Speerwerfer mit dem goldenem Arm

Penzberg: Olympiasieger Klaus Wolfermann feiert 75. Geburtstag

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Der „Schnell-Trainer“ half Wolfermann sich optimal auf die Olympischen Spiele in München vorzubereiten.
  • Max Müller
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Penzberg – Der „Speerwerfer des Jahrhunderts“, Klaus Wolfermann, gewann bei den Olympischen Spielen 1972 in München die Goldmedaille. Am Mittwoch (31. März) feiert er 75. Geburtstag – die Rundschau besucht ihn zu Hause.

Eigentlich hält Wolferman nicht am Alter fest, jedoch sehr stark am Leben: „Bei meinem 70. Geburtstag wurde ich richtig grantig.“ Die Zeit vergeht dem Olympiasieger einfach zu schnell. Glücklicherweise war seine Stimmung beim Besuch der Rundschau in seinem Penzberger Wohnhaus besser als an seinem letzten runden Geburtstag.

Wolfermann „geht es sehr gut“ und der gebürtige Mittelfranke ist auch heute noch „dem Sport treu geblieben“. In seinem Eigenheim hält sich der 75-Jährige mit zwei Fitnessstudios im Keller in Form. „Wenn der Spitzensportler in mir durchkommt, wird auf den Geräten gescheit reingebügelt. Da tun am nächsten Tag auch mal die Scharniere weh“, lacht Wolfermann. Auch mit einem dreiviertel Jahrhundert auf dem Buckel trainiert er täglich eine Stunde Ausdauer und Kraft an seinen, zum Teil speziell angefertigten, Übungsgeräten.

Auch heute noch hält sich Wolfermann im heimischen Fitnessstudio regelmäßig in Form.

In dem knapp zweistündigem Gespräch mit der Rundschau erzählt der Olympiasieger zudem über seinen größten sportlichen Erfolg, seine innige Freundschaft zu seinem Vorbild Janis Lusis, Demonstrationswettkämpfen in Hongkong und seiner beruflichen Zeit bei Puma in Herzogenaurach.

Die Anfänge

Über das Turnen, Leichtathletik, Handball, Fünf- und Zehnkampf zum Speerwurf: Klaus Wolfermann war bereits von Kindesbeinen an leidenschaftlicher Sportler. „Alles am Sport hat mich fasziniert und motiviert“, erzählt der Olympiasieger mit strahlenden Augen im Gespräch mit der Rundschau.

Sein Talent fürs Werfen entdeckte der gebürtige Mittelfranke bereits recht früh. Bei einem Schülerwettkampf im Schlagball sprach der damals 14-Jährige gegenüber einem Wettkampfrichter seine Bedenken zur Länge der Wurfbahn aus: „Die Autos am Ende des Sportplatzes sind doch recht nah. Nicht, dass ich da eins treffe.“ Der Offizielle entgegnete entgeistert: „Babbel ned und konzentrier dich aufs Werfen!“ Natürlich zerbeulte Wolfermann mit einem kraftvollen Wurf, der über den Platz hinausflog, ein Autodach. „Der Besitzer gab mir daraufhin noch eine Watschen, das war praktisch mein Einstieg in den Leistungssport“, lacht Wolfermann. Auch beim Handball war er für seinen harten Wurf bekannt und spielte bereits mit 17 Jahren in der Herrenmannschaft.

Babbel ned und konzentrier dich aufs Werfen!“

Wettkampfrichter zu Wolfermann

Eine innige Freundschaft

Zu Jugendzeiten warf der vielseitig interessierte Wolfermann bereits den Speer in Amateurwettbewerben – knappe 45 Meter waren es damals. In seiner Ausbildung zum Werkzeugmacher bei Siemens in Nürnberg lernte der motivierte Sportler viel über die Technik des Speerwerfens: „Wir hatten einen hervorragenden Werkssportverein mit vielen guten Athleten. Dort verfestigte sich mein Interesse am Speerwurf.“

Der Grundstein für eine erfolgreiche Laufbahn war gelegt und unter Trainer Prof. Dr. Hermann Rieder ging es 1968 zu den Olympischen Spielen nach Mexiko. Dort musste sich Wolfermann mit einem 16. Platz in der Qualifikationsrunde zufrieden geben. Im Nachhinein blickt der 75-Jährige aber nicht enttäuscht auf den Wettkampf in Mittelamerika zurück: „Dort habe ich meine Leitfigur Janis Lusis kennengelernt. Wir haben uns in der Folge nicht nur über Trainingsmethoden ausgetauscht, sondern es ist auch eine innige Freundschaft entstanden.“ Lusis besuchte bis zu seinem Tod im Jahre 2020 Wolfermann regelmäßig in Deutschland.

