Unter Gejohle abgekippt

Bei seinem zweiten Erzählabend erinnert der Denkmalverein an alte Geschäfte

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Ein Lexikon ist nichts gegen ihn: Herbert Kaindl (stehend rechts) weiß so viel über Penzbergs alte Geschäfte und deren Inhaber, dass nicht nur der Denkmalvereinsvorsitzende Max Kapfer (stehend links) tief beeindruckt war.

Penzberg – Mit diesem Ansturm hatten die Leute vom Denkmalverein bei ihrem zweiten Erzählabend wohl nicht gerechnet: An die hundert Zuhörer drängten in den Saal des BRK-Hauses an der Winterstraße, sogar weitere Stühle mussten da aus dem Bereitschaftsraum herbeigeschleppt werden. 

Der Abend, der ganz dem Thema „Alte Penzberger Geschäfte“ gewidmet war und sich als äußerst unterhaltsam und vergnüglich erweisen sollte, lockte naturgemäß eher ältere Semester an, weil die sich ja schließlich noch daran erinnern konnten, wo sie als Kinder mit ihren Eltern zum Einkaufen gingen. 

Herbert Kaindl, inzwischen 82-jähriger Sohn von Rosa und Josef Kaindl, die an der Ludwig-März-Straße den legendären Schreibwarenladen gründeten, erwies sich sehr zur Freude von Max Kapfer, dem Chef des Denkmalvereins, als wandelndes Lexikon. Zuvor hatte Kapfer angemerkt, dass Kaindl nicht nur die Namen der ehemaligen Geschäftsinhaber wisse, sondern auch die Namen der Ehegatten, der Kinder und Enkel und oft sogar der Erben und Nachfolger. Kaindl wusste aber nicht nur das, sondern noch viel mehr. 

Dass Penzberg nicht erst seit 100 Jahren eine Einkaufsstadt ist, sondern schon viel länger, wurde dabei mehr als deutlich. Natürlich sind Geschäfte wie Sport Conrad, die Buchhandlung Rolles, Mode Lampka, Marksteiner oder das Kaufhaus Rid seit vielen Jahrzehnten aus Penzberg nicht mehr wegzudenken, aber um sie ging es nicht an diesem Abend. Im Mittelpunkt standen längst vergessene Läden wie Eisen Stammler, Uhren und Schmuck Zörnlein, Lebensmittel Haimerl und Lutz, Konsum, Krone, Sport Vollath, Fisch Palme, Schuh Böck, Trachten Mühlpointner, Drogerien Gwinner und Munzinger, die Fotografen Netolicka und Sibek, Café Hofer, Möbel Loibl oder Leder Mayer. 

Zwischendurch ließen einige aus dem Publikum den Saal an ihren persönlichen Erinnerungen teilhaben, was wechselweise zum Lachen oder zum Nachdenken anregte. So erzählte Alfred Mayer vom damals einzigen Lederwarengeschäft, wie sein Vater nach dem Krieg die Felle der geschlachteten Rinder aufkaufte und auf einem eigens dafür gebauten, großen Holzgestell aufspannte und einsalzte, um sie danach zum Gerben nach München zu fahren. Hin und wieder befand sich an dem Fell noch der Schwanz, der dann als Ochsenschwanzsuppe auf dem Mittagstisch landete. 

Oder Fritz Schröger erinnerte sich an Sebastian Fichtner, den Gründer des gleichnamigen Busunternehmens, wie dieser auf seinen Holzvergaser-Lastwagen einen Holzverschlag zum Personentransport gebaut hatte. Auf der Ladefläche durften die Nachbarskinder gelegentlich mitfahren, ehe sie unter großem Gejohle einfach abgekippt wurden. 

Wenig bekannt schien im Saal zu sein, dass es schon einmal direkt in der Stadtmitte, neben dem heutigen Rid, eine Tankstelle gab, die Kaindls Onkel, dem „Fiat Kaindl“, gehörte. Auch dass Karl Wald, der Erfinder des heute im Fußball weltweit gültigen Elfmeterschießens, im Schreibwarenhaus Kaindl an der Ludwig-März-Straße wohnte, war vielen unbekannt, ebenso die Tatsache, dass dort auch jahrelang die Arbeiter, welche die Verlängerung der Bahnstrecke von Penzberg nach Kochel bauten, eine Unterkunft gefunden hatten. Nach äußerst kurzweiligen zweieinhalb Stunden beendete Herbert Kaindl den Abend mit einem flammenden Appell: „Wir müssen aufpassen, dass in unserer Stadt nicht weiterhin gnadenlos alte Häuser wie der Staltacher Hof abgerissen werden.“ Und auch, so Kaindl weiter, dürfe man es nicht zulassen, „dass Penzberg von monströsen Bauvorhaben irgendwelcher Investoren verschandelt wird“. dd

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