Mann mit Mission

Klaus Adler ist der dienstälteste Grüne der Republik, deshalb war er jetzt in Berlin

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Heute sitzt Klaus Adler in seinem politischen Ruhestandssessel, früher war er ein Getriebener, der, wie er sagt, auf einer „Mission“ war.

Penzberg – Seinen Schnurrbart trägt Klaus Adler schon lange nicht mehr. Auf alten Fotografien ist er noch stets mit dem Balken unter der Nase zu sehen, und mit einem Lächeln, das er heute noch auf seinen Lippen trägt, selbst dann, wenn er von den Tiefen spricht, die er als Grüner durchlebt hat.

Er sitzt an seinem Esstisch, die schwarzen Hausschuhe stehen ein wenig verwaist unter seinem Stuhl. Immer wieder rutscht er mit den Füßen über den Holzboden, streckt die Beine aus und zieht sie wieder ein. Nein, ruhig sitzen scheint der 71-Jährige nicht zu können, nicht zu wollen, schon gar nicht, wenn er aus seinem Leben berichtet, seinem Leben als Grüner, das auch die Geschichte der Grünen widerspiegelt, denn Adler ist ein Gründungsgrüner, der deshalb jetzt auch in Berlin war, inmitten all der Fischers, Baerbocks und Harbecks, als die Partei ihren 40. Geburtstag feierte. 

„Juso im Anzug“

Zu den unruhigen Beine gesellen sich noch unruhige Arme, die Klaus Adler gen Himmel steckt, um sie anschließend verschränkt vor der Brust still zu halten. Ebenso unruhig dürfte Adler am elterlichen Esstisch gesessen haben, solange, bis er endlich in die SPD eingetreten konnte. An seinem 21. Geburtstag, am 11.11.1969, war es soweit, dann hieß es Partei statt Party und Adler wurde ein junger Roter. Eher ging es nicht, „ meine Eltern waren politisch verseucht“. Er wollte die Ostpolitik von Willy Brandt unterstützen und machte dafür Wahlkampf als „Juso im Anzug“. Wie paradox erscheint es da, dass er sich wenige Jahre später im Pullunder, ein Kleidungsstück, von dem die Jungen gar nichts mehr wissen, dass es das mal gab, zwischen friedensbewegten, stillenden und strickenden Frauen wiederfindet, die keiner so richtig ernst nimmt. 

Gründung mit Schlafsäcken 

Dann kam der Wechsel in der SPD, mit Helmut Schmidt, der sagte „wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“. Adler sagt: „Ich bin nicht zum Arzt gegangen.“ Stattdessen ging er 1978 zur GAZ, Grüne Aktion Zukunft, der ersten bundesweiten Umweltpartei, die sich später an der Gründung der Grünen maßgeblich beteiligt. Aus einem rotem Karton, gefüllt mit Dokumenten, Fotografien und Zeitungsartikeln, kramt er einen etwas vergilbten Zettel heraus, sein GAZ-Mitgliedsausweis. Bereits ein Jahr später gründete Adler aber den Kreisverband sowie den Landesverband Bayern der Grünen mit. Der „erhebende Moment“ sollte dann aber im Januar 1980 folgen: Die Partei der Grünen wurde in Karlsruhe gegründet, und das Bild, das da die Delegierten aus dem Norden abgaben, behält Adler bis heute in Erinnerung. Mit Schlafsäcken standen sie da, allzeit bereit zur Abfahrt. „Der Bahnhof war nur zwei Minuten entfernt“, grinst Adler, doch die finale Abstimmung zog sich in die Länge. Als die Gründung dann vollzogen war, hätten es die Leute aus Hamburg und Hannover ziemlich eilig gehabt. 