Eine innige Freundschaft: Janis Lusis (r.) besuchte Wolfermann 1973 zum Fischen am Wöhrsee bei Burghausen.
Lusis besuchte bis zu seinem Tod im Jahre 2020 Wolfermann regelmäßig in Deutschland.

Der Weg zum Gold

Nach den Olympischen Spielen ist bekanntlich vor den Olympischen Spielen: Wolfermann blickte damals mit Zuversicht auf die anstehenden Wettkämpfe in München 1972. Akribisch trainierte der Speerwerfer für eine Medaille im eigenen Land. Trainer Rieder und Wolfermann arbeiteten in den vier Jahren vor allem an der Sprungkraft des Athleten. Ziel war es, mehr Muskelmasse am Oberschenkel aufzubauen. Zu zwei Stunden Vormittagstraining, dem Beruf als Sportlehrer und zweieinhalb Stunden Nachmittagstraining kamen nun Sondereinheiten.

Klaus Wolfermann trainierte hart für seine sportlichen Erfolge.

„Ab 1970 verausgabte ich mich nach dem Abendessen noch 45 Minuten am Schnell-Trainer“, erzählt Wolfermann. Dieses Gerät steht auch heute noch auf seiner Penzberger Terrasse und sei einer der Gründe für das überragende Abschneiden 1972 gewesen. Immer wieder versuchte sich Wolfermann auch im Bankdrücken, was seinen Trainer nur mäßig erfreute. „Ich habe 175 Kilogramm gedrückt, das hat Rieder natürlich sofort gemerkt“, lacht Wolfermann. Dieser schickte den Speerwerfer bei solchen Angelegenheiten immer sofort zur Gymnastik, um Wolfermanns steifen Oberkörper zu lockern.

Der „Schnell-Trainer“ half Wolfermann sich optimal auf die Olympischen Spiele in München vorzubereiten.

Aus der Trickkiste

Neben der harten Trainingsarbeit war Wolfermann während seiner Zeit als aktiver Speerwerfer auch auf diversen Demonstrationswettkämpfen im Ausland unterwegs. Egal ob in Hongkong, Südafrika oder Argentinien, die ausländischen Fans wollten sehen wie der Deutsche seinen Speer über 85 Meter schleudert.

Dabei gab es nur ein Problem: „Die Anlagen im Ausland boten nicht dieselben Bedingungen wie in Deutschland“, erklärt der 75-Jährige im Hinblick auf Bodenbeschaffenheit und Anlauflänge der Bahnen. Dann wurde meistens in die Trickkiste gegriffen: Die Athleten benutzten kurzerhand den leichteren Damenspeer, um die üblichen Distanzen zwischen 85 und 90 Metern zu schaffen.

David gegen Goliath

Nach vier Jahren harter Arbeit und diversen Verbandsreisen ins Ausland war es endlich soweit: Die Olympischen Spiele 1972 standen vor der Tür. Als Favorit wurde der Goldmedaillengewinner von 1968, Janis Lusis, gehandelt. Wolfermann machte sich zwar Hoffnungen auf einen Podiumsplatz, doch die goldene Mitte lag in weiter Ferne. „Alle haben sich schwer getan an diesem Tag. Nur Janis und ich kamen in den ersten Würfen über 85 Meter“, berichtet der Penzberger. Mit einem soliden Wurf von 86,68 Metern platzierte sich Wolfermann hinter Lusis mit 88,88 Metern.

Ein Zweikampf um das begehrte Gold entfachte zwischen dem Deutschen und dem Letten. In seinem fünften Versuch schleuderte der Mittelfranke seinen Speer mit zusätzlichem Anlauf und all seiner Kraft in den Münchner Nachmittagshimmel – dieser landete unter dem Jubel des Publikums bei unglaublichen 90,48 Metern. Doch damit war noch nichts entschieden. Lusis hätte in seinem sechsten Versuch, wie bereits in Mexiko, noch den ersten Platz erreichen können. Aufgrund eines technischen Fehlers beim Abwurf schaffte der Lette aber nur eine Reichweite von 90,46 Metern. Nach diesem Wurf war Wolfermann das Gold sicher. Als allererstes entschuldigte er sich aber beim Letten: „Entschuldige Janis, dass ich gewonnen habe“. Wolfermann schrieb an diesem Nachmittag in München Sportgeschichte und verbuchte seinen größten sportlichen Erfolg: Olympiasieger im eigenen Land.

