Lehrerkabarettist Hans Klaffl glänzt vor allem dann, wenn er sich von der Schule entfernt

Dodadiadada

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„Unterm Adi hätt‘s des ned geb‘n“: Hans Klaffl in der ausverkauften Stadthalle.

Penzberg – Seine Matschhose, ein Beinkleid aus alten Wehrmachtsbeständen, auf links gedreht, weil ein Hakenkreuz auf dem Stoff prangt. Outdoorkleidung der Fünfzigerjahre, zumindest bei Hans Klaffl, der sich in seinem vierten Programm nicht nur Lehrern, sondern auch seiner Kindheit widmet. 

Ein Déja-vu liegt immer dann vor, wenn einen das Gefühl beschleicht, so etwas ganz genau schon einmal erlebt zu haben. So wie es mit dem Pfarrer war, den der junge Klaffl Hansi in der Volksschule daheim in Töging in Reli­gion gehabt hat und der über das Christentum kaum ein Wort verlor, dafür aber umso eindringlicher vor Bolschewisten, Kommunisten, Sozialisten und allen Ungläubigen warnte, wobei mit Letzteren damals, in den Fünfzigerjahren, die Evangelischen gemeint waren, die in der Schule obendrein im Keller, streng getrennt von den rechtgläubigen Katholischen, unterrichtet wurden. Heute, 60 Jahre später, sagt der Klaffl dazu: „Ungläubige wurden schon damals ausgegrenzt.“ 

Hans Klaffl, Jahrgang 1950 und bis zu seiner Pensionierung Musiklehrer an einem Gymnasium im Münchner Osten, hat sich mit seinem Schul- und Lehrerkabarett mittlerweile einen solchen Ruf erarbeitet, dass die Stadthalle zum Start des diesjährigen Kulturprogramms bis auf den letzten Platz gefüllt war. Und das nicht zu Unrecht, weil Klaffl in seinen drei vorangegangenen Programmen es stets verstanden hat, den Mikrokosmos Schule mit der fortwährenden Ambivalenz zwischen Schülern, Lehrern und Eltern treffsicher, pointiert und äußerst witzig darzustellen, dass der Saal meist stark bebte. 

Bei seinem neuen, vierten Programm, das mit einer Dauer von zweieinhalb Stunden gefühlt schon Nachmittagsunterricht mit Nachsitzen gleichkommt, sind zwar auch noch jene Passagen enthalten, die mit begeistertem Gelächter quittiert werden. Exemplarisch dafür jene für einen Nichtbayern kaum nachzuvollziehende Sequenz, als Klaffl über seine erste, vom Bruder geerbte Lederhose referiert: „Die hat man abends neben das Bett gestellt und am nächsten Morgen ist man dann wieder hineingestiegen. Das ist wahre Prêt-à-porter.“ Herrlich auch seine Erinnerung an die erste Matschhose, die aus Wehrmachtsbeständen stammte und deshalb vorsichtshalber gewendet wurde, damit niemand das Hakenkreuz sieht. Da stellt er dann fest: „Outdoor-Fashion haben wir gar nicht gekannt. Woher auch, wir waren ja immer draußen.“ Und Klaffl wäre nicht Lehrer, baute er nicht mindestens ein Stilmittel in sein Programm ein. In diesem Fall ist es das Oxymoron, womit eine Formulierung aus zwei einander widersprechenden Begriffen gemeint ist. So wie der schwarze Schimmel. Seine Frau habe ihn da aber entschieden korrigiert. Wenn er sehen wolle, dass es sich hierbei um kein Oxymoron handele, soll er ihren Rat befolgen: „Schau mal ins Bad!“ 

Aber Klaffl ist viel nachdenklicher geworden, leiser, böser und gerade deshalb besser. Sein Kunstgriff, die eigene Jugend und Kindheit Revue passieren zu lassen, wobei die Schule natürlich eine nicht geringe Rolle spielt, erlaubt es ihm, eine Klammer zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu setzen, mit oft frösteln machenden Parallelen. Hatte er gerade noch mit seinem Alter kokettiert und dem Umstand, dass ihn sein Gedächtnis immer öfter in Stich lasse, so stellt er mit Blick auf das eigene Heranwachsen fest, dass diese Demenz Mitte der Fünfziger eine ganze Gesellschaft erfasst habe. „Da reichte das kollektive Langzeitgedächtnis gerade mal zehn Jahre zurück.“ Sehr präsent im Sprachgebrauch der einfachen Leute auf dem Land seien dagegen jene, vorzugsweise gegen mäßig folgsame Kinder ausgestoßenen Drohungen gewesen, dass diese „auch im Kamin enden“ würden, wenn sie weiterhin „bis zur Vergasung“ an den Nerven ihrer Eltern zerrten. Solcherlei Verhalten wurde auf der Straße ganz ungeniert mit den Worten quittiert: „Unterm Adi hätt‘s des net geb‘n.“ 

In Ermangelung von Juden haben dann die „Pflichtling“, vorzugsweise jene aus dem Sudetenland, herhalten müssen, was Klaffl nach einem kurzen Ausflug in die Welt der Lactose- und sonstiger Unverträglichkeiten, zu der Feststellung bewegt: „Die einzige Intoleranz, die wir gekannt haben, war die Flüchtlingsintoleranz.“ Die sei allerdings nur von kurzer Dauer gewesen, weil die Heimatvertriebenen sich so rasch auf die politische Linie der Eingeborenen begaben, dass sie selbst schon nach kurzer Zeit eine ausgeprägte Flüchtlingsintoleranz an den Tag legten. Das war damals. Und heute? Klaffl erinnert an Erika Steinbach, die einstige Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, die vor zwei Jahren aus der CDU austrat, weil ihr die Asylpolitik der Bundesregierung zu lax war, und seitdem offen mit der AfD sympathisiert. Dejá-vu eben. Und Klaffl sagt: „Fremdenfeindlichkeit hat bei uns Tradition.“ 

Natürlich darf die Schule bei einem Programm von Klaffl nicht fehlen. Das beginnt beim Dagiwagg, einem sadistischen Religionslehrer, von dem Klaffl nicht weiß, wie er ihn bezeichnen soll, weil ihm seine Frau verboten hat, den Pädagogen als „perverse Drecksau“, der auf dem Bubenklo gespannt hat, zu bezeichnen. Das setzt sich fort, als Klaffl in die Rolle des Rechtsanwalts Fischer schlüpft, der wiederum die Kampfgruppe Elterncoaching gegründet hat, um im juristischen Kampf gegen jede schlechte Note beizustehen. Und natürlich darf eine Breitseite gegen die Helikoptereltern, die bereits ab der 3. Klasse alles dafür tun, dass ihre Sprösslinge eines Tages in einem Aufsichtsrat landen, nicht fehlen. Das ist nett, aber Klaffl kann es viel besser. Wenn er nämlich wieder zurück in seine Kindheit blickt und dabei feststellt, dass er nur deshalb aufs Gymnasium gehen konnte, weil im Jahr zuvor das Schulgeld abgeschafft worden war. „Damals haben sich das nur die Betuchten leisten können.“ Heute sei das Gymnasium zwar nach wie vor umsonst, wenn man aber die Kosten für die Nachhilfe in Betracht ziehe, müsse man feststellen: „Da hat sich nichts geändert.“ Ein Dejá-vu eben. 

Und dann setzt er sich ans Piano und stimmt sein letztes Lied an, eine düstere Vorausschau ins Jahr 2030, in dem die AfD mittlerweile an der Regierung ist. Das Licht verlischt, und Klaffl sitzt inmitten der Düsternis, als er zum finalen Reim ansetzt: „Was haben wir überseh‘n? Ich hoffe, wir müssen dafür nicht geradesteh‘n.“ 

Klaffl verneigt sich, das Publikum klatscht, die Beklemmung im Saal aber ist mit Händen zu greifen. Er weiß das natürlich und bietet, gewissermaßen zur Versöhnung, etwas Erbauliches an. Das Publikum dankt es ihm erleichtert und wird mit einem wunderbaren Ausflug in die Untiefen des Bayerischen belohnt. Zu entziffern gilt es, was es bloß heißen mag, wenn einer dieser Südländer einem sagt: „Dodadiadada.“ Wer es trotz Berücksichtigung der dem Bayerischen innewohnenden phonetischen Vielfalt des „A“ nicht hinkriegt, dem sei verraten, dass es sich hierbei um einen gärtnerische Empfehlung handelt. la

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