Menschenkette, Moskau und Mütter

Danach „ging es erst richtig los“, meint Adler und blickt ein wenig gedankenverloren gegen eine Wohnzimmerwand. Seine Gedanken hat er aber nicht verloren, vielmehr erinnert er sich nun an die Menschenkette zwischen Stuttgart und Neu-Ulm im Oktober 1983, eine Großdemonstration im Rahmen der süddeutschen Friedensbewegung, in die sich auch Adler einreihte, gemeinsam mit weiteren Grünen. In einem Bus ging es damals zum Ort des Geschehens. Am Vorabend habe er das Fahrtgeld von seinen Kollegen eingesammelt, da habe ihn der Busfahrer doch glatt gefragt, ob nicht Moskau den Ausflug zahle, erinnert sich Adler und reißt die Augen weit auf. Dabei war es keineswegs eine überraschende Aussage für ihn. Nicht selten seien Parteien, darunter auch die Grünen, diskreditiert worden, indem man sie in die kommunistische Ecke geschoben hat. Leicht hatte es die Partei in ihren Anfängen generell nicht, denn das Bild der strickenden Frauen und stillenden Mütter in den Parlamenten prägte sich in vielen Köpfen ein. „Wenn man sich als Grüner geoutet hat“, so Adler, habe man nicht selten die Frage gestellt bekommen, ob man denn überhaupt Abitur habe. Welch Ironie, denn die Grünen seien anfangs sehr stark akademisiert gewesen. Heute sei das anders, allgemein sei die Partei eine andere wie vor 40 Jahren, kein polarisierender Feminismus in den eigenen Reihen mehr und auch keine ideologischen Feindschaften mit der politischen Konkurrenz. 

Zwei gegen den Rest des Stadtrates

Nach zehn Jahren hatten es die Grünen auf Bundesebene schon leichter, sie wurden allmählich anerkannt, „gewisse Ereignisse“ hätten dazu geführt, meint Adler, darunter die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, welche die Menschen zum Umdenken in Sachen Atomenergie gebracht habe. Auch in Penzberg hatten es die Grünen, und damit Klaus Adler, anfangs nicht leicht. 1984 wurde der Ortsverband gegründet, der erste im Landkreis. Gemeinsam zog Adler dann wenig später mit Johannes Bauer in den Stadtrat ein. Als Adler in seiner ersten Sitzung die Hand hob, reagierte der damalige Bürgermeister Kurt Wessner gereizt und meinte: „Aha, geht‘s schon los?“. Es folgten rund sechs Jahre, in denen jeder Antrag der Grünen abgelehnt wurde, „immer gegen zwei“, muss Adler heute schmunzeln. Irgendwann wurde der erste Antrag genehmigt, und dann ging es allmählich bergauf. 

„Fridays-for-Future, das war ich schon vor 40 Jahren“

Heute haben die Grünen in ganz Deutschland einen Lauf und schwimmen auf einer Welle, „die aber jederzeit abebben kann“, wie Adler warnt. Dass es gerade so gut läuft für seine Partei, freut ihn natürlich, auch wenn er ein wenig gefrustet ist, dass es damit so lange gedauert hat. „Fridays-for-Future, das war ich schon vor 40 Jahren“, meint Adler zu der Umweltgesinnung, die sich heute in der Gesellschaft breit macht und gewiss zum Grünen-Hype beiträgt. Frust, der nicht von ungefähr kommt, denn die vergangenen turbulenten Jahre verlangten von Adler viel Lebenszeit ab, so dass er privat einiges verpasste, wie er bedauert. Ob er es heute anders machen würde, weiß er nicht, doch sein Grinsen im Gesicht lässt ein Nein vermuten. Mittlerweile hat sich Adler aus der Kommunalpolitik verabschiedet. Jetzt holt er die versäumte Zeit mit seiner Familie nach, geht wandern, auf Reisen. Und der Rockfan legt endlich all die Schallplatten auf, die in seinen Regalen zum Teil noch in der Originalverpackung eingeschweißt auf ihren Einsatz warten. Nicht aber am gestrigen Freitag, denn da war Adler als dienstältestes Grünen-Mitglied der Republik bei der Jubiläumsfeier in Berlin eingeladen. So ganz kann er sich eben doch nicht von der Politik verabschieden, ruhig da sitzen, das taugt ihm einfach nicht. ra

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