405-facher Protest für die Freiheit

Motorradfahrer demonstrieren am Kesselberg gegen Straßensperrung

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Sicht- und hörbarer Protest: Eine endlose Schlange an Bikern machte sich auf den Weg zur Passhöhe.

Kochel – Am vergangenen Sonntag (4. April) fuhr eine endlose Schlange von Bikern den Kesselberg hoch, um damit gegen die Sperrung der Straße zu demonstrierten.

Exakt 405 Teilnehmer zählte die Polizei. „Wenn es keine Beschränkung gegeben hätte, hätten wir problemlos auch 20.000 Motorradfahrer mobilisieren können“, sagt Organisator Gábor Kovács vom Krisen-Interventionsteam „Blue Peers“.

Organisator Gábor Kovács will „vernünftige Lösungen“.

Das Motorradfahren ist in Kochel ein heißes Eisen. Erahnen konnte es derjenige, der die Strecke vom Trimini-Parkplatz zur Kesselberg-Passhöhe hinauffuhr. Die Motorradfahrer wurden von selbst gemalten Plakaten begrüßt – mit sarkastisch-ironischen Aufschriften wie „Nein zum Fahrverbot – wir brauchen mehr Organspender“. Abgesehen von den Plakaten sei der Empfang in der Gemeinde aber herzlich gewesen, stellte ein Teilnehmer fest.

Manuela Golka kennt sowohl die Sorgen der Anwohner als auch der Motorradfahrer. Sie habe lange Zeit keinen Motorradführerschein machen dürfen, „weil wir mit dem Roten Kreuz am Kesselberg immer wieder Nachbars-Buam von der Straße gezogen haben“. Im Prinzip habe sich daran bis heute nichts geändert.

Erst kürzlich habe sie einen Hobby-Artisten beobachtet, der Showeinlagen hinlegte und auf dem Motorrad stehend am Aussichts-Parkplatz vorbeirauschte. Gerade noch rechtzeitig vor dem Sturz habe er sein Motorrad in den Griff bekommen. „Es sind halt immer ein paar potenzielle Selbstmörder dabei“, seufzt die 52-Jährige. Ihre Mutter Irmgard (78) pflichtet bei: „Ich wohne am Lainbach und höre immer, wenn die Motorradfahrer die Kurven hochrasen. Abends, wenn die Polizeistation zugesperrt ist, geht’s los – der Wahnsinn.“

„Ich möchte mich frei bewegen können“: Thomas und Manuela Golka schwören auf das Gefühl auf dem Motorrad.

Trotz Erlebnissen wie an der Aussichtskurve findet es Manuela Golka „schade, dass alle Motorradfahrer mit einer Straßensperrung bestraft werden, nur weil ein paar Ausreißer dabei sind“. Es komme immer wieder mal vor, dass sie mit dem Motorrad nach Kochel fährt, um ihre Mutter zu besuchen. „Wenn ich dann weiter zum Walchensee fahren will, muss ich über den Sylvenstein oder über Garmisch ausweichen – das ist schon ein Mords-Umweg.“ Ein unnötiger noch dazu: „Am Wochenende kann am Kesselberg eh keiner rasen, weil man da nur im Stau steht.“ Sie fände es sinnvoll, wenn die Kesselbergstraße nicht gesperrt wird, sondern stattdessen mehrere Blitzer-Anlagen fest installiert werden.

