Normalität im roten Sessel

Das KinoP. darf nach Wochen der Stille wieder Bilder auf die Leinwand bringen

+
Sind froh, dass die beiden Säle wieder mit Leben und Lachen gefüllt werden, wenn auch in Maßen: Kinobetreiber Markus Wenzl mit seiner Frau Claudia und seiner Tochter Linda.

Penzberg – Es scheint fast so, als ob das Känguru Markus Wenzl in Augenschein nimmt. Es stiert auf den Chef des KinoP. Und der kleine Mann mit schulterlangen Haaren erwidert den Blick des Tieres. Schon seit ein paar Wochen hängt das Plakat für den Film „Känguru-Chroniken“ an der großen Wand im Foyer des Kinos an der Bichler Straße. Der Streifen hätte schon im März anlaufen sollen, dann kam Corona. Nun freut sich Wenzl, dass das Känguru endlich über die Leinwand hüpfen kann. Aber nicht nur das Beuteltier.

Eines hat Wenzl während der Corona-Zwangspause nicht wirklich vermisst. „Das Popcorn“, lacht der Kinobetreiber. Die Maschine blieb rund drei Monate aus. Und Wenzl roch nach Feierabend nicht mehr wie eine Fritteuse. Etwas anderes haben er, seine Frau Claudia und seine Tochter Linda dagegen umso mehr vermisst: Besucher. Die dürfen seit Montag wieder in die beiden Kinosäle. Nicht so viele wie noch vor dem Lockdown, aber zumindest einige, „im großen Saal dürfen 40 statt 100 rein, im kleinen nur zwölf“, sagt Wenzl. Er lächelt. Die Plätze werden wohl ausreichen, denn Wenzl glaubt nicht, dass allzu viele die Kasse stürmen. 

Seine Frau Claudia nickt, auch sie ist, was die Wiederöffnung anbelangt, verhalten optimistisch. Und so können zwar Karten reserviert werden, aber auch dem spontanen Kinobesuch steht nichts im Wege. Sessel können aber nicht vorab reserviert werden. „Wir weisen die Plätze zu“, sagt Wenzl. Der Weg vom Eingang über die Kasse bis zum Sitz muss mit Maske bestritten werden. Im Saal müssen Abstände konsequent eingehalten werden, und die Lüftung läuft auf Hochtouren. Hinein und hinaus gilt eine Einbahnregelung. Bodenmarkierungen, Hinweisschilder, Desinfektionsmittelspender: „Schön, finde ich das alles nicht“, sagt Wenzl. Aber um den Hygieneauflagen zu genügen, muss der Kinobetreiber eben mitziehen und die Ästhetik vergessen. 

Wie genau die Vorgaben für Kinos aussehen, weiß Wenzl dank reger Kommunikation mit vielen Kollegen. Ein offizielles Schreiben hat er wie so viele anderen Betriebe in verschiedenen Branchen nicht erhalten. Trotzdem bleibt er gelassen, auch mit Blick auf das Programm. Einige Filme, die während des Lockdowns hätten anlaufen sollen, sind mittlerweile über diverse Streaming-Dienste verfügbar. Manche Streifen, die im Sommer auf die Leinwand kommen sollten, wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Wenzl zuckt mit den Schultern. Normalerweise erfahre er etwa ein Jahr im Voraus, wann welcher Film an den Start geht, sagt er. Doch nun ist alles anders. Dennoch sei das Programm nicht unattraktiv, „wir zeigen eben nicht nur Blockbuster“, betont Wenzl. Das KinoP. ist schließlich auch bekannt für Arthouse-Filme. Besonders freut sich der Kinobetreiber in diesem Zusammenhang auf den Dokumentarfilm „Für Sama“. „Das ist zwar harter Tobak, aber man kann ja nicht nur Feelgoodfilme spielen“, findet Wenzl, während er auf einem Barhocker im Foyer sitzt und vom Känguru ange­glotzt wird. Wenn er auf das Tierchen blickt, so bedauert er, dass derzeit kaum neue Filme in der Pipeline sind, „die müssen erst wieder produziert werden“. Vor allem an Kinderfilmen mangele es, gerade in einer Zeit, in der Eltern im Homeoffice und mit Homeschooling jede Abwechslung und Zerstreuung für den Nachwuchs mit Kuss­hand in Anspruch nehmen. Der nächste Blockbuster, für Erwachsene, kündigt sich erst im Juli an. Manche Kinos, das weiß Wenzl nach einigen Telefonaten, öffnen auch erst im Juli, die Lichtspielhäuser in München etwa. Einige Betreiber lassen die Türen sogar bis Herbst geschlossen. 

Nicht so Wenzl, der keinen seiner Mitarbeiter, drei Festangestellte und zwei Minijobber, in der Corona-Krise entlassen wollte und dies auch nicht getan hat. „Wenn der Betrieb wieder richtig läuft, dann brauchen wir sie“, sagt er. Die nächsten zwei Wochen will Wenzl aber erst einmal langsam angehen, mit reduzierten Öffnungszeiten, um größere Zeitfenster zwischen den Abendvorstellungen zu schaffen, „die Leute sollen sich ja nicht begegnen“. 

Beim Blick auf die wieder geöffnete Kasse wird Wenzl ernst: „Es lohnt sich nicht.“ Um den Leuten ein Stück Normalität zurückzugeben, schmeißt er aber wieder die Popcornmaschine an und riecht nach Feierabend gerne wie eine Frittenbude. ra

Auch interessant

Meistgelesen

Antdorfer Plattler-Nachwuchs hat seine Proben wieder aufgenommen
Antdorfer Plattler-Nachwuchs hat seine Proben wieder aufgenommen
Der Projektentwickler Küblböck erntet nichts als Lob für seine Edeka-Pläne
Der Projektentwickler Küblböck erntet nichts als Lob für seine Edeka-Pläne
Rennen am Kesselberg: Autofahrer mit „extremen Geschwindigkeiten“ unterwegs
Rennen am Kesselberg: Autofahrer mit „extremen Geschwindigkeiten“ unterwegs
Keine Aussicht auf Erfolg: Petition gegen Abriss des Verstärkeramtes zurückgezogen
Keine Aussicht auf Erfolg: Petition gegen Abriss des Verstärkeramtes zurückgezogen

Kommentare