiten Grinsen am Tisch. Wobei, allzu viel dürfte das eigentlich nicht bedeuten, denn grinsen sieht man den Mann aus Mosambik ständig, jetzt, mit dem Personalausweis in der Tasche, vielleicht sogar noch breiter. ra

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