Durchdacht bis zum Bierfuizl

Ein Mann der Bühne: Markus Bocksberger und das Profil, das ein Rathauschef braucht

Kalkulierender Kandidat: Markus Bocksberger scheint jede Geste mit Bedacht einzusetzen.

Penzberg – Er blickt auf den kleinen bunten Button in seiner Hand. Das Logo seiner Liste Penzberg Miteinander prangt darauf: ineinandergreifende Ellipsen und dazwischen vielfarbige Flächen, in der Mitte ein zartes Grün. Markus Bocksberger schmunzelt.

Manche halten seine Liste für zu grün, andere für zu rot, meint der Bürgermeisterkandidat. Doch eigentlich ist Penzberg Miteinander bunt. Der 49-Jährige ist überzeugt von seiner Liste, und scheint auf den ersten Blick auch sehr überzeugt von sich selbst zu sein. Aber eben nur auf den ersten Blick. 

Von Nervosität keine Spur

Lässig saß er da auf dem Sofa bei der Podiumsdiskussion der Süddeutschen Zeitung, stichelte hie und da gegen Bürgermeisterin Elke Zehetner, wobei ein Schmunzeln auf seinen Lippen klebte. „Ich war nicht nervös“, meint Bocksberger, als er einen Tag später zuhause an seinem Esstisch sitzt. Nein, nervös wirkte er in der Tat nicht, doch vielleicht ein wenig selbstgefällig, auch wenn er das überhaupt nicht sein mag. Bocksberger war der letzte der sechs Kandidaten, der auf das Podium trat, denn hinter der Bühne war er noch mit Konzentrationsübungen beschäftigt und merkte gar nicht, dass es schon losging. Als Mitglied des Oberlandler Volkstheaters kennt Bocksberger die Bühne und weiß, sich auf seinen Auftritt vorzubereiten. Und er weiß auch auf der Bühne zu stehen oder im Falle der Podiumsdiskussion zu hocken, sehr unbequem, wie er nun zugibt, denn das Polster war so geformt, dass es sich nicht natürlich sitzen ließ, was seine anfängliche vierförmige Beinhaltung, der rechte Fuß ruhte auf dem linken Oberschenkel, erklärt. In der nonverbalen Kommunikation wird diese Haltung als Ausdruck von Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit