Sturm auf die Bastille

Penzberg Miteinander kürt Markus Bocksberger zum Bürgermeisterkandidaten

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Fröhlicher Haufen: Die Stadtratskandidaten von Penzberg Miteinander um Markus Bocksberger scheinen mit ihren Listenplätzen offenbar recht zufrieden zu sein.

Penzberg – Der 15. März 2020 soll für Markus Bocksberger das werden, was der 14. Juli 1789 für die Franzosen ist: ein Nationalfeiertag, der an den Beginn der Französischen Revolution, an das Aufbegehren der Bürger gegen die Obrigkeit, erinnert, symbolisch verklärt im Sturm auf die Bastille.

 Nun ist zwar nicht zu erwarten, dass Bürgermeisterin Elke Zehetner im Fall eines Bocksberger‘schen Wahlsiegs umgehend enthauptet wird, wie es einst dem Kommandanten der Bastille widerfahren ist, aber gleichwohl hat der Kopf der neuen Liste Penzberg Miteinander für den Wahlsonntag an den Iden des März (als übrigens Cäsar gemeuchelt wurde, was die Phantasie von Penzbergs Auguren beflügeln dürfte) zum Sturm auf die Bastille aufgerufen. 

Bocksberger, der im Streit um Zehetners Führungsstil die SPD-Fraktion verlassen hatte und seither als Fraktionsloser dem Stadtrat angehört, wurde am Montagabend in der Stadthalle erwartungsgemäß und völlig unblutig zum Bürgermeisterkandidaten gekürt. Was dabei überraschte, war weniger die nordkoreanische Zustimmungsrate von hundert Prozent, sondern der Umstand, dass 55 Penzberger sich im kleinen Saal versammelt hatten, eine erstaunliche Zahl für eine Liste, die ganz bewusst weder Partei noch Verein sein will. 

Dass der Nominierungsabend mit etwas Verspätung begann, lag unter anderem auch daran, dass Bocksberger als symbolgewaltiger Rosenkavalier den Grünen seine Aufwartung machte. Die stellten in überschaubarer Anzahl eine Etage höher ihre Stadtratskandidaten auf und hatten, weil von einem größeren Andrang bei Penzberg Miteinander auszugehen war, bereitwillig auf den kleinen Saal verzichtet. Zum Dank dafür schleppte Bocksberger eine ganze Vase voller Grünzeug in den ersten Stock. Und dabei handeltes es sich ausgerechnet um jene Sonnenblumen, die für die Grünen seit den friedensbewegten Anti-Atomkraft-Tagen das Symbolgewächs schlechthin sind. 

Drunten, im Erdgeschoß, hatte der Abend noch zwei weitere Überraschungen bereit gehalten. Die eine grüßte einen gleich beim Empfang in Gestalt von Renate Dodell. Die ehemalige Landtagsabgeordnete der CSU ist, wie sie selbst sagte, „aus der politischen Versenkung vorübergehend aufgetaucht“, weil Bocksberger ein Freund ihrer Kinder sei und sie deshalb die Wahlleitung an diesem Abend übernommen hatte, wofür sich der bei Dodell bedankte, indem er sie eine „großartige Politikerin und außergewöhnliche Demokratin“ nannte. Worte, für die er wohl aus der SPD-Fraktion rausgeflogen wäre, hätte er selbige nicht aus freien Stücken schon längst verlassen. Und auch die zweite Überraschung hatte mit der SPD zu tun: Ute Frohwein-Sendl, das soziale Gewissen der Sozialdemokraten im Stadtrat und eine mit durch und durch rotem Herzen, kehrt den Genossen zumindest auf kommunalpolitischer Ebene den Rücken und tritt jetzt auf Listenplatz acht für Penzberg Miteinander an. 

Erstaunlich auch, dass es der neuen Liste gelungen ist, für jeden der 24 Plätze auf der Liste mit den Stadtratskandidaten einen Bewerber zu finden. Die Grünen (Bericht über deren Nominierungsversammlung folgt) haben das nicht geschafft, weshalb sie von der Möglichkeit Gebrauch gemacht haben, einen Kandidaten auf mehreren Plätzen ins Rennen zu schicken. Gleiches ist auch bei der FLP zu erwarten.Bisher hatte nur die CSU alle 24 Plätze mit jeweils einem Bewerber belegt, bei der SPD wird es wohl ähnlich sein. Und was die BfP machen, steht noch in den Sternen, denn dort hält man sich mit Blick auf den 15. März außergewöhnlich bedeckt. 

