Gewachsene Gemeinde

Imam Benjamin Idriz setzt in Zeiten der Distanz auf digitale Alternativen

+
Begegnungen auf Abstand: Imam Benjamin Idriz vor dem Gebetsraum, auf dessen Teppich pfeilförmige Markierungen zeigen, wo man beten darf.

Penzberg – Auf dem fliederfarbenen Teppich haftet glänzend graues Klebeband, an verschiedenen Stellen im Gebetsraum zeigen diese Markierungen, wo ein Gebetsteppich ausgerollt werden darf. Normalerweise kommen rund 200 Gläubige zum Gebet in die Moschee an der Bichler Straße, nun dürfen sich maximal 40 Menschen dort aufhalten, seit diese nach der coronabedingten Schließung für Mittags- und Abendgebete wieder geöffnet hat. Doch immerhin. Wochenlang versuchte Imam Benjamin Idriz, über Facebook und Youtube Kontakt zu seiner Gemeinde zu halten, seit gut zwei Wochen bekommt er wieder Gesichter zu sehen. Endlich. Doch der Imam sieht auch Vorteile in der Zeit, in der er den Gebetsraum für sich allein hatte.

Am Anfang hofften der Vorstand des Islamischen Forums und der Imam noch, dass der coronabedingte Ausnahmezustand nur kurze Zeit andauern werde. Eine Hoffnung, die schnell schwand. Und dann kam der Tag, an dem der Gebetsraum geschlossen werden und das Freitagsgebet zum ersten Mal ausfallen musste. „Das war eigentlich undenkbar“, sagt Vize-Direktorin Gönül Yerli. „Doch Corona hat eine 1400-jährige Geschichte in die Knie gezwungen.“ Schnell war für Imam Benjamin Idriz klar, dass der Kontakt zu den Gläubigen nicht abbrechen darf. Zum Glück, so sagt er, seien seine Kinder „technisch taff“, sodass er nach dem Lockdown auf Face­book und auch auf Youtube Präsenz zeigen konnte, mit Vorträgen, Ansprachen oder Koran-Rezitationen. „Ich hab mit dem Freitagsgebeten angefangen“, sagt der Imam. Diese aber auch weitere Aufnahmen, mit denen der Imam versuchte, den Gläubigen das Gefühl zu geben, in der Moschee zu sein, fanden großen Zuspruch. „Wir sind ja überregional bekannt“, zeigt sich Idriz wenig überrascht von dem Erfolg. Auch hätten die Muslime Verständnis dafür gezeigt, dass die Moschee geschlossen werden musste, „sie haben die Nachrichten aus ihrer Heimat verfolgt und so erfahren, dass sogar dort Moscheen geschlossen wurden“, so Yerli. 

Es dauerte nicht lange, bis sich seine Gemeinde an die neue Form der Glaubensausübung gewöhnt habe, meint Idriz. Selbst als der Imam im Fastenmonat Ramadan einmal um 4 Uhr live zu hören war, hatte er zahlreiche Zuhörer. „Viele hatten schon darauf gewartet“, lächelt Idriz. 

Auch Gönül Yerli lächelt, sie freut sich, dass der Iman den Schritt ins Virtuelle gewagt hat, „er sucht die Herausforderung, und die Herausforderung sucht ihn“, schmunzelt sie. Tatsächlich war und ist die Zeit für den Imam herausfordernd, denn plötzlich ist die Gemeinde gewachsen, Idriz erhielt Rückmeldungen nicht nur aus Penzberg und der Umgebung, sondern auch aus anderen Ländern. „Die, die uns folgen, sind aus unterschiedlichen Kulturen“, so der Imam, der sich freut, dass die Gemeinde in den vergangenen Wochen „noch größer geworden ist“. Rasch kamen so Anfragen herein, ob er nicht auch auf anderen Sprachen als Türkisch, Bosnisch und Deutsch sprechen könnte, etwa auf Albanisch oder Arabisch. Teilweise auf fünf Sprachen war Idriz schließlich zu hören. Mehrarbeit, die der Imam nicht scheut und der er auch nachgehen möchte, wenn die Corona-Zeit vorüber ist. Die Moschee soll jetzt technisch professionell ausgerüstet werden, mit Kameras und Mikrofonen. „Bislang haben wir Geräte von Zuhause benutzt, private Handys“, sagt der Imam. 

Doch Idriz wie auch Yerli wissen, dass der digitale Raum den Besuch der Moschee nicht ersetzen kann. Wenn die Vize-Direktorin Kindern aus der Gemeinde begegnet, hört sie nun oft Sätze wie „Ich vermisse die Moschee“. „Damit hätte ich nie gerechnet“, sagt sie. Seit Wochen stehen die Stühle in dem Raum, wo der Religionsunterricht samstags und sonntags stattfand und zu dem rund 100 Gläubige kamen, auf den Tischen, das Licht bleibt aus. „Der reguläre Unterricht wird wohl bis Ende Juli stillstehen“, sagt der Imam. Mit Zoom startete die Islamische Gemeinde vor kurzem den Online-Unterricht. Bis sich das eingependelt hat, „wird es aber Zeit brauchen“, meint Idriz. Denn nicht alle Familien seien im Umgang mit den technischen Gerätschaften oder den Apps vertraut. 

Vertraut gewesen sein dürften wohl die wenigsten mit der Idee, die Idriz am Ramadan-Fest realisierte: ein Drive-In an der Moschee. Muslime konnten dabei mit ihrem Auto vorfahren und den Imam und den Vorstand fernab des Bildschirms sehen und sich gegenseitig anlächeln. Die Idee stammte dabei nicht vom Imam, sondern von Gönül Yerli: „Nachdem die Autokinos so großen Zulauf hatten“, sei sie darauf gekommen. Und: Am Drive-In bekamen die Kinder kleine Festgeschenke, „die Tütchen mit Süßigkeiten wurden sehr gut angenommen“, freut sich Yerli. 

Doch nicht allein der Fastenmonat war in diesem Jahr anders als gewohnt, auch der Alltag, der nun allmählich wieder in der Moschee einziehen kann. Seit gut zwei Wochen ist der Gebetsraum wieder geöffnet, nicht für fünf Gebete täglich, sondern nur für das Mittags- und Abendgebet. Der Waschraum ist aber noch geschlossen, und jeder Gläubige muss seinen eigenen Gebetsteppich mitbringen. 

Und während in der Moschee wieder gebetet werden kann, mussten Benjamin Idriz und Gönül Yerli ein paar Termine aus ihren Kalendern streichen beziehungsweise verschieben, darunter das Fest zum 30-jährigen Bestehen der Moschee. „Das wird erst nächstes Jahr gefeiert“, meint Yerli. ra

Auch interessant

Meistgelesen

Bund unterstützt Sanierung des Südarkadentrakts mit 7,6 Millionen Euro
Bund unterstützt Sanierung des Südarkadentrakts mit 7,6 Millionen Euro
Antdorfer Plattler-Nachwuchs hat seine Proben wieder aufgenommen
Antdorfer Plattler-Nachwuchs hat seine Proben wieder aufgenommen
Der Projektentwickler Küblböck erntet nichts als Lob für seine Edeka-Pläne
Der Projektentwickler Küblböck erntet nichts als Lob für seine Edeka-Pläne
Rennen am Kesselberg: Autofahrer mit „extremen Geschwindigkeiten“ unterwegs
Rennen am Kesselberg: Autofahrer mit „extremen Geschwindigkeiten“ unterwegs

Kommentare