Ungeduldige Finger

Bei der Eröffnung des Repair-Cafés können die Tüftler Kaputtes kaum erwarten

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Das war ich: Reparateur Joachim Rau zeigt den Besuchern auf dem Parkplatz vor dem Repair-Café, was er mit seinem alten Daihatsu angestellt hat.

Penzberg– Der Daihatsu rollt um die Kurve und parkt an der Christianstraße 8. Auf dem Nummernschild prangt ein „E“. Das in die Jahre gekommene Auto wird von einem Elektromotor angetrieben und ist damit wohl das beste Sinnbild dafür, dass die Männer des Repair-Cafés keine Herausforderung fürchten.

Ein Honigkuchenpferdlächeln breitet sich im Gesicht von Herbert Preuß aus, als er die ersten Besucher begrüßt. Hinter ihm leuchtet ein großes rotes Herz mit „Willkommen“-Schriftzug am Fenster des Werk­raums. Seit Monaten hat er gemeinsam mit seinen Kollegen vom Seniorenbeirat, mit der Volkshochschule und mit dem Werkraum-Team alles daran gesetzt, ein Repair-Café nach Penzberg zu holen. „Nun haben wir es geschafft“, freut sich Preuß. Was genau es mit einem solchen Café auf sich hat, zeigt ein Blick in den Werkraum. Dort stehen auf einem großen Tisch allerhand Geräte und Werkzeuge, die ungeduldig auf Arbeit zu warten scheinen, genau wie die Reparateure, die nicht so recht wissen, wohin mit ihren Händen, solange sie keinen Schraubenzieher zwischen ihren Fingern haben. 

Sechs der neun Tüftler sind zur Eröffnung ihrer künftigen Wirkungs- und Werkstätte gekommen. Sie alle wollen kaputten Geräten und Gegenständen eine zweite Chance geben, ehe sie auf dem Müll landen. „Wir wollen, dass Geräte länger laufen“, sagt Preuß, und scheint seine Worte ganz bewusst gewählt zu haben. Denn bislang sind es vor allem Männer mit einem Händchen für Elektronik, die als Reparateure wirken, Handwerker anderer Sparten fehlen noch, wenngleich Preuß versichert, dass die Männer auch in anderen Bereichen zu helfen wissen. 

Zu diesen Männern zählt auch der 81-jährige Joachim Rau. Seit Kindesbeinen an repariere er Dinge, sagt der ehemalige Elektro- und Maschineningenieur. Und auch auf Seniorenbeinen scheint er von dieser Leidenschaft nicht ablassen zu können. Dass er sich dabei nicht vor großen Aufgaben scheut, beweist Rau sogleich. Er verschwindet kurz, um dann mit seinem alten Daihatsu um die Ecke zu biegen. An sich nichts Weltbewegendes, wäre da nicht der Elektromotor, den Rau anstelle des Benzinmotors eingebaut hat. Rau steigt aus und öffnet die Motorhaube, in einem leuchtenden Gelb strahlt das Triebwerk heraus. 

Weniger mit Triebwerken als vielmehr mit Laufwerken setzt sich Florian Alt auseinander. Der Mann aus der Computerbranche möchte im Repair-Café zeigen, dass es oft nur kleine Handgriffe sind, die Laptop und Handy wieder zu alter Stärke verhelfen. „Oft liegt es nicht an der Hardware“, weiß der Profi, der es kaum erwarten kann, Bildschirme wieder zum Leuchten zu bringen. Neben Rau und Alt bereichern unter anderem auch ein Kfz-Meister, ein Elektriker und ein Elektroingenieur das Team. Sie alle stellen sich den Besuchern mit Namensschild an der Brust vor, und schnell wird klar, sie alle teilen eine „Geht nicht, gibt‘s nicht“-Mentalität. 

Nichts geht trotzdem am ersten Tag. Denn allzu viele Reparaturen stehen nicht an, und so sprechen die Reparateure mit den Besuchern eben über ihre Geräte, mit denen sie kaputte Dinge, wenn denn solche mal bei ihnen auf dem Tisch landen, wieder zum Laufen bringen wollen. Geräte, mit denen dann auch diejenigen konfrontiert werden, die ihren Toaster, ihren Drucker oder ihren Föhn in den Werkraum bringen. Denn die Reparateure behandeln keineswegs alleine das kaputte Objekt, „wir wollen zusammen reparieren“, betont Preuß, was bedeutet, dass das Repair-Café professionelle Hilfe zur Selbsthilfe anbietet, und das völlig kostenlos. Höchstens für das ein oder andere Ersatzteil müssen mal ein paar Euro aus dem Geldbeutel geschüttelt werden. Das entsprechende Ersatzteil zu finden, dabei helfen dann aber die Reparateure, oder sie fertigen es gleich vor Ort an: Schon bald soll nämlich ein 3D-Drucker in der Werkstatt stehen, mit dem Kunststoffteilchen individuell gefertigt werden können. 

Zusammen reparieren, zusammen Zeit verbringen. Wie das zweite Wort im Namenskompositum bereits verrät, möchte das Repair-Café auch eine Begegnungsstätte sein. Ein Ort des Austausches, aber auch des Kaffees und des Kuchens, und das an jedem dritten Freitag im Monat, stets von 14.30 bis 17.30 Uhr. Ein Konzept, das ankommt, noch am Tag der Eröffnung melden sich zwei Besucher, die das Team künftig unterstützen möchten, und die beiden kommen nicht aus der Elektrobranche: Als gelernte Schneider wollen sie Löcher in Gewändern flicken und kaputte Reißverschlüsse wieder schließen. Sieht ganz so aus, als ob nicht nur eine Werkstatt, sondern auch eine Nähstube eingerichtet werden muss. Bleibt abzuwarten, ob neben Nähmaschine und 3D-Drucker dann auch noch eine Hobelbank in den Räumen Platz finden wird. ra

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