Not siegt über Moral

„Eine ganz heiße Nummer“: Oberlandler brillieren mit bissig-schlüpfriger Komödie

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„Ja wo is jetzt da oben und unten?“: Daniela Allnoch, Julia Mach und Julia Follner (von links) blättern zu Recherchezwecken für ihre neue Geschäftsidee in einem Sexheftchen.

Penzberg – 15 Aufführungen, rund 940 Besucher, das ist sogar für das erfolgreiche Oberlandler Volkstheater eine „ganz heiße Nummer“. Mit tosendem Applaus verabschiedete das Publikum  die zehn Darsteller bei der letzten Aufführung von Andrea Sixts Komödie „Eine ganz heiße Nummer“ in der Probebühne. 

Eigentlich entstand die Idee für das Stück aus einer Not heraus, wie Oberlandler-Chefin Claudia Herdrich erklärt. „Ende Juli wurde klar, dass wir unsere ursprünglich geplante Inszenierung aus gesundheitlichen Gründen nicht werden aufführen können. Da musste ein Plan B her“, so Herdrich. Während sich in den Kinos für Oktober 2019 der Film „Eine ganz heiße Nummer 2.0“ ankündigte, tüftelte man bei den Oberlandlern, wer denn in die Rollen der drei Hauptdarstellerinnen schlüpfen könnte, um Teil 1 der Komödie auf die Bühne zu bringen. Ein Stück, in welchem zwar witzige Kommentare und deftige Flüche die Oberhand haben, das aber auch tief an den Werten der Gesellschaft kratzt. Nicht das reine Vergnügen, sondern Geldnot und Zukunftssorgen treiben die Verzweifelten zu Taten entgegen ihrer Moral. Stück für Stück fallen die eigenen Grundsätze der Not zum Opfer. 

Obwohl der Theaterraum anfangs nicht sonderlich warm erschien, wurde es dort in kürzester Zeit ganz schön heiß, was nicht zuletzt an der sauertöpfigen Waltraud lag, die im Laufe des Stücks zur französischen Sexgöttin mutierte, hervorragend gespielt von Julia Follner. Nachdem die Wirtschaftskrise auch vor dem kleinen Dorf Mariental nicht Halt macht und sogar die örtliche Glashütte schließen muss, treibt es viele Bewohner in die Arbeitslosigkeit. Auch der Tante-Emma-Laden von Maria Brandner (Daniela Allnoch) und Waltraud Wackernagel steht vor dem Aus. Immer weniger Kunden kaufen hier ein, was den beiden Inhaberinnen und Verkäuferin Lena (Julia Mach) schwer zu schaffen macht. Nur der junge Willi (Maximilian Günzl) hält dem Laden unerschütterlich die Treue. Als dann auch noch Krediteintreiber Stefan Sonnleitner (Rainer Babel) im Laden auftaucht und eine Rückzahlung innerhalb von vier Wochen verlangt und Waltrauds Mann Heinz (Peter Rubner) seinen Job in der Glashütte verliert und nun das gemeinsame Haus verkaufen möchte, wissen die drei Frauen nicht mehr ein noch aus. Während die gläubige Lena auf die Hilfe Gottes hofft, klingelt das Telefon. Zwar hat sich der Anrufer verwählt und verlangt von Maria obszöne Handlungen, doch ist er auch der zündende Funke für einen lukrativen Nebenerwerb: eine Telefonsex-Hotline. Mit angetrunkenem Mut geht es an die Recherche, Schundblättchen werden gewälzt und Dialoge mit Hilfe eines schlüpfrigen Filmchens einstudiert. Dabei erweist sich, nach anfänglicher Scham und Zierde, die anständige Lena als sexy flüsterndes Naturtalent. Waltraud findet ihre Rolle als französisch hauchende Lolita und Maria wird für den treuen Anrufer Thomas eher zur Seelsorgerin als zur Gespielin.

In kürzester Zeit blüht das Geschäft, und alle moralischen Bedenken sind über den Haufen geworfen. Aber dann geht alles schief: Marias Vater (Rainer Hoffmann) stirbt beim wollüstigen Lauschen des Sexgeflüsters auf der Toilette an einem Herzinfarkt, und ausgerechnet Pfarrer Gandl stolpert im wahrsten Sinne des Wortes über die Tüte mit den Schundheften. Auch die Bürgermeistergattin Gerti hat Lunte gerochen und spioniert, bis sie letztendlich die drei geschäftigen Damen auffliegen lässt. Das Dorf ist empört, bis diejenigen, die am lautesten schreien plötzlich als Anrufer identifiziert werden. So hat Pfarrer Gandl neben seinen Psalmen auch noch ganz andere Geschichten im Kopf, und Krediteintreiber Sonnleitner entpuppt sich als Anrufer Thomas, welchen Maria inzwischen ins Herz geschlossen hat. Heinz hingegen verzeiht seiner Waltraud, und Lena steht zu ihren Taten. „Am wichtigsten ist, dass man sich selber mag“, wirft sie dem Pfarrer an den Kopf. Und Willi legt hinterher: „Wichtig is‘, das dei Seele g‘sund bleibt.“ Die scheinheilige Gerti hingegen nutzt die Gunst der Stunde und wird zur lüsternen „Shakira“, natürlich am Telefon. 

Zwei kurzweilige Stunden bescherte das Oberlandler Volkstheater seinem Publikum und feierte damit einen Riesenerfolg. „So viele Zusatztermine haben wir nicht immer“, freute sich Darstellerin und Regisseurin Daniela Allnoch. Mit großen Schritten geht es nun in die Vorbereitung zum Starkbier­ anstich, der mit seinen beiden Terminen genau auf das Wahlwochenende fällt. „Diese Gelegenheit lassen wir uns natürlich nicht entgehen“, grinst Claudia Herdrich. Anders als sonst finden die Aufführungen diesmal am Freitagabend und Samstagvormittag statt, damit am Sonntag, 15. März, keiner von seinem Gang zur Wahlurne abgehalten wird. au

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