Rollstuhl auf dem Dach

In Tansania nahm sich Jessica Unterreiner hilfsbedürftigen Kindern an - im Sitzen

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Lebensfreude, die ansteckt: Bei ihrer Arbeit im Kinderheim wurde Jessica Unterreiner von den aufgeweckten Gemütern der Mädchen und Buben überrascht.

Penzberg – Von ihrer Unterkunft in Arusha zu dem Kinderheim, wo sie ein paar Wochen Freiwilligenarbeit leistete, nahm Jessica Unterreiner stets das Taxi, obwohl Busse dieselbe Strecke fuhren. Doch in Bussen mit 18 Sitzen, völlig überfüllt, wäre kein Platz für einen Rollstuhl, für ihren Rollstuhl.

Die Kinder, keines älter als drei Jahre, haben ihre Eltern verloren, wurden von diesen ausgesetzt oder abgegeben, weil sie die Kleinen nicht versorgen können. Nun verbringen die Mädchen und Jungen ihre Tage in dem Kinderheim in der Nähe von Arusha. Ein Kinderheim, „das recht einsam in der Landschaft steht“, erinnert sich Jessica Unterreiner. Dass es sie einmal dorthin verschlägt, damit hat die 19-Jährige nicht gerechnet. Im vergangenen Jahr machte sie ihr Abitur, danach folgten ein paar Praktika, in der Jugendhilfe in Rosenheim und im Psychologischen Dienst an der Unfallklinik Murnau, schließlich will sie Psychologie studieren. Doch ehe es an die Uni geht, wollte sie noch ihre Spanischkenntnisse auffrischen, bei einem Freiwilligendienst in Peru. Über die Organisation „Auszeit weltweit“ kein Problem. Doch dort gab es kein spanischsprachiges Hilfsprojekt für Jessica, keinen Ort, der für sie geeignet ist, keine Gastfamilie, die sie aufnehmen kann: Jessica sitzt im Rollstuhl, und Barrierefreiheit scheint nicht überall selbstverständlich zu sein. Doch von Barrieren wollte die 19-Jährige nichts wissen. In Tansania fand sie schließlich den Ort ihrer Bestimmung, dort, in einem Kinderheim, wurde ihre Hilfe gebraucht, und dort, in dem Kinderheim, tat es nichts zur Sache, dass sie fuhr und nicht ging, saß und nicht stand. 

Kindliche Neugier, die jeder Scheu trotzt

Jessica wickelte Säuglinge, begleitete Kinder auf Spaziergängen, sammelte mit ihnen Früchte und erlebte Mädchen und Jungen, die lebensfroh sind und deren Neugier jeder Scheu trotzt. Ihr Rollstuhl, kein großes Thema. Bei den Erwachsenen sah das ein wenig anders aus. Sie seien zwar wahnsinnig „hilfsbereit“ gewesen, betont Jessica, eine Verunsicherung war ihnen aber anzumerken, nicht hervorgerufen durch die Tatsache, dass die Penzbergerin im Rollstuhl sitzt, sondern wie sie darin sitzt. Eine Frau, die nicht laufen kann, ist so selbstständig und wagt sich allein nach Afrika, während dort, in einem nahe gelegenen Disabled Hospital Menschen mit körperlichen Behinderungen „rund um die Uhr Hilfe brauchen“, meint die 19-Jährige. Doch auch Jessica hatte so ihre Anfangsschwierigkeiten, schließlich komme sie zuhause, in Penzberg, bestens alleine zurecht, in Tansania dagegen sei sie immer wieder auf Hilfe angewiesen gewesen, eine ungewohnte Situation. Es dauerte einige Tage, bis sie sich daran gewöhnt habe, sagt Jessica. 

Rollstuhlspeichen aus der Fahrradwerkstatt

Doch das Land stellte die junge Frau nicht nur psychisch auf die Probe, sondern auch körperlich. Schlaglöcher pflasterten die Wege, die mehr Straße als Trottoir waren, schmunzelt Jessica und meint: „Da musst du halt schon drüber mit dem Rollstuhl.“ Der macht zwar einiges mit, doch Schlaglöcher brachten selbst ihn an die Belastungsgrenze: Speichen brachen. Was Jessica aber nicht verzweifeln ließ, weil Menschen um sie herum waren, die immer Lösungen sahen, aber keine Probleme. Eine Einstellung, welche die 19-Jährige bewundert und mit nach Deutschland brachte. Im Auto ging es dann in die nächst gelegene Fahrradwerkstatt, Jessica im Wagen, der Rollstuhl auf dem Dach, der zu ihrer Verwunderung den Erschütterungen durch Schlaglöchern Stand hielt. Nicht der einzige Ausflug, der Jessica mitten unter die Einheimischen brachte. Immer wieder zog es die 19-Jährige, gemeinsam mit anderen Volunteers, in eine Bar direkt neben ihrer Unterkunft. Dort kamen sie mit den Menschen ins Gespräch, spielten Karten und saßen zusammen. Dabei knüpfte die 19-Jährige Kontakte, über die sie andere Hilfsprojekte erst kennenlernte und später dann besuchte. 

Leere Taschen auf den Häuptern

Das Land und die Menschen waren für Jessica zunächst eine Art Kulturschock: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so anders ist“, meint die junge Frau, die anfangs vergeblich nach Ähnlichkeiten zwischen Tansania und Deutschland gesucht hat. Doch nach und nach gewöhnte sie sich an die Fremde und fand Gefallen an der Andersartigkeit. Und so lächelt sie, wenn sie, seit knapp drei Wochen wieder zurück in Penz­berg, auf der heimischen Eckbank in Obermaxkron sitzt und an die Menschen in Tansania zurückdenkt, die mit Fremden sprechen, als ob sie alte Freunde wären, an die tansanischen Frauen, die Einkäufe, Körbe, Wasserkrüge und „sogar leere Taschen“ auf ihren Köpfen balancieren. 

Belanglose Kleinigkeiten

Mitgenommen aus Tansania hat sie, abgesehen von den Erfahrungen und der Bestätigung, später einmal mit Kindern und Jugendlichen arbeiten zu wollen, auch eine neue Sicht auf ihr Leben: „Über Kleinigkeiten, über die man sich hier so ärgert“, rege man sich in Tansania, dort wo man sich auf Lösungen, nicht auf Probleme fixiere, nicht auf. Ob Jessica auch tansanische Lebensgewohnheiten importiert hat, wird sich zeigen, wenn sie im Herbst in Graz ihr Psychologiestudium beginnt und möglicherweise die Einkäufe auf den Kopf zur Studentenbude balanciert. „Ich glaube aber nicht, dass es dazu kommt“, lacht sie. ra

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