Totenköpfe fahren mit

Manuela Golka legt den Arm um ihren Mann Thomas – ein Harley-Fahrer wie aus dem Bilderbuch. Das Gesicht des 56-Jährigen ziert ein kunstvoll hochgezwirbelter Bart, er trägt Ringe an den Fingern, ein Totenkopf-Armband um das Handgelenk. Auf seiner Chrom blinkenden Maschine ist kein Gegenstand zufällig angebracht. Auf dem Lenker steckt eine USA-Flagge, auf der Karosserie sind mehr Totenköpfe verteilt als auf so manchem Friedhof, auch auf den Tank ist in Paintbrush-Technik ein Schädel gesprüht. Warum er demonstriert? „Ich möchte mich frei bewegen können, und ich möchte mir nicht von irgendwelchen Oligarchen sagen lassen, was ich zu tun habe.“

Antje Hassenzahl aus Geinsheim nahe Mainz ist 450 Kilometer gefahren, um bei der Demonstration dabei zu sein. Auch in ihrer Heimat beteilige sie sich an Demonstrationen gegen Fahrverbote, sagt die Bikerin. Ihr Ziel: „Die Leute sollen darauf aufmerksam gemacht werden, dass wir Motorradfahrer gar nicht so schlimm sind. Es geht drum, dass die Leute vernünftiger fahren, dann passieren nicht so viele Unfälle.“

Antje Hassenzahl will, dass Motorradfahrer „vernünftiger fahren“.

Motorradfahren gehört beim Münchner Kilian Reithmayer seit der frühesten Kindheit zum Leben dazu: „Ich darf es ja gar nicht laut sagen, aber ich bin auf dem Land aufgewachsen und schon mit sechs Jahren das erste Mal auf einem Moped gesessen.“ Bereits seit 51 Jahren habe er ein Zweirad unter den Beinen und fahre durch ganz Deutschland. Mittlerweile hat er das Motorradfahren zu seinem Nebenjob gemacht und bietet geführte Touren an.

Kilian Reithmayer ist gegen „Kollektivstrafen“ für Biker.

Zu Straßensperrungen hat der 57-Jährige eine eindeutige Meinung: „Es ist sinnlos, solche Kollektivstrafen auszusprechen, nur weil einige Motorradfahrer nicht klar in der Birne sind und meinen, dass sie Radau machen müssen.“ Leute, die den Kesselberg zehnmal hintereinander rauf- und runterfahren, gehören seiner Meinung nach auf eine Rennstrecke, aber nicht in den öffentlichen Verkehr. Es sei Aufgabe der Polizei, diese „Idioten“ herauszufiltern. Reithmayer: „Wir sind alle Opas, Söhne, Papas, Omas und Mamas. Wir wollen frei fahren, eine schöne Tour erleben und alle gesund nach Hause kommen.“

Stimme erheben

Gábor Kovács zählt wohl zu den ungewöhnlichen Motorradfahrern. Der 57-Jährige ließ seine Maschine für knapp 2000 Euro umbauen, damit es nun deutlich ruhiger fahren kann als ein Serien-Modell. In dieser Hinsicht müsse man auf die Motorradfahrer einwirken, findet der Organisator, was gleich zu einer Diskussion bei den Motorradfahrern in seiner Umgebung führt. Einer merkt an: „Ein Harley-Fahrer wäre wahrscheinlich nicht begeistert, wenn sein Motor nur noch klingt wie ein Pups.“ Ob man mit solch einer Demonstration etwas bewirken kann? Kovács entgegnet, die Motorradfahrer hätten zwei Möglichkeiten: „Entweder wir nehmen die Sperrungen hin. Oder wir versuchen zu kommunizieren und vernünftige Lösungen zu finden. Wenn wir nichts machen und uns an den Diskussionen nicht beteiligen, dann wird unsere Stimme auch nicht wahrgenommen.“

405 Biker nahmen insgesamt an der Demo teil.

Insgesamt waren 28 Polizisten vor Ort, um die Demonstration zu überwachen. „Es ist wunderbar gelaufen“, resümierte Steffen Wiedemann, Chef der Kochler Polizei. „Bereits bei der Aufstellung haben wir gemerkt, dass die Organisation sehr gut ist.“ Zahlreiche Ordner hätten genau aufgepasst, dass die vorgeschriebenen Corona-Abstände eingehalten werden. Auch die Fahrt zum Kesselberg sei problemlos und störungsfrei abgelaufen: „Wir mussten kein einziges Mal eingreifen.“

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