Aufbruchstimmung in Schwarz

Neujahrsempfang der CSU mit Landtagspräsidentin Ilse Aigner

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Stefan Korpan (2. von links) war beim Neujahrsempfang sehr beschäftigt, unter anderem beim Fototermin mit Penzbergs CSU-Chef Nick Lisson, Landrätin Andrea-Jochner Weiß, Landtagspräsidentin Ilse Aigner und dem Landtagsabgeordneten Harald Kühn.

Penzberg – Da kann Söder neuerdings noch so sehr seine Freude an den Bienen und dem Weltklima haben, die CSU ist nach wie vor ein Hort der Rituale. Wenn einer der Parteigranden einen Saal betritt, dann erklingt der offenbar eigens für die CSU komponierte Defiliermarsch, wie nun auch in Penzberg.

Weil sich das mit einer Jazzkombo wie kürzlich beim Neujahrsempfang der Genossen aber nur bedingt glaubwürdig intonieren lässt, verpflichtete man bei der CSU gleich die gesamte Stadt- und Bergknappenkapelle, die in Penzberg zwar wesentlich öfter das Steigerlied spielen muss, der aber auch der Defiliermarsch ganz flüssig gelang. 

Ilse Aigner, der Landtagspräsidentin, hätte man es zu diesem Zeitpunkt nicht verdenken können, wenn sie schon wieder im BMW in Richtung München gesessen wäre. Sie wurde jedenfalls minutenlang im Flur der Stadthalle geparkt, weil Penzbergs CSU-Chef Nick Lisson bei der Begrüßung ja niemanden vergessen wollte. Dass sich dies etwas in die Länge zog, war zum einem dem Umstand geschuldet, dass Lisson fortwährend Zettel von Ludwig Schmuck zugesteckt bekam, wer denn noch begrüßt werden müsse. Erschwerend hinzu kam aber auch, dass schon lange nicht mehr so viele Menschen der hiesigen CSU ihre Aufwartung machten, was zum einen an Aigner gelegen haben mag, aber ganz sicher an der Kommunalwahl gelegen hat. Das wiederum war schon daran ersichtlich, dass sich beinahe die gesamte SPD-Stadtratsfraktion in der Stadthalle tummelte. In gewisser Weise war dies ein mutiges Unterfangen, weil die Genossen sehr genau abwägen mussten, wo ihr Beifall anstandshalber und deshalb gefahrlos erfolgen konnte und wo ein falsches Zucken mit den Händen als höchst gefährlich, weil unbotmäßige Zustimmung signalisierend, gegolten hätte. Die SPD stellte zwar zahlenmäßig den größten Trupp der politischen Konkurrenz, sie war aber nicht allein: Man sah die orangefarbenen Schals der BfP, man sah Leute von der FDP, Johannes Bauer als einzigen Grünen und welche aus der zweiten Reihe von Penzberg Miteinander, was insofern überraschte, weil man dort vor ein paar Wochen noch eine ausgelassene Feier mit der CSU wegen geklauter und wieder überlassener Internetadressen feierte und man deshalb hätte meinen können, dass sich auch die erste Garde von Bocksberger & Co. blicken lassen würde.

Die Stimmung im Saal war jedenfalls sehr aufgeräumt, man könnte beinahe von einer schwarzen Aufbruchstimmung sprechen, was aber nicht nur an dem Hashtag „wechsel2020“ liegt, der gleichsam als Motto über dem Wahlkampf schwebt, sondern auch an Bürgermeisterkandidat Stefan Korpan. Der muss als Fußballtrainer des ESV Penzberg Woche für Woche die Kreisklasse erleiden, an diesem Abend durfte er an der Seite von Ilse Aigner aber einmal kurz Bundesligaluft schnuppern. Ein ungewohntes Parkett, auf dem er sich aber achtbar schlug, was für einen 34-jährigen Polizeibeamten, der vor gerade mal zwei Jahren der CSU beigetreten ist und sich erst seit seiner Nominierung so richtig mit Kommunalpolitik beschäftigt, schon nicht schlecht ist. Er wirkt vor dem großen Auditorium jedenfalls kein bisschen nervös, verhaspelt sich nicht und bekommt spontanen Applaus, als er sagt, das Wichtigste für ihn als möglichen Rathauschef sei „ein fairer und respektvoller Umgang miteinander“. Darauf, an diesem Abend sein Wahlprogramm auszulegen, habe man „aus Umweltschutzgründen“ verzichtet, kokettiert Korpan ein wenig im Greta-Stil, was ihm aber die Gelegenheit gibt, seine Schwerpunkte kurz zu referieren. Da ist das Gründerzentrum für junge Unternehmen und der Co-Working-Space in der alten Stadtbücherei. Zudem fordert er einen eigenen Ehrenamtsförderer im Rathaus ebenso wie die Errichtung eines Referats für Umwelt- und Naturschutz. Ferner will er die Spielplätze modernisieren, zusammen mit den Hebammen ein Geburtshaus errichten, ein Seniorenzentrum als Treffpunkt für die älteren Herrschaften schaffen und Gut Hub als Freizeit- und Kulturstätte aufwerten. Und mit der Gründung einer eigenen Wohnungsbaugenossenschaft (siehe Seite 1) soll der Druck vom Mietmarkt genommen und bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden. 

