Mobbing: Carsten Stahl fordert mehr Offenheit gegenüber seiner Arbeit

Penzberg ist nicht anders

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Würde nach Penzberg kommen, muss aber nicht: Carsten Stahl.

Penzberg – Nicht Bücher, sondern das Leben als Lehrmaterial: In seinen Seminaren nimmt Carsten Stahl Schüler mit auf eine Reise in seine Vergangenheit. Das Ziel: Mobbing bekämpfen. Dort, wo Bücher Lehrmaterial sind, an den Penzberger Schulen, zweifelt man aber an der Wirksamkeit seiner Arbeit. 

Ein Mann aus Berlin-Neukölln soll den Schülern in Penz­berg helfen: Die Idee des Vereins „Penzberg hilft“, den ehemaligen TV-Detektiv Carsten Stahl als Mobbing-Experten an die hiesigen Schulen zu holen, stieß bei Schulleitern und Schulsozialarbeitern auf wenig Begeisterung: In einer kurzen Zeit ein solch großes Problem in Angriff zu nehmen, ist für sie kaum vorstellbar. Eine Reaktion, die Stahl verärgert, ihm aber auch nicht neu ist. 

Was ihn zu einem Mobbing-Experten macht: kein Studium, keine Schulungen, keine Fachbücher, sondern das Leben, sein Leben. Carsten Stahls Vergangenheit, „20 Jahre Straße“, wie er sagt, das harte Pflaster in Berlin-Neukölln, haben ihn geprägt. Gewalt, Drogen, Kriminalität – und Mobbing. Genügend Stoff, um Kindern und Jugendlichen davon zu berichten, wie es ist, Opfer zu sein – aber auch Täter. Eine Vergangenheit, mit der er Schüler erreichen und in ihren Köpfen bleibenden Eindruck hinterlassen möchte. 

Vor wenigen Jahren noch als muskelbepackter, tätowierter Privatdetektiv auf dem Bildschirm unterwegs, steht er nun auf der Bühne, nicht als Schauspieler, sondern als ein Mann, der um Authentizität bemüht ist, der sein Leben („Ich war als Junge von zehn Jahren selbst das Mobbing-Opfer“) offenbart in dem Glauben, das anderer verändern zu können. Carsten Stahl konfrontiert sein Publikum nicht mehr mit Scheinwirklichkeiten, sondern mit der tatsächlichen Realität. Den Anstoß, von den Bildflächen der Fernseher zu verschwinden und stattdessen die Kampagne „Stoppt Mobbing“ ins Leben zu rufen, war aber nicht das, was er, sondern eines seiner Kinder erlebte. Sein Sohn sei bereits nach wenigen Tagen auf der Grundschule gemobbt worden. Davor habe Stahl nicht die Augen verschließen wollen und können. 

Das ist fast fünf Jahre her. Seit dieser Zeit sagt der Mann aus Neukölln dem Mobbing den Kampf an. Und seit dieser Zeit sieht er seine Kinder nur noch selten: „In viereinhalb Jahren habe ich meine Kinder nur eineinhalb Jahre gesehen, weil ich durch Deutschland tingele.“ 

Dass Mobbing ein Problem ist, das es überall gibt, davon ist Stahl überzeugt, die Schulen in Penzberg seien da keine Ausnahme. Dass Bernhard Kerscher, der Direktor des Penzber­ger Gymnasiums, der wenig von Carsten Stahls Seminar hält, von einer begrenzten Anzahl und Schwere der Mobbing-Fälle spricht, findet Stahl traurig. „Ein Direktor, der sagt, wir haben kein Problem oder kaum ein Problem mit Mobbing, der lügt.“ Dass sein Auftritt in Penzberg bis zu 20.000 Euro kosten solle, findet Stahl unglücklich formuliert. Er nimmt knapp sieben Euro pro Kopf für ein Tagesseminar, sollen es mehrere Tage sein, werden für jeden Teilnehmer weniger als zehn Euro fällig. Dass er überhaupt etwas nimmt, begründet er wie einer, der eben aus Neukölln stammt: „Nur mit Luft und Liebe kann man so was nicht finanzieren.“ 

Bislang habe er etwa 38.000 Kindern und Jugendlichen geholfen. Dass sich Schulleiter und Schulsozialarbeiter in Penz­berg nicht vorstellen können, dass er binnen weniger Stunden oder Tage ein Vertrauen zu den Schülern herstellen kann, und sie deshalb nicht wollen, dass er hier interveniert, mag er nicht verstehen. „Dass sie skeptisch sind, damit habe ich kein Problem“, meint er, fordert im gleichen Zuge aber Offenheit gegenüber seiner Arbeit und seiner Person. Schließlich wolle er die Schulsozialarbeit unterstützen, auch sei seine erfolgreiche Arbeit in ganz Deutschland ein Beleg dafür, was möglich sei. „Ich bin ein Vorbild für Millionen Menschen“, betont Stahl. 

Bernhard Kerscher, der Direktor des Gymnasiums, hält für Stahl an einer „Illusion“ fest. Gerne würde er Kerscher dies beweisen wollen, indem er „die Probe aufs Exempel“ macht und die Gymnasiasten unter seine Fittiche nimmt. Denn: 90 Prozent der Schüler seien in seinen Seminaren bereit gewesen, zu offenbaren, dass sie schon einmal gemobbt wurden oder selbst gemobbt haben. „90 Prozent des Penzberger Gymnasiums würden das auch“, ruft er lautstark in sein Telefon. Penzberg sei eben nicht anders als andere Städte. Das Misstrauen gegenüber seiner Kampagne ist Stahl aber nicht neu: „Rund die Hälfte der Direktoren hadert damit“, sagt er. Und meistens seien es die Leiter von Gymnasien. Stahl vermutet, dass sich manche Direktoren um den Ruf ihrer Schule sorgen oder Angst davor haben, Fehler eingestehen zu müssen. 

Eines stellt Stahl jedoch klar: Penzberg aufzwingen möchte er sich nicht, immerhin sei er ausgebucht. „Meine Arbeit geht nicht aus“, sagt er und erklärt, dass er zwischen 30 und 50 Anfragen in der Woche erhalte. Und selbst wenn es mit Penzberg nicht klappe, freut er sich, bereits etwas bewirkt zu haben. Denn die Idee von „Penzberg hilft“, ihn als Coach zu engagieren, habe für Diskussionen gesorgt. „Wenn man über Carsten Stahl diskutiert, spricht man über Mobbing“, meint der Mann aus Neukölln. ra

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