An den nächsten Schritt denken

Dengeln, wetzen, schwingen: 4. Kongress der Sensologen in Benediktbeuern

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Keiner senst so gut und schnell wie er: Ignaz Ott (rechts) aus Großweil war auch in diesem Jahr wieder das Maß aller Dinge beim Sensologen-Kongress.

Benediktbeuern – Erst die Theorie, dann die Praxis: Beim 4. Sensologen-Kongress im „Zentrum für angewandte Sensologie“ wurde nach einer intensiven Schulung aller Teilnehmer wieder die Sense geschwungen. Unzählige Halme fielen da im klösterlichen Obstgarten in die Waagrechte.

Gleichmäßig schwingt Otto Gion seine Sense knapp über der Grasnarbe hin und her. Ohne Hast, dafür mit der Präzision und der Effizienz eines erfahrenen Sensologen arbeitet er sich Schritt für Schritt vorwärts, die Grashalme fallen in großen Büscheln zur Seite und bleiben längs zur Schnittfläche liegen. Ein wenig erinnert die Szene an die berühmte Passage aus Michael Endes „Momo“, in der man von Beppo Straßenkehrer erfährt, worauf es ankommt: „Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude. Das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut.“ 

Dass die Sensenmahd nicht nur dem selbsternannten „Obersensologen“ Otto Gion, sondern auch den etwas mehr als 20 Teilnehmern des diesjährigen Sensologen-Kongresses viel Freude bereitet, lässt sich hier, auf den weitflächigen Obstbaumwiesen des Klosters Benediktbeuern, unschwer erkennen. Nachdem am Vormittag der Theorieteil zum Thema Dengeln, also zum Schärfen des Sensenblattes, in den Räumen des Zentrums für Umwelt und Kultur stattfand, heißt es nachmittags beim Mäh-Wettbewerb, die frisch geschärften Sensen zu schwingen. Bis aus Oberfranken sind einige Teilnehmer angereist, um sich im Team- und im Einzelwettbewerb miteinander zu messen. Dass es dabei dann nicht mehr ganz so beschaulich zugeht wie bei Michael Endes Straßenkehrer liegt auf der Hand: Immerhin fließt neben der dreifach gewerteten Sauberkeit der Schnittflächen auch die Schnelligkeit in die Gesamtwertung ein. Dennoch steht ganz deutlich der Spaß an der Sache im Vordergrund, was sich auch im herzlichen Umgang der Teilnehmer untereinander zeigt. Sich gegenseitig fröhlich aufmunternd und anfeuernd geht es zur Sache. 

Eine insgesamt 400 Quadratmeter große, hochstehende Wiesenfläche wird nun innerhalb der nächsten zwei Stunden abgemäht, in Vierergruppen treten die Teams gegeneinander an, um sich zu messen. Und auch hier wird wieder deutlich: Neben der sauberen Technik kommt es trotz allem Tempo und Anfeuerungsrufen von außen dennoch darauf an, innerlich Ruhe zu bewahren und nicht hektisch zu werden. Im Anschluss folgt dann der Einzelwettbewerb, bei dem jeder der sechs Teilnehmer eine Fläche von 42,5 Quadratmetern vor sich liegen hat. Nachdem er schon in den vergangenen drei Auflagen den Sieg für sich verbuchen konnte, geht auch dieses Jahr wieder Ignaz Ott aus Großweil als Erster aus dieser Disziplin hervor. Mit einer idea­len Mischung aus Kraft, Technik und Erfahrung gelingt es ihm deutlich, seinen Titel zu verteidigen und den Mitbewerbern wenig Chancen zu lassen. Doch auch hier gilt für alle in erster Linie die Devise „Dabei sein ist alles“. Denn im Hinblick auf die vielfältigen ökologischen Vorzüge der Sensenmahd ist es vor allem die Wiese selbst, die als Hauptgewinner aus der ganzen Sache hervorgeht. 

Dies ist auch etwas, dass Otto Gion nicht müde wird ausführlich zu erklären und in regelmäßigen Mäh-Kursen zu verbreiten. Beinahe 1.400 Teilnehmer hat der inzwischen über 80-Jährige seit der Gründung seines „Zentrums für angewandte Sensologie“ (ZAS) in den vergangenen knapp 25 Jahren in der Kunst der umweltfreundlichen Sensenmahd unterrichtet – seit mehreren Jahren auch gemeinsam mit dem zweiten zum Obersensologen ernannten Kollegen Hermann Merten. Laut diesen beiden sind dabei neben dem Anliegen, ein altes Handwerk am Leben zu halten, eben vor allem „die ökologischen Vorteile gegenüber dem Rasenmäher“ mit der Hauptgrund, warum immer mehr Menschen wieder zur Sense greifen. So werden die Pflanzen durch den glatten Schnitt geschont anstatt maschinell zerfetzt zu werden, wodurch die biologische Vielfalt erhalten bleibt: Blumen und Gräser können sich aussäen und vermehren, die Nahrungsgrundlagen von Insekten und vor allem Bienen bleiben erhalten, und nicht zuletzt entsteht durch die rein durch Muskelkraft betriebene Mahd weder Lärmbelästigung noch Kraftstoffverbrauch und CO²-Ausstoß. Angesichts der ökologischen Situation weltweit ist die Sensenmahd also alles andere als reine Liebhaberei oder Nostalgie, sondern lässt sich als Ausdruck einer positiv umweltbezogenen Haltung verstehen. Und dass dies auch Freude bereitet und eine gute Sache ist, versteht sich von selbst. km

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