Doch zurück zu Markus Bocksberger und seiner neuen Liste: Verglichen mit jenem Abend, als er erstmals vor die Öffentlichkeit trat und in ebenso deutlichen wie wohl gewählten Worten das Klima anprangerte, das seit Zehetners Amtsübernahme im Rathaus und in der ganzen Stadt herrsche, gab er sich diesmal eher staatstragend. Bocksberger stellte die sieben Leitlinien von Penzberg Miteinander vor, die im klassischen Politsprech verfasst und nur deshalb lesenswert sind, weil der Kandidat anmerkte, man könne daraus ablesen, „was unserer Ansicht nach nicht so gut läuft“. In diesem Zusammenhang sind dann wohl der „Zusammenhalt innerhalb der Bürgerschaft“, die „Bürgerbeteiligung“ und das „Vertrauen der Bürger“ an vorderster Front gemeint. Ansonsten sprach Bocksberger noch davon, dass Penzberg eine „sozialere, umweltbetontere, wirtschaftsfreundlichere und nachhaltigere Politik“ verdient habe und dass man sich die Frage stelle müsse, ob man in der Stadt „Wachstum um jeden Preis“ haben wolle. Sachen, was man halt so sagt, wenn man nominiert werden möchte. Unter diese Kategorie fallen auch die Forderung nach einem eigenen Umweltreferat im Rathaus, nach einem Wirtschaftsbeirat und einer Vollzeitstelle für den Wirtschaftsförderer. Eines war dann aber doch ein echter Bocksberger-Satz, der, wenn man ihn lange genug kennt, erkennen lässt, was ihn wirklich antreibt, sich um das höchste Amt in der Stadt zu bewerben: „Ich will nicht spalten. Ich will Gräben zuschütten und Brücken bauen.“ Man kann dies als Schlachtruf für seinen Sturm auf die Bastille werten, was im historischen Kontext völlig verfehlt wäre, weil seinerzeit das Einreißen der Brücken zum Programm erhoben worden war. Bocksberger aber ist dieses Streben nach Harmonie und Gemeinsinn abzunehmen. 

Dafür ist er zu sehr Penzberger, was an diesem Abend in einem kleinen Nebensatz zum Ausdruck kam. Ja, er möchte Bürgermeister dieser Stadt werden, keine Frage, aber diesem Ziel ordnet er eine große Leidenschaft unter: „Ich werde im nächsten Jahr beim Starkbieranstich nicht mitspielen.“ Eine Lappalie, mag jener denken, der sich mit Penzbergs Ritualen nicht auskennt. Beim Derblecken der Großkopferten, das Bocksberger als konstanter Lichtblick die schwankenden Inszenierungen geprägt hat, aus freien Stücken nicht mit dabei zu sein, untermauert die Ernsthaftigkeit seines Ansinnens mehr als die sieben mit dem Wattebausch formulierten Leitlinien. la 


Mit folgender Kandidatenliste tritt Penzberg Miteinander bei der Stadtratswahl an: 1. Markus Bocksberger, 2. Anette Völker-Rasor, 3. Martin Janner, 4. Thomas Mügge, 5. Ramona Frick, 6. Maximilian Bauer, 7. Stefan Bleicher, 8. Ute Frohwein-Sendl, 9. Christian Curth, 10. Michael Schwarz, 11. Gisela ­Matschl, 12. Christoph Kiml, 13. Annette Helfferich, 14. Bärbel ­Scholz, 15. Thomas Haberecht, 16. Sybille Müller, 17. Peter Rasor, 18. Bernd Watzlawek, 19. Uwe Geissler, 20. Anja ­Schräml, 21. Andreas Ranft, 22. Nikolaus Pfannkuch, 23. Doris Mühlfeldner, 24. Christa Kratzer.

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