Wenn Korpan über seine Ziele spricht, dann sagt er fast immer „wir“, er redet dann vom Team und davon, dass man gemeinsam Ideen und Ziele entwickelt habe. Und das alles so ruhig und unaufgeregt, als habe er noch nie was anderes als Politik gemacht. Nick Lisson kann seine Begeisterung jedenfalls nicht zurückhalten: „Wenn wir uns einen Wunschkandidaten hätten basteln dürfen, wäre er herausgekommen“, sagt er über Korpan. Und Lisson fordert den Saal auf, dass man Korpan an seinen Taten und Worten messen solle, weil man dann erkennen werde, dass der kleine Mann mit dem kleinen Bart nur das verspreche, „was er auch halten kann“. Ähnlich überschwänglich äußert sich auch Landrätin Andrea Jochner-Weiß, die strahlend anmerkt: „Wenn wir ihn nicht hätten, müssten wir ihn erfinden.“ 

Nun, Ilse Aigner, musste hier notgedrungen auf die Euphoriebremse treten, weil sie Korpan ja eben erst kennengelernt hat, weshalb sie sich auf die beiden Attribute „sehr überzeugend“ und „sehr angenehm“ beschränkte. Dafür zeigte sie, dass ihr das Amt der Landtagspräsidentin sehr gut tut. Hatte man nach ihrem Abschied aus dem Wirtschaftsministerium noch gemunkelt, Söder stelle Aigner dort aufs Abstellgleis, hat sie in dieser Funktion aber eindeutig an Profil gewonnen, was vielleicht auch daran liegt, dass sie jetzt Dinge sagen darf, die ihr eine Herzensangelegenheit sind. Und so stellt sie etwa am Holocaust­gedenktag, der auf den nämlichen Tag wie der Neujahrsempfang fiel, mit Blick auf die Klimadebatte fest: „Das, was damals unter den Nationalsozialisten passiert ist, war eine Katastrophe. Wir aber haben keine Klimakatastrophe, sondern stehen hier vor einer Klimaherausforderung.“ Dass Markus Söder im Augenblick die CSU inhaltlich umkrempelt und neben dem Umweltschutz auch noch Visionen für die Raumfahrttechnik und die künstliche Intelligenz entwickelt, findet, man höre, Aigners ausdrückliche Zustimmung. „Wie der Markus das macht, ist richtig klasse“, sagt sie und fügt mit breitem Grinsen hinzu, dass das schon was heiße, wenn ausgerechnet sie warme Worte für Söder findet. Dann wird Ilse Aigner aber sehr nachdenklich: Ohne die AfD direkt zu nennen, kommt sie auf die Beleidigungen von Politikern in den sozia­len Netzwerken zu sprechen. „Das bereitet mir große Sorge“, sagt Aigner und erklärt, dass ihrer Ansicht nach „der Deckmantel der Anonymität im Netz nicht für Beleidigungen herhalten darf“. Die jüngsten Hakenkreuzschmierereien an Politikerbüros in München hätten gezeigt: „Der Schritt von bösen Gedanken zu bösen Taten ist nicht weit.“ Applaus im Saal, auch von der SPD. 

Dass es im Übrigen keine Selbstverständlichkeit ist, dass die CSU in der Stadthalle einen Empfang wie diesen vollziehen darf, daran hatte zuvor der Landtagsabgeordnete Harald Kühn erinnert. Franz Josef Strauß hatte man nämlich im SPD-dominierten Penz­berg einst den Zutritt verweigert. Heute aber kommt sogar die SPD in Kompaniestärke zur CSU und klatscht dort, wo es unverfänglich ist. Zum Beispiel bei diesem Aigner-Satz: „Es ist einfach schön, in diesem Land in Frieden, Freiheit und Demokratie leben zu können. Und darüber darf man sich schon auch mal freuen.“ la

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