Keine Denkverbote

Overtourism: Brandbrief des BN-Kreisvorsitzenden

+
Auch das Loisach-Kochelsee-Moor ist bei Wanderern sehr beliebt, zum Leidwesen bodenbrütender Vögel.

Kochel – Verkehrskollaps, Parkchaos, wahlweise resignierte oder aufgebrachte Anwohner: Die letzten Wochen haben die Region an Kochel- und Walchensee an die Grenze der Belastbarkeit gebracht. „Dabei darf man aber nicht vergessen, dass hier auch die Natur das Nachsehen hat“, sagt Friedl Krönauer, der Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz. In einem Brandbrief hat er nun die Probleme benannt und erklärt: „Bei der Suche nach Auswegen dürfen keine Denkverbote herrschen.“

Bei der Suche nach den Gründen für die Ausnahmesituation, die mittlerweile fast schon zur Regel geworden ist, macht Krönauer sowohl die eingeschränkte Reisetätigkeit in Folge von Corona wie auch die in Heerscharen über die Gegend herfallenden Ausflügler verantwortlich. Deshalb stehe zu befürchten, „dass diese Spitzenbelastungen langfristig zu einer verminderten Attraktivität für Urlaubsgäste mit längerer Aufenthaltsdauer führen können.“ Bei der bisher geführten Diskussion und dem Lamento wegen der Überbeanspruchung durch Besucherströme seien Natur und Umwelt nur am Rande erwähnt worden. „Die nachhaltigsten negativen Auswirkungen des Andrangs der Besucher müssen jedoch die Naturräume verkraften“, so Krönauer. 

Seit etlichen Jahren lasse sich dies exemplarisch in den Kocheler Bergen, am Kochel- und Walchensee sowie im Loisach-Kochelsee-Moor feststellen. „Die Folgen sind deutlich erkenn- und spürbar“, so Krönauer. Als Beispiel nennt er das Canyoning in der Heckenbachklamm. „Die Natur verkommt zum Freizeitpark mit dem Versprechen von Grenzwerterfahrungen“, kritisiert der BN-Mann. Das gleiche Phänomen lasse sich auf den Wanderwegen und Steigen sowie den von Mountainbikern genutzten Pfaden beobachten, die immer ausgetretener, ausgefahrener und breiter werden. Ähnlich rigoros verhalten sich laut Krönauer auch manche Kletterer, „die ohne Rücksicht auf Felsvegetation und umliegende Bereiche die Wände auch unter Zuhilfenahme eines Dampfdruckreinigers putzen, um ihrem Hobby nachgehen zu können.“ 

Am Kochelsee hat der BN-Kreisvorsitzende ebenfalls eine Verrohung der Sitten beobachtet. Früher hätten die Surfer darauf gedachtet, „achtsam ihren Sport auszuüben und Uferbereiche zu meiden, um die hier brütenden Wasservögel zu schützen“. Seitdem aber erst die Kiter und dann die Stand up Paddler (SUP) den See für sich entdeckten, „hat es sich mit den letzten Rückzugsgebieten für brütende Wasservögel erledigt“. Deshalb fragt Krönauer in seinem Brandbrief: „Muss das Damoklesschwert des Surf-, Kite- und SUP-Verbots gezückt werden, um das Existenzrecht von Flora und Fauna durchzusetzen?“ 

Bedroht vom Overtourism, also der Vielzahl an Wanderern und Ausflüglern, ist seiner Ansicht nach auch das Loisach-Kochelsee-Moor als bedeutendes Revier für bodenbrütende Vogelarten. Zwar verrichten dort inzwischen zwei ehrenamtlich tätige Wiesenbrüter-Berater ihren Dienst, was auch schon gewisse Erfolge, insbesondere beim Schutz der Brachvögel, zeigte. Angesichts der Ausmaße des zu betreuenden Gebiets beschränke sich diese positive Wirkung aber nur auf einzelne Bereiche. „Vonnöten wäre ein Lenkungskonzept mit eindeutiger Beschilderung und vor allen Dingen eine großzügigere Ausstattung mit entsprechend qualifiziertem Personal, welches aufklärend zum Einsatz kommt“, sagt Krönauer. Schaffe man es nicht, hier schnellstmöglich regelnd einzugreifen, „sind die Bestände zahlreicher bodenbrütender Arten, insbesondere das Braunkehlchen und der Große Brachvogel, existenziell bedroht“. 

Und schließlich das im Verkehr versinkende Walchensee-Gebiet, über das Krönauer angesichts der von der Politik erst vergangene Woche präsentierten Pläne zur Ausweitung der Parkplätze nur sagen mag: „Die Vorstellung, dass als Teil der Lösung des Problems weitere 400 Fahrzeuge auf eigens hierfür eingerichteten Parkzonen Platz finden sollen, erscheint mehr als befremdlich, umso mehr, als sich die betreffenden Flächen im Landschaftsschutzgebiet befinden.“ Dies trage jedenfalls nicht zu einer Entlastung der Verkehrssituation bei.

In der Debatte über die Verkehrsbelastungen und die negativen Entwicklungen am Walchensee kommen für Krönauer die sichtbaren Auswirkungen der Überbeanspruchung der Naturräume zu kurz. „Ohne entschiedenes Handeln setzen wir deren Fortbestand, mittel- und langfristig aber auch unsere touristische Attraktivität aufs Spiel“, betont er und meint: „Es gäbe genügend Instrumente, um den Fortbestand sensibler Naturräume zu erhalten und Erholungssuchenden zugleich Naturerlebnisse zu ermöglichen. Mit dem festen Willen und der notwendigen Entschlossenheit kann dies gelingen.“ la

Auch interessant

Meistgelesen

Parken in der Gemeinde Kochel ist nun deutlich teurer geworden
Parken in der Gemeinde Kochel ist nun deutlich teurer geworden
Starke Regenfälle überfluten Asphalt: Sperrung der Staatsstraße 2370 zwischen Beuerberg und Penzberg
Starke Regenfälle überfluten Asphalt: Sperrung der Staatsstraße 2370 zwischen Beuerberg und Penzberg
Penzberger Unternehmen bedanken sich bei in der Corona-Krise loyalen Kunden mit Gewinnlosen
Penzberger Unternehmen bedanken sich bei in der Corona-Krise loyalen Kunden mit Gewinnlosen
Auf der Suche nach einem Grundstück: Karin Ratzek-Endreß möchte ein Tierheim in Penzberg errichten
Auf der Suche nach einem Grundstück: Karin Ratzek-Endreß möchte ein Tierheim in Penzberg errichten

Kommentare