Ledig unter Leisten

Einblicke in das künftige Heimatmuseum: Großes Interesse am alten Schusterhaus

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Kein Zugang für Verehrer: In die Kammer der Tochter gelangte man nur über das elterliche Schlafzimmer. Die alten Möbel machen den Eindruck, als ob das Mädchen jeden Moment wieder in ihr Zimmer zurückkehren würde.

Kochel – Eigentlich ist das Gebäude stets fest verschlossen und hält somit sein Inneres im Verborgenen. Doch am Tag des offenen Denkmals machte das Schusterhaus in Kochel eine Ausnahme und öffnete seine Türen. Hinter diesen fand sich eine Welt, die von vergangenen Zeiten zu berichten wusste.

Im Jahr 2014 erwarb die Gemeinde Kochel das denkmalgeschützte „Schusterhaus“ an der Bahnhofstraße und stellte es dem Verein für Heimatgeschichte im Zwei-Seen-Land zur Verfügung, der in dem geschichtsträchtigen Gebäude ein Heimatmuseum mit Kulturwerkstatt errichten möchte. Seit fast vier Jahren werkeln die Vereinsmitglieder hinter den Mauern, aber von außen waren bislang nicht mehr als ein paar Gerüste und regelmäßig wechselnde Schaufensterauslagen sichtbar. Anlässlich des Tags des offenen Denkmals hat sich dies nun geändert. Stündlich boten Vereinsmitglieder Führungen durch die historischen Gemäuer an. Dass diese bei der Bevölkerung auf großes Interesse stießen, konnte man an den vielen Schirmen ablesen, die an dem grauen Regentag ein paar Farbtupfer auf dem Kies vor dem Haus zauberten. 

Als die Gemeinde Kochel das 1580/81 erbaute und 1782 durch ein Obergeschoss erweiterte Schusterhaus erwarb, ging das „nicht ohne Diskussionen“ vonstatten, erzählte Bürgermeister Thomas Holz, der sich an Äußerungen wie „Warum kauft die Kommune so eine Schrott­immobilie?“, erinnerte. Dabei ist Holz davon überzeugt, dass die Investition in das ortsbildende Gebäude eine „wichtige und richtige Investition“ war, schließlich schaffe man hier etwas für die Nachwelt. Was der erst elf Jahre alte Verein für Heimatgeschichte hier bereits geleistet habe, sei „wirklich bemerkenswert“, lobte der Rathauschef. Der Vereinsvorsitzende Max Leutenbauer wiederum ist froh über die Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die das Projekt nicht nur mit 50.000 Euro bezuschusst, sondern auch bei der Suche nach guten Fachfirmen, etwa dem Restaurator Erwin Wiegerling aus Gaißach, behilflich ist. Das Dach wurde bereits komplett instandgesetzt und die Fußböden mit einem speziellen Waschverfahren restauriert, beides unter Beachtung der denkmalschutzbehördlichen Auflagen. 

Leutenbauer, sein Stellvertreter Jost Knauss und andere Vereinsmitglieder führten die interessierten Besucher den ganzen Tag über durch die Räume, in welchen von 1647 bis 2010 zehn Generationen von Schustern ihr Handwerk betrieben hatten, und ließen deren Geschichte mit der ein oder anderen Anekdote lebendig werden. Die Mischung aus einfacher Ausstattung des Untergeschosses, welches bis zuletzt nur durch einen Ölofen in der Schusterwerkstatt und einem Holzherd in der Küche beheizt wurde, und den schmuck anmutenden Schlafkammern im Obergeschoss, die wirkten, als würden die Bewohner jeden Moment von der Tagesarbeit zurückkehren, sorgte für staunende Gesichter. Schmunzeln ernteten hingegen die Ausführungen über die Kammer der Tochter, die nämlich nur durch das Schlafzimmer der Eltern zugänglich war, weshalb es wenig verwunderlich sei, dass das Mädel zeitlebens ledig blieb. Auch dass die Schusterfamilie sich im elterlichen Schlafzimmer, der „guten Kammer“, nach der letzten Einheirat 1925 neues Mobiliar gegönnt hat, erläuterte Dagmar Jocher vom Heimatverein und mutmaßte: „Vermutlich sollte sich die neue Bäuerin auch wohlfühlen.“ 

Max Leutenbauer wiederum betonte, in der Werkstatt habe sich außer dem Neonlicht nichts verändert und zeigte auch die beiden ältesten, auf die Jahrhundertwende datierten Werkstattutensilien, nämlich eine Nähmaschine sowie eine Walzenpresse, mit welcher Leder geschmeidig gemacht wurde. „Alles, was Sie hier sehen, ist aus dem Haus, es ist nichts hinzugetragen worden“, versicherte der Vereinsvorsitzende, der als begabter Zeichner eigens für kleine Besucher ein baugeschichtliches Malbuch über das Schusterhaus aufgelegt hatte. Die Gegenstände in dem zukünftigen Heimatmuseum stammen aus mehreren Jahrhunderten, das älteste Stück ist eine Holztruhe, die auf die Zeit um 1500 datiert wird, und in welcher von den Schustern wichtige Dokumente wie Kaufverträge aufbewahrt wurden. Aber auch neuzeitliche Stücke haben die Vereinsmitglieder im Haus belassen, etwa eine Trockenhaube aus den 1960er Jahren, die im „Blauen Salon“, wie das hübsch hergerichtete Fremdenzimmer scherzhaft getauft wurde, wie aus der Zeit gefallen wirkt. 

Nach dem Tag des offenen Denkmals wurde das historische Gebäude für die Öffentlichkeit wieder verschlossen, denn bald geht es mit der Baustelle erst richtig los. Ende 2020 sollen die Umbau- und Sanierungsarbeiten schließlich fertig sein. In der Werkstätte wird dann das Schusterhandwerk auch filmisch veranschaulicht werden. Einen kurzen Super 8-Film, welcher die letzten beiden Handwerker, „Schuster-Sepp“ und dessen Vater, in den 1970er Jahren beim Arbeiten zeigt, hat der Verein bereits digitalisieren lassen. In der angrenzenden, dann mit Heizkörpern und Fußbodenheizung erwärmten Tenne sind auf 80 Quadratmetern Wechsel­ausstellungen und Veranstaltungen geplant, während im ehemaligen Stall ein kleines Café die Möglichkeit zur gemütlichen Einkehr bieten soll. 

Und was halten die Kochler von dem Projekt, nachdem sie es in Augenschein nehmen konnten? „Es ist schon gut, dass es ein Museum wird und das Gebäude nicht weggerissen worden ist“, äußert Günther Stingl, der als einer der ersten Besucher das Haus betrat. Mit dieser Meinung ist Stingl keineswegs allein, auch die Eintragungen im Gästebuch lesen sich durchweg positiv. cw

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