Haydn muss warten

Schichtgesang und gelichtete Reihen: Chöre dürfen wieder gemeinsam proben

Dichte Reihen, die derzeit nicht möglich sind: Günther Pfannkuch bei der Vorführung von Haydns „Schöpfung“ 2018.

Penzberg/Iffeldorf/Benediktbeuern – Wer in den vergangenen drei Monaten nicht gesungen hat, der kann dies nur schwerlich verheimlichen, wenn es wieder, wie gewohnt, in die Chorprobe geht. Denn seine Stimme nicht zu trainieren ist im Grunde genommen wie Joggen nach monatelangem Couchen: Der lange Atmen fehlt, und geschmeidig hört sich das, was da aus dem Mund ertönt, auch nicht unbedingt an. Doch bei den ersten Proben der Chöre in Penzberg und der Umgebung dürften keuchende Töne nicht zwangsläufig der Fall sein, denn einige Chorleiter haben vorgesorgt.

Günther Pfannkuch wäre nicht Günther Pfannkuch, wenn er keine bildreichen Worte gepaart mit Verzückung in der Stimme finden würde für das Ende der probenlosen Zeit. „Jubilierende Herzen“ schlagen in der Brust seiner Vocalensemble-Sänger, meint Pfannkuch, da die Proben nun wieder aufgenommen werden dürfen, ganz offiziell, seit vergangenem Montag. Ehe der erste Probenton erklingt, hat sich der Chorleiter, in dem das wohl am lautesten jubelnde Organ pocht, schon bestens vorbereitet und ein Hygienekonzept entwickelt, das etwa regeln soll, wo es hinein und wo es hinaus geht, denn gesungen wird nicht im Freien, sondern in der Stadthalle. Dort möchte Pfannkuch zumindest künftig proben, angefragt hat er schon einmal bei Iris Klimek im Rathaus, die für die Vermietung der Räumlichkeiten zuständig ist. Immerhin braucht Pfannkuch Platz für seine Sänger, „der Chor ist sehr groß“, sagt der Dirigent. Über 60 Stimmen können da schon mal ertönen. Dass nicht alle auf einmal in die Stadthalle können, ist aber auch Pfannkuch mit Blick auf die Abstandsregelungen klar. Geprobt werden soll deshalb in zwei Schichten. „Da muss ich schauen, dass ich einen guten Schnitt bekomme“, meint der Dirigent. Einstudiert werde nicht, wie einst geplant, Haydns „Vier Jahreszeiten“, denn das Konzert wird auf Weihnachten 2021 verschoben. „Das passt auch, denn immerhin enden die Jahreszeiten ja mit dem Winter“, lächelt Pfannkuch, der in den vergangenen Wochen seine Sänger mit Konzertaufnahmen versorgte: „Die habe ich aufbereitet und den Link dazu herumgeschickt.“ So haben die Mitglieder des Vocal­ensembles nicht nur in Erinnerungen schwelgen, sondern auch ihre „Chor-Freude“, wie Pfannkuch mit einem Schmunzeln sagt, bewahren können. 

Singen im Sonnenlicht

Wie Chor-Freude aussieht, zeigt aber nicht allein Pfannkuch, wenn er den Dirigentenstab schwingt und mit dem ganzen Körper den Tönen folgt. Auch Andrea Fessmanns Körper bebt, sobald Musik erklingt. Die Leiterin des Iffeldorfer KlangKunst-Chores hat während der zwangsweisen Probenpause Stücke eingesungen, Atemübungen aufgenommen und auch Einzelstimmen auf Band gebracht. Außerdem sang der Chor am PC – über Videochat. Auf Fessmanns Computerbildschirm ploppten dann viele kleine Kästchen mit den altbekannten Gesangsgesichtern auf. „Im Durchschnitt haben um die 40 mitgemacht“, freut sich Fessmann, die mehrmals betont, wie stolz sie auf ihre Truppe ist. „Wir haben weitergemacht und sind nicht auseinandergebrochen“, sagt sie mit Blick auf andere Klangkörper, die sich nicht zusammenhalten konnten. Jetzt, da Chöre nun wieder offiziell gemeinsam proben dürfen, kann es Fessmann aber kaum erwarten, von ihrem Computer wegzukommen, der ihr in letzter Zeit mehr Arbeit abverlangt hat als noch vor der Corona-Krise. Gesungen wird nun schon mal „am schönsten Probenort der Welt“, lächelt Fessmann und meint damit ein Fleckchen zwischen dem Deich­s­tetter-Haus und der Heuwinklkapelle. Denn wenn nicht gerade Wolken den Himmel bedecken, so werfen am Abend Sonnenstrahlen ein einmaliges Licht auf die Berge und tauchen auch den Chor in sanftes Orange. „Die erste Probe ist die Hauptprobe für unser Konzert, schmunzelt Fessmann. „Zwischenräume“ lautet der Titel des spannungsreichen Gesangspektakels, das am 5. Juli um 19 Uhr im Maierhof des Kloster Benediktbeuern aufgeführt wird. Eigentlich sollte das Konzert rund 90 Minuten dauern, nun musste es auf eine Stunde gekürzt werden. Während des Konzerts wandelt eine ganz in Weiß gekleidete Dame umher. Auch soll sie durchs Publikum huschen, sofern das nun in Corona-Zeit noch möglich ist, „vielleicht mit ausreichend Abstand und Maske“, meint Fessmann. Eine Mund-Nase-Bedeckung trägt die Frau auf jeden Fall, ganz in Weiß, passend zum Gewand. Und: Sie symbolisiert den Tod, was auf den ersten Blick während der Pandemie vielleicht ein wenig makaber erscheinen mag. Diese Idee sei aber vor der Krise entstanden, betont Fessemann. 

Ruhe im Benediktenwandchor

Und während Pfannkuch und Fessmann quirliger denn je wirken, ist Martin Auer, der Vorsitzende des Benediktenwandchores in Benediktbeuern, die Gelassenheit in Person. Wann wieder geprobt wird, muss noch ausdiskutiert werden. „Mit dem Dirigenten haben wir schon gesprochen“, sagt Auer. Ein spezielles Corona-Programm habe es in den vergangenen Wochen nicht gegeben. Und so wurde auch kein Ton gesungen. Gelegentlich hat der Dirigent via WhatsApp einige Youtube-Videos versendet, „welche Liadl ihm vorschweben“, sagt Auer. Auch ein paar Vereinssachen habe man auf diese Weise geregelt. Zu Gesicht bekam man sich ansonsten weder persönlich noch am Bildschirm, man sei sich höchstens mal gesellschaftlich über den Weg gelaufen oder habe sich bei einer Beerdigung gesehen, sagt Auer nüchtern. 

Proben mit verzögerten Tönen

Allzu schnell stehen die Sänger des Glück-auf-Chores in Penzberg wohl aber auch nicht in abgemessenen und angemessenen Abständen nebeneinander. Man müsse eine geeignete Räumlichkeit finden, die groß genug ist, um die Regeln einzuhalten, sagt Dirigentin Barbara Mahlke. „Generell ist es schon ganz schön viel Verwaltungsaufwand“. Unter anderem müssen Chöre, die drinnen proben, alle 15 Minuten den Raum für fünf Minuten lüften, „regelmäßige Lüftungsintervalle“ nennt das bayerische Innenministerium diese zeitraubende Maßnahme. Die Behörde schreibt außerdem eine verkürzte Probezeit vor sowie einen Mindestabstand von zwei Metern unter den Sängern, „um Gefahren durch Aerosolausstoß zu minimieren“. Und Mahlke weiß: „Man braucht einen Hygieneberater und muss Protokoll führen.“ Bestimmungen, die die Dirigentin wenig freudig auf mögliche Proben blicken lassen. „Die Regeln sind bestimmt leichter, wenn man draußen probt“, glaubt Mahlke, die sich gut vorstellen kann, mit ihrer Gruppe auf einer Wiese oder im Rondell der Bürgermeister-Prandl-Schule zu proben. Doch wahrscheinlich werde man erst nach den Sommerferien regelmäßig zusammenfinden, mutmaßt Mahlke. Bis dahin werden wohl die Online-Proben über Zoom fortgeführt. „Verzögerungen gibt es da natürlich“, weiß die Dirigentin, „der Ton dauert ein bisschen.“ Dennoch wird die digitale Übergangslösung gut angenommen „Im Schnitt haben Dreiviertel des Chors mitgemacht“, bilanziert Mahlke die vergangenen Proben. Selbst ein paar über 80-Jährige hätten sich vor den PC gesetzt. Ein richtiges Gemeinschaftsgefühl kommt dabei freilich nicht auf, das weiß auch Mahlke, die aber davon überzeugt ist, dass die Mitglieder so das gemeinsame Singen in der Runde wieder mehr schätzen lernen. „Früher ist man halt einfach zur Probe gegangen, weil man es gewohnt war“, sagt die Dirigentin. Nun entwickle sich eine regelrechte Sehnsucht nach den Treffen. Und wohl auch nach den unversehrten und pünktlichen Tönen. ra

Auch interessant

Meistgelesen

Antdorfer Plattler-Nachwuchs hat seine Proben wieder aufgenommen
Antdorfer Plattler-Nachwuchs hat seine Proben wieder aufgenommen
Bund unterstützt Sanierung des Südarkadentrakts mit 7,6 Millionen Euro
Bund unterstützt Sanierung des Südarkadentrakts mit 7,6 Millionen Euro
Rennen am Kesselberg: Autofahrer mit „extremen Geschwindigkeiten“ unterwegs
Rennen am Kesselberg: Autofahrer mit „extremen Geschwindigkeiten“ unterwegs
Mann ohne Arbeitserlaubnis geht Polizei bei Kontrolle bei Bad Heilbrunn ins Netz
Mann ohne Arbeitserlaubnis geht Polizei bei Kontrolle bei Bad Heilbrunn ins Netz

Kommentare