Willkommen im Chaos

Homeschooling und Homeoffice: Was Corona mit einer ganz normalen Familie macht / Von Franca Winkler

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Blättern, bewegen, brutzeln und bemalen: Die Schule ist geschlossen und auch die Tagesmutter fällt als Betreuungsmöglichkeit weg. Da muss Franca Winkler als Mutter kreativ werden, um ihre Kinder körperlich und geistig zu beschäftigen. Es geht ans Lesenlernen, Koordinationstraining, zum Spazieren in den Wald, an die Grilltheorie und den Malkasten.
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Blättern, bewegen, brutzeln und bemalen: Die Schule ist geschlossen und auch die Tagesmutter fällt als Betreuungsmöglichkeit weg. Da muss Franca Winkler als Mutter kreativ werden, um ihre Kinder körperlich und geistig zu beschäftigen. Es geht ans Lesenlernen, Koordinationstraining, zum Spazieren in den Wald, an die Grilltheorie und den Malkasten.
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Blättern, bewegen, brutzeln und bemalen: Die Schule ist geschlossen und auch die Tagesmutter fällt als Betreuungsmöglichkeit weg. Da muss Franca Winkler als Mutter kreativ werden, um ihre Kinder körperlich und geistig zu beschäftigen. Es geht ans Lesenlernen, Koordinationstraining, zum Spazieren in den Wald, an die Grilltheorie und den Malkasten.
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Blättern, bewegen, brutzeln und bemalen: Die Schule ist geschlossen und auch die Tagesmutter fällt als Betreuungsmöglichkeit weg. Da muss Franca Winkler als Mutter kreativ werden, um ihre Kinder körperlich und geistig zu beschäftigen. Es geht ans Lesenlernen, Koordinationstraining, zum Spazieren in den Wald, an die Grilltheorie und den Malkasten.
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Blättern, bewegen, brutzeln und bemalen: Die Schule ist geschlossen und auch die Tagesmutter fällt als Betreuungsmöglichkeit weg. Da muss Franca Winkler als Mutter kreativ werden, um ihre Kinder körperlich und geistig zu beschäftigen. Es geht ans Lesenlernen, Koordinationstraining, zum Spazieren in den Wald, an die Grilltheorie und den Malkasten.

Penzberg – Also ich muss sagen, dass mir echt mulmig wurde, als es hieß, die Schule wird aufgrund des Corona-Virus‘ geschlossen. Ich, Mutter von zwei Kindern – Nele ist in der 2. Klasse, Luca ist zwei Jahre alt – arbeite von zu Hause. Der Kleine ist dreimal in der Woche bei einer Tagesmutter.

Abgesehen von ein paar externen Terminen bin ich Homeoffice an sich gewohnt, allerdings bin ich da alleine im Haus und kann mich auf meine Arbeit konzentrieren. Trotz aller Vorboten der Ausgangsbeschränkung war da ein Fünkchen Hoffnung, dass die Betreuung von Luca doch noch ein paar Tage laufen würde, um zumindest die wichtigsten Dinge abarbeiten zu können. Nele ist mit ihren sieben Jahren recht selbständig. So viel zur Theorie, denn mit den Schulen mussten auch alle Tagesmütter ihre Arbeit einstellen. Und das bedeutete: Mir floss die eigene Arbeitszeit regelrecht durch die Hände. Die Kinderbetreuung und der Haushalt nahmen und nehmen mich vollends in Beschlag, da mein Mann arbeiten muss. 

Herausgerissen aus dem Alltag

Wie die erste Woche zu Hause startete? Durchwachsen, würde ich sagen. Ich muss gestehen, dass ich erstmal eine Weile gebraucht habe, um zu verarbeiten, was da rund um den Erdball eigentlich passiert. Und natürlich fragte ich mich auch, ob wir das Virus vielleicht schon in uns und verteilt haben und wie die nahe Zukunft wohl ablaufen wird. Diese Ungewissheit und Unsicherheit in einem solchen zumeist verwöhntem Wohlstandsstaat musste ich erst einmal begreifen und dennoch gleichzeitig den Kindern Ruhe und Stärke vermitteln – und das, wo sie gerade aus ihrem alltäglichen Ablauf herausgerissen wurden. Das heißt, nicht nur die Schule muss zu Hause erfolgen, sondern auch Basketball, Kinderturnen und Musikstunde. Vor allem aber irritiert, dass Treffen mit Freunden nicht stattfinden können. 

Als Briefmarke hochkant schlafen

Meine eigene anfängliche Unruhe muss sich auf den Kleinen übertragen haben, denn er ist plötzlich wieder sehr anhänglich und folgt mir überall hin. Mit anderen Worten: Ich habe wieder die Nase meines Geleitschutzes an der Scheibe kleben, wenn ich dusche. Private Badezimmeraufenthalte sind passé, genauso der schwer erarbeitete eigene Bereich in der Nacht: das Bett. Da ich nicht so gern als schlafwandelnder Zombie fünfmal in der Nacht zum weinenden Zwerg schaue, bin ich wieder bei ihm eingezogen und schlafe auf der Matratze, die eigentlich als Rausfallschutz dienen soll. Meist dauert es keine Stunde, bis sich Luca aus seinem Bett schmeißt, um direkt neben mir zu landen. Wer sich noch erinnern kann: Kleinkinder schlafen meist gern in der Formation eines „T“ oder „X“. Also schläft Mama wieder als Briefmarke hochkant. 

Der Wald als Spielplatz

Eine Sache, die den Kindern auch etwas zusetzte, war, dass in den ersten Tagen nach Schließung der Schule der Spielplatz um die Ecke nahezu aus allen Nähten platzte. Ich bin mit meinen Kindern nicht hingegangen, auch wenn es Protest gab. Es erschien mir irrsinnig, dass die Schule schließt um eine gegenseitige Ansteckung zu vermeiden, um dann in einer Horde den Spielplatz zu überfallen. Irgendwann am dritten Tag ließ sich Luca bei uns auf die Terrasse plumpsen und jammerte laut auf: „Ich brauche Sand!“ Für einen Baggerfahrer in spe ist das echt bitter. Zum Glück ist mir eingefallen, dass wir noch einen Karton im Keller haben. Nachdem der Sand nach dem Spielen im Haus immer den Eindruck erweckt, wir wären gerade vom Strandurlaub zurückgekehrt, darf er nun nur noch draußen zum Einsatz kommen. Draußen wiederum haben wir für uns als Spielplatz­ersatz den Wald entdeckt. Fernab von all den Spaziergängern schleichen wir umher und entdecken junge Eichhörnchen, zarte Knospen an Bäumen, erste Blumen am Wegesrand. 

Vergebliche Hoffnung

Und was machen wir sonst so? Nachdem mein Arbeitspensum dank der Pandemie auf etwa zehn Prozent geschrumpft ist, hatte ich ja tatsächlich einen Moment lang die Hoffnung, dass ich die Zeit auch für mich nutzen kann: Renommierte Universitäten rund um den Globus bieten derzeit kostenfreie Studiengänge an, Fitness­trainer verlagern ihre Arbeit in den Online-Bereich, Freunde schicken ellenlange Literaturtipps, die Fotos des letzten Jahres warten auf Sortierung, das Skript des Kinderbuches möchte gern aufs Papier. Die Realität aber sieht anders aus, es fühlt sich an, als ob ich zu nichts komme. Es ist ein täglicher Spagat zwischen Motivation des Schulkindes, bei Laune halten des Kleinkindes, Essen kochen, Brote schmieren, aufräumen und putzen. Ich kann kaum glauben, wie viel Schmutz sich ansammelt, wenn man öfter zu Hause ist. Am Morgen hatte ich Staub gesaugt, und am Abend fragt mich doch tatsächlich mein Mann, ob ich denn die Treppe vergessen hätte. Willkommen im Haushalt! Bei diesem Pensum aufgeschobene Dinge erledigen? Bevor ich das buchstabieren kann, ist der Tag vorbei. Und der nächste fängt gleich an, weil ich in einer Frühaufsteher-Familie lebe. 

Der Fernseher läuft öfter

Nun ja, dadurch bekommt unser Tag wenigstens eine Struktur, die vom Alltag aber nicht groß abweicht. Nach dem Frühstück geht es direkt los mit der ersten Schulstunde, während der kleine Mann mir bereits quengelnd am Hosenbein zerrt, weil er so gerne eine Folge seiner Lieblingsserie anschauen möchte. Meist bin ich standhaft, aber nicht immer. Und ich muss zugeben, dass der Fernseher öfter an ist als sonst. Nach der ersten Schulstunde ist erstmal Sport angesagt. Nachdem wir weder auf dem Spielplatz noch in einer Turnhalle toben können und eine Runde mit dem Fahrrad am Vormittag zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde, greifen wir auf ein von der Lehrerin empfohlenes Online-Angebot eines deutschen Basketball-Teams zurück. Die Einheit mit dem Verbessern der Wurftechnik fand Luca besonders lustig. Ich nicht mehr, als er mit dem Ball fast das Glas vom Tisch geräumt hatte. 

Küche im Dauereinsatz

Während Nele jetzt Mathe macht, fange ich mit dem Kochen an. Denn wenn nicht spätestens um halb eins etwas zu essen auf dem Tisch steht, wird mindestens eines der Kinder den Hungertod sterben, und das obwohl es erst 90 Minuten vorher einen Snack gegeben hat. Am Nachmittag wird dann im Wald gespielt oder zum tausendsten Mal dem Zug am Bahnübergang gewunken. Es werden Bilder aus Bügelperlen kreiert und Türme aus bunten Bausteinen gebaut. Es Obst wird gegessen, gebacken und mit der Holz­eisenbahn gespielt. Und nach dem nächsten Snack werden Bilder gemalt. Das Abendessen kann ich dann meist in Ruhe vorbereiten. Zumindest wenn ich es unter 15 Minuten schaffe, bevor wieder das erste „Mamaaaaa?“ ertönt. Was ist eigentlich passiert, dass die Kinder im Moment solche Unmengen futtern? Ich habe das Gefühl, wir essen ständig. Ich denke ständig darüber nach, was wir als nächstes essen könnten, die Küche ist im Dauereinsatz. Der Dunstabzugshaube war es zu viel, die hat heute mit einem leisen „Pffff“ ihren Dienst eingestellt. 

Auf der Suche nach „Exotenware“

Wenn die vertilgten Mengen weiter so ansteigen, brauche ich bald größere Töpfe. Da nun auch mein Mann seit einer Woche im Homeoffice ist, will auch er eine Portion. Und nachdem man einen Mann nicht wie die Kinder mit einem Käsebrot abspeisen kann, koche ich tatsächlich öfter. Wobei ich es bei der manchmal begrenzten Warenauswahl in den Supermärkten eher Improvisationstheater nennen würde. In Zeiten der Pandemie muss der Einkauf schnell erfolgen, mit den Kindern ist das aber zu einem Drahtseilakt geworden. Nele konnte ich noch einbläuen nichts anzufassen, aber bei Luca muss ich schon froh sein, wenn er nicht über den Griff des Einkaufwagens leckt. Also schicke ich meinen Mann einmal pro Woche los – mit meinem Einkaufszettel, der eher einer Wunschliste gleicht. Denn wie wir alle wissen, es werden nicht alle Wünsche erfüllt. Manchmal liegt das daran, dass die Produkte nicht vorrätig sind, manchmal aber auch daran, dass ich nicht genau genug beschrieben habe, wo „Exotenware“ wie Milchreis zu finden ist. Erdnussflips und Bier werden allerdings immer gefunden, obwohl das noch nicht mal auf der Liste stand. 

Memory mit Socken

Kurz vor den Osterferien hat die Große mit ihren wöchentlichen Schulaufgaben richtig Gas gegeben und war bereits am Mittwoch schon fast fertig. Da fragte sie mich, ob wir nicht mal einen Tag Pause machen könnten. Nun gut, mein Vorschlag früher hätte gelautet: Lass uns ein Eis essen gehen oder in den Zoo. Nachdem das aber nicht geht, schlug ich vor: Wir legen einen Tag „Schule des Lebens“ mit allem Drum und Dran ein. Jubel. Früh starteten wir gemütlich, ich erlaubte den Kindern, gleich am Morgen einen Trickfilm anzuschauen. Dem Rhythmus der alle 20 Minuten gestellten Frage „Was machen wir jetzt?“ folgend, schlug ich nach dem Stopp im Badezimmer ein Memoryspiel vor und stellte einen Wäschekorb mit frisch gewaschenen Socken hin. Die restlichen Kleidungsstücke hatte ich für mich selbst aufgehoben. Das gerade noch leuchtende Gesicht meiner Tochter formte ein Fragezeichen. Wir starteten das lustige Spiel „Welche Socke gehört zu welcher?“. Bei dem Herausfischen der bunt gemusterten Socken stellte sich sogar der zweijährige Luca gut an. Mir wurde aber spätestens dann klar, dass ihm der Sinn der sorgfältig zusammengelegten Wäsche nicht so klar war, als er sich auf den Wäschestapel schmiss. Als wir dann nach dem Backen der Rosinensemmeln zum Abspülen und Aufräumen kamen, war der Spaß vorbei. Meuterei im Hause. Aber gut, ich hatte das Motto „Schule des Lebens“ auch ordentlich strapaziert. 

Wir haben uns als Familie

Herausfordernd – so lässt sich die aktuelle Phase unseres Lebens beschreiben. Und: nachsichtig sein. Versuche nicht die To-do-Liste abzuarbeiten, besser ist es, ab und zu nachzugeben. Im Internet habe ich gelesen, dass sich die Kinder irgendwann nicht daran erinnern, was sie während der Pandemie für die Schule gelernt, aber sehr wohl, wie sicher und geborgen sie sich zu Hause gefühlt haben. Das ist ein wichtiger Punkt. Wir Erwachsenen sind verunsichert, wie soll es dann wohl den Kindern gehen? Positiv denken, manches mit Humor nehmen und die kleinen Dinge schätzen. Das ist wichtig. Diese Zeit stellt uns auf die Probe. Wir müssen uns neu sortieren, unsere Abläufe ändern. Aber: Wir haben uns als Familie. Und das ist das Allerwichtigste. fra

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