Erst leise, dann Lena

Ein Gespräch mit PUR-Sänger Hartmut Engler, der am Sonntag in den Maierhof kommt

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Lampenfieber auch nach über 40 Jahren: Stunden vor dem Auftritt meditiert Hartmut Engler (2. von links), um runterzukommen.

Benediktbeuern – Kommt ein Buddhist in ein bayerisches Kloster. Das mag vielleicht nach dem Beginn eines schlechten Witzes klingen, doch im Falle von Benediktbeuern ist der Besuch eines solchen nicht der Auftakt einer Flachserei, sondern der Beginn eines besonderen Abends im Maierhof. 

In wenigen Tagen kommt Hartmut Engler mit seiner Band PUR in den Maierhof im Kloster Benediktbeuern. Dass dieser Ort auch für das bühnenerfahrene Quartett ein außergewöhnlicher ist, verriet der Frontmann, der sich im Buddhismus zuhause fühlt, aber immer wieder auf geistige Wanderschaft geht, im Gespräch mit dem Gelben Blatt.

PUR gibt es länger als Angela Merkel im Kanzleramt, wie kriegt man das hin? Wir haben immer das gemacht, was wir gut können und viele schöne Konzerte gespielt, der Erfolg hat sich dann von alleine ergeben.

Also so ganz von alleine kann das ja wohl nicht sein, zumal Sie alle Texte selber schreiben. Das stimmt schon, schließlich gibt es bei uns eigentlich genau einen Song, den hat Reinhard May für uns geschrieben. Und dann gibt es noch einen, den hab ich mit Xavier Naidoo geschrieben. Der Rest ist dann also wirklich, und das darf ich mit Fug und Recht behaupten, von mir.

Ihre Songs haben 16 Studioalben gefüllt. Eine ganze Menge, da glaubt man glatt, sie können Lieder wie am Fließband aufs Papier bringen. Ist es die Leidenschaft fürs Texten, die Sie antreibt? 

Das ist jetzt nicht so meine Lieblingsbeschäftigung, das gebe ich ehrlich zu. Aber wenn ich was singen will, muss mir das ja jemand schreiben. Und irgendwann hab ich festgestellt, dass ich mich am wohlsten fühle, wenn ich das selbst schreibe.

Sie schreiben am liebsten zuhause, in ihrem Holzpavillon im Garten. Doch hört man oft, dass Künstler überall ihre zündenden Ideen haben, beim Spazierengehen, Einkaufen und auch im Schlaf. 

Es gibt natürlich immer mal eine halbe Zeile oder eine ganze Zeile oder auch zwei, die man sich dann aufschreibt. Man sitzt irgendwo im Auto und denkt, das wäre schmissig, das klingt gut, das könnte ich gut singen. Aber letztendlich ist das Ausarbeiten und es in einen Kontext zu bringen dann die eigentliche Arbeit. Und die muss man sich schon vornehmen. Man träumt nicht über Nacht den ganzen Text zusammen.

Aber es gibt doch bestimmt Dinge, die wie Katalysatoren den Scheibprozess anstoßen, vielleicht eine Muse, die Sie küsst.

Die Dinge kommen einfach. Das kann ein Brief sein, das kann ein Zeitungsartikel sein, das kann was im Fernsehen sein. Plötzlich macht man da einen Haken im Kopf und sagt: Ja, das interessiert mich, da guck ich mal danach. Es gibt Songs, da recherchiere ich geradezu, indem ich Leute kennenlerne, die etwas Interessantes zu erzählen haben. Oder es sind dann auch einfach selbst gefühlte Dinge, die man erlebt hat. 

Also auch tiefster Schmerz, nagender Kummer oder einfach nur Glück. Es gibt in der Popgeschichte ja viele Beispiele, wo eine Achterbahn der Gefühle große Songs hervorbringt. 

Ja, extreme Gefühle sind immer gut für einen Song, gar keine Frage. Aber ich schreibe nie in solchen Situationen. Man speichert das emotional ab. Und irgendwann sitzt man an einem Lied und dann versetze ich mich wieder in die Situation. Da kann man dann aus dem Vollen schöpfen.

Klingt nach viel Arbeit, auch emotionaler Arbeit. Wie hoch sind denn Ihre Ansprüche an einem Song?

Der muss mir und uns in der Band gut gefallen. Und dann veröffentlichen wir‘s, und wenn wir ganz viel Glück haben, dann kommt ein „Abenteuerland“ dabei raus, das ganz viele Menschen begeistert.

Das bedeutet, ohne Zustimmung eines jeden aus der Band darf ein Lied das Aufnahmestudio nicht verlassen? 

Im Prinzip ja. Wir sind da nach wie vor mehrheitsbeschlussfähig. Aber ich hab es wirklich in den letzten Jahren selten erlebt, dass ein Text von mir abgelehnt wird, weil meine Jungs mich da sehr unterstützen und auch wissen, was diese Textinhalte bedeuten und dass die auch immer sehr authentisch sind. Das tragen sie dann auch alles mit mir, was ich sehr schön und wichtig finde.

Philosophie ist eines der Dinge, die Sie beschäftigen, wandert die auch in Ihre Texte? 

Alles was mich beschäftigt, fließt natürlich in die Texte rein. Zum Beispiel das Lied „Gasthaus“. Das ist im Prinzip eine Interpretation eines Gedichtes, das auch Gasthaus heißt, eines Sufi-Dichters aus dem 13. Jahrhundert. Und das hat sehr viel mit buddhistischem Hintergrund zu tun. Oder das Lied „Affen im Kopf“, das ist ein buddhistisches Bild für Gedanken im Kopf, die man nicht still kriegt. Und das führt dann wieder zur Meditation. Und dann verbindet sich das alles, man muss das nicht so explizit ansprechen. 

Sie setzen sich seit Jahren mit dem Buddhismus auseinander, doch würden Sie sich auch als Buddhist bezeichnen?

Ich glaube, dass ich weniger ein religiöser als mehr ein spiritueller Mensch bin. Mich befeuert das Gedankengut. Ich versuche das einfach in meinen Alltag fließen zu lassen. Ich möchte aber nicht, dass mir jemand dogmatisch sagt, was ich zu glauben habe.

Apropos Glaube, nun spielen Sie im Kloster Benediktbeuern, einem religiösen Ort. Eine Atmosphäre, die sie beeinflusst? 

Für ein Sommer-Open-air, da sucht man sich natürlich schon wahnsinnig schöne Plätze aus. Wir fangen ja an, wenn es noch nicht richtig dunkel ist. Ich hab mir ein Bild von der Bühne in Benediktbeuern von einer Drohne, von oben, zeigen lassen. Und da hab‘ ich gesagt: Ja, da möchte ich auf der Bühne stehen. Das könnte eine sehr spirituelle und schöne Erfahrung sein.Das wird schon ein Highlight. Vielleicht lasse ich mich davon inspirieren, um mal für ein paar Tage ins Kloster zu gehen. Das ist eine spannende Vorstellung.

Jemand, der Meditation so schätzt wie Sie, dürfte sich in der Stille eines Klosters wohlfühlen. 

Ich bin bis heute ein sehr lampenfiebriger Mensch. Und Meditation hilft dann schon. Ich habe da irgendwann dieses wunderschöne Erlebnis gehabt, dass ich mich einfach drei oder vier Stunden vor dem Konzert völlig wegschalten konnte, für eine halbe Stunde. Das konnte ich früher nie. Das ist eine völlig irre Geschichte. Die einfachste, die Grund­übung, einfach zehn Minuten still sitzen und nur dem eigenen Atem zu lauschen, schon das ist für die meisten Menschen eine absolute Folter. Aber wenn man das mal hingekriegt hat, dann baut man sich daran auf.

Dann gehen Sie also völlig tiefenentspannt auf die Bühne? 

Nein, um Gottes Willen. Ich muss ja energiegeladen sein, da nutze ich diese Lampenfieberenergie, um mich hochkonzentriert und tunnelblickmäßig in diese Situation reinzubringen. Dass ich das leisten kann, was ich tun will. Da sind ganz viele Menschen, die verbinden unfassbare Energien damit, heute hier zu sein. Die haben Eintrittsgeld bezahlt, die sind angereist, die haben in ihrem Leben mit PUR Dinge erlebt, haben vielleicht eine Liebeserklärung gemacht oder einen Heiratsantrag oder sind mit unseren Songs durch Zeiten einer Krankheit gegangen. Und die sind dann da drin und warten darauf, dass wir auf die Bühne kommen. Und diese Energie, die muss ich aufbauen. Also ohne Lampenfieber, ganz ohne, wäre das ganz schlimm.

Sie spielen sowohl neue Songs als auch alte Hits wie „Lena“ und „Abenteuerland“. Aber wie starten Sie, um das Publikum zu packen? 

Das ist nicht immer gleich. Auf der letzten Hallentour im Dezember bin ich einfach bei Saallicht auf die Bühne gegangen und habe angefangen, a capella „Freunde“ zu singen. Und dann kam der Gitarrist dazu, und dann kamen alle nacheinander, und dann haben wir das ganze Lied auf der Mittelbühne zwischen allen Menschen vollkommen ohne jeden Schnickschnack gespielt. Direkt danach ging das Licht aus, und dann kam Pyro, und dann kam der übliche Wahnsinn zu Tage. Das Gespräch führte Antonia Reindl ­

Am kommenden Sonntag, 14. Juli, ab 19 Uhr verwandelt PUR im Rahmen ihrer Open-air-Tour den Maierhof in ein Abenteuerland. Karten für das Konzert unter freiem Himmel sind beim Gelben Blatt erhältlich.

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