Entschuldige Janis, dass ich gewonnen habe“

Klaus Wolfermann
Nach seinem Sieg 1972: „Entschuldige Janis, dass ich gewonnen habe“.
Goldene Mitte: Klaus Wolfermann (Mitte) holt 1972 Gold vor dem Letten Janis Lusis (l.) und dem US-Amerikaner Bill Schmidt.
Ein Prachtstück: Wolfermanns Goldmedaille von den Olympischen Spielen 1972 in München.

Nach dem Speerwerfen

Nach seiner sportlichen Laufbahn war Wolfermann von 1980 bis 1993 Marketing- und PR-Chef bei Puma. Der Firmenleiter Armin Dassler selbst stellte ihn in Herzogenaurach ein. „Dort habe ich unglaublich viel gelernt und von meinen Kontakten zu ausländischen Regierungen und Sportverbänden profitiert“, erzählt Wolfermann. Aufgrund seiner Kontakte und Vernetzung in der Sportwelt generierte der gebürtige Mittelfranke eine aussichtsreiche Plattform für den Sportartikelhersteller. Der frisch gebackene PR-Chef besichtigte Produktionsstätten in Asien, auf Kuba und auch auf Jamaica. „Was glauben Sie denn warum Usain Bolt Puma getragen hat“, lacht Wolfermann.

Auf seine Zeit bei Puma folgte die Selbstständigkeit: Wolfermann gründete eine Sportvermarktungsagentur. Zur Jahrtausendwende ging es für den Mittelfranken dann aus privaten Gründen nach Penzberg. Die Verkaufsanzeige für das Haus entdeckte Wolfermann in der Zeitung – und war sofort begeistert von den Holzelementen, die im Gebäude integriert waren: „Ich bin halt ein alter Holzwurm.“ Wolfermann lebt immer noch gerne in Penzberg: „Wir haben hier einfach eine tolle Nachbarschaftsgemeinschaft.“

Ehrenamtlich engagiert

Nicht nur das eigene körperliche Wohlbefinden liegt Wolfermann derzeit am Herzen. Trotz der schwierigen Corona-Situation legt er viel Wert darauf, sein ehrenamtliches Engagement weiter fortzuführen. Mit einem Platz in der Vorstandschaft von „Special Olympics“ und seinem Einsatz als Ehrenmitglied bei der Kinderhilfe Organtransplantation (KiO) gibt es auch im Jahr 2021 noch „viel zu tun“, erzählt der ehemalige Speerwerfer. Von der Pandemie und Terminverschiebungen will sich der nun 75-Jährige nicht unterkriegen lassen.

Herzensangelegenheit:

Klaus Wolfermann engagiert sich bei der Kinderhilfe Organtransplantaion als Ehrenmitglied, Botschafter und betreut seit 2005 die Benefiz-Golfturnierserie der Organisation. Der gemeinnützige Verein ist das einzige übergreifende deutsche Hilfswerk, das seit 2004 betroffenen Kindern und ihren Familien in sozialen und finanziellen Notlagen bei Organtransplantationen hilft – mit Geld und Freizeitprogrammen. Auch heuer treffen sich laut Wolfermann die Verantwortlichen ein bis zweimal wöchentlich in virtuellen Besprechungsräumen, um das Beste für die knapp 950 Kinder auf der Transplantations-Warteliste herauszuholen.

Weitere Infos und eine Möglichkeit zur Spende gibt es auf der KiO-Webseite. mm

Von seinem Eigenheim aus engagiert er sich auch heute noch für die KiO. Auch die Ehefrau und Tochter des 75-jährigen Familienvaters sind bei den ehrenamtlichen Projekten im Einsatz. „Ich fahr im Schnitt 50.000 Kilometer pro Jahr für die Veranstaltungen“, erzählt Wolfermann. Egal ob Olympia 1972 oder Ehrenamt 2021: Der Penzberger weiß seinen goldenen Arm richtig einzusetzen.

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