Sanft an die Spitze

Die Frau mit dem Kopfkino: Kerstin Engel will das Vertrauen in die Stadt zurückholen

Kleidet sich gerne schwarz, hat aber eine grüne Seele: Kerstin Engel.

Penzberg – Kartons stapeln sich in ihrem Flur. Kerstin Engel öffnet einen davon und nimmt einen Flyer heraus. Sie schaut ihr gewissermaßen selbst entgegen. „Ganz schön dunkel geworden“, findet die Bürgermeisterkandidatin der Grünen, als sie das Deckblatt erblickt.

Der Flyer soll unter die Leute gebracht werden und aufgeklappt in aller Kürze Engels Visionen für Penzberg offenlegen. Und tatsächlich, das in düsteres Licht getauchte Foto passt so gar nicht zu der Frau, die viel lächelt, wenn sie spricht, und die selbst in ihrer geliebten schwarzen Lederjacke kein bisschen an ihrem milden Ausdruck verliert. Engel ist eine ruhige Frau. Nicht jedoch, wenn ihr eines genommen wird: Vertrauen. So wie es ihrer Ansicht nach Bürgermeisterin Elke Zehetner getan hat, die sie nicht länger an der Spitze sehen möchte, sehen kann. 

„Ich dachte, man wächst positiv in das Amt rein.“

Vor sechs Jahren zählte Kerstin Engel noch zu den Menschen, die Elke Zehetner mit wohlwollendem Lächeln ins Rathaus einziehen sahen. Heute sitzt die 51-Jährige zuhause an ihrem Ess­tisch und blickt ein wenig ungläubig ins Leere, wenn sie an diese Zeit zurückdenkt. „Ich dachte, dass Elke eine gute Kandidatin ist.“ Sie selbst hätte 2014 als Bürgermeisterkandidatin Zehenter Konkurrenz machen können, tat dies aber nicht. „Damals waren meine Kinder noch klein“, sagt Engel. Die Familie hatte Vorrang. Die Familie bedeutete Engel viel, sie bedeutet ihr noch immer viel. Und man glaubt ihr das sofort, wenn sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnt und von damals erzählt, als sie, die Biologin, an der Uni arbeitete, in einem Arm ihre Tochter hielt und stillte und mit der anderen Hand tippte, zehn Tage nach der Entbindung. Sie wollte ihre Kinder miterleben und aufwachsen sehen, sich aber auch beruflich verwirklichen, sagt sie und kämmt mit ihren Fingern ins Gesicht gefallene Haarsträhnen zurück. Nun stehen ihre beiden Töchter mehr oder weniger auf eigenen Beinen. Doch zu viel Freizeit ist nicht der Grund, aus dem Engel, die Schulungskonzepte im Pharmabereich bei Roche entwickelt, nun das Amt der Bürgermeisterin anstrebt. „Ich will nicht mehr so weitermachen“, meint sie mit Blick auf den Stadtrat und die Frau, die alles in der Hand hat oder in die Hand nimmt. „Sie hat Gräben geschaffen“, meint Engel. Sie, das ist Elke Zehetner, die Frau, die Engel noch vor sechs Jahre unterstützt hat. Nun aber ist alles anders. „Es gibt nur ihre Meinung“, klagt Engel, die jedoch auch sagt, dass sie es bewundert, mit wie viel Energie die Rathauschefin die Dinge angeht, wenngleich nicht in der Art und Weise, wie sie selbst es täte. „Ich dachte, man wächst positiv in das Amt rein“, gibt sie sich nachdenklich, wenn sie auf die vergangenen Amtsjahre Zehetners blickt. 

Kopfmensch mit Kopfkino

„Ich bin kein Machtmensch“, sagt Kerstin Engel, ohne sich dabei als Unikat zu betrachten, denn Frauen seien ja eigentlich nicht „machtstrebend“. Umso fataler sei es, wenn sie „mit Ellenbogen und Testosteron“ im Amt agieren und ihre weibliche, nämlich sanfte Seite vergessen. Sanftheit ist eine Charaktersache, die sich nicht in Rock und hochhackige Schuhe kleiden muss. Engel trägt meist Hosen und Schnürschuhe, wirkt aber sanft, in ihrem Sprechen, ihren Blicken, ruhig ihren Bewegungen. Wie sollte es auch anders sein, wenn sie fast all ihre Energie in ihren Gedanken verliert. Wobei, verlieren ist wohl der falsche Ausdruck, denn wenn es still ist und „das Kopfkino losgeht“, ist Engel auf Ergebnisse aus. Kaum verwunderlich, sie, der Kopfmensch, der „sehr rational argumentiert“, der „mathematische Mensch“, der Zahlen liebt und sich stundenlang mit diesen beschäftigen kann. Umso mehr ärgert es sie, wenn sie Zahlen sieht, die ihr so gar nicht gefallen. Zum Beispiel die Schülerzahlen, die einmal in einer Stadtratssitzung auf den Tisch gelegt wurden und die zeigen sollten, dass eine Kinderkrippe problemlos auf dem Pausenhof der Grundschule an der Birkenstraße gebaut werden kann, weil die Schule gar nicht größer werden muss. „Der Zuzug wurde nicht berücksichtigt“, erinnert sich Engel, „das wusste die Bürgermeisterin genau.“ 

Überschreitungen mit haarsträubenden Begründungen

Viel besser schaut es für sie auch nicht bei anderen Zahlen aus: Die Stadt hat im vergangenen Jahr zu ihrem Jubiläum 100 Bäume gepflanzt, längst überfällig, denn schon seit Jahren fordere das Landratsamt mehr Bäume für Penzberg, weiß Engel und lässt ihre grüne Seele durchblicken. Eine Seele die leidet, wenn Bebauungspläne im Stadtrat behandelt werden. Wohnraum wolle auch sie schaffen, doch die Lebensqualität dürfe nicht gemindert werden. In der Innenstadt und im Gewerbegebiet dürfen eigentlich nur 80 Prozent eines Grundstücks bebaut werden, „wir machen regelmäßig 100 Prozent“. Ähnlich gehe es in einigen Wohngebieten zu, in der Au beispielsweise sollten nur 40 Prozent einer Grundstücksfläche bebaut sein, doch „es sind 80 Prozent“. Entscheidungen, die fallen, auch weil die Stadträte „Bebauungspläne beschließen für Gegenden, wo sie nicht wohnen“, kritisiert die 51-Jährige. Regelwidrig sind die Überschreitungen zwar nicht ,wenn triftige Begründungen vorliegen, doch die seien zum Teil „haarstäubend“, findet Engel. 

Den Überraschungen ein Ende bereiten

Sie macht keinen Hehl daraus, dass es im Stadtrat nicht so läuft, wie es sollte, und zwar nicht nur, wenn es um Zahlen geht. „Es macht‘s mir schwer, wenn ich das Gefühl habe, dass nicht alle Fakten offengelegt werden“, sagt die Frau, die seit fast zwölf Jahren dem Kommunalparlament angehört. Noch länger, nämlich seit 2002, ist sie eine Grüne. Und als solche geht sie mit urgrünen Themen wie Klima-, Arten- und Umweltschutz in den Wahlkampf. Penzberg muss grüner werden, indem der Flächenverbrauch begrenzt und mehr blühende Bereiche geschaffen werden. Doch Engel ist auch Realistin und weiß, dass es Wohnraum braucht, wobei sie aber auf keinen Fall „die Wohnungsprobleme von München lösen“ will. Eine Verdichtung sei unumgänglich, nicht jedoch, ohne an entsprechende Ausgleichsflächen mit Gras und Bäumen zu denken. Denken und handeln will sie auch in den Bereichen Kinderbetreuung, Pflege im Alter, lebendige Innenstadt und Radwege, die Engel geflissentlich benutzt, wenn sie mit Rucksack und Korb den Familieneinkauf transportiert. Hinter allem soll dabei eines stehen: ein Konzept.Ohne dieses will Engel nicht länger arbeiten, „damit wir nicht immer wieder überrascht werden“. 

„Ich möchte Menschen vertrauen können“

Schon länger weiß Engel, dass auch andere Gruppierungen derzeit mit auf der grünen Welle reiten oder das zumindest wollen. „Wer bei uns im Gewässer fischt, ist Markus Bocksberger“, der Bürgermeisterkandidat von Penzberg Miteinander. Meistens seien grüne Ziele anderer Parteien oder Listen jedoch nichts weiter als „Lippenbekenntnisse“. Das aber kann sie so gar nicht ab. „Ich bin jemand, der gerne vertraut, ich möchte Menschen vertrauen können“, betont Engel, die „absolut intolerant bei unlauterem Verhalten und Mauscheleien“ sei. 

Ein hinderlicher Chromosomensatz

Vertrauen hat sie in ihre Liste, auf der mit ihr gerade mal zwölf Kandidaten aufgeführt sind. Darunter befinden sich einige junge und unbekannte Gesichter, doch „wir brauchen den Generationenwechsel“, betont Engel, und da müsse man den Jungen eine Chance geben. Sie weiß aber auch, dass der Abgang von Klaus Adler und Johannes Bauer, der „Urgrünen“, wie sie sagt, „Stimmen kosten wird“. Stimmen könnte aber auch etwas anderes kosten, nämlich Engels Chromosomensatz. Sie befürchtet nämlich, dass manche Penzberger, die mit dem Führungsstil von Elke Zehetner etwas Negatives verbinden, nicht noch einmal eine Frau an die Spitze wählen. 

Da ist er wieder, der Kopfmensch Engel, der, wenn nicht alles, so doch vieles durchdenkt. Vor allem in stillen Momenten, zuhause , wenn sich die Katze zu ihr aufs Sofa gesellt und schnurrt. Dann komme sie runter, sagt sie. So wie auch die Leinwand in ihrem Kopf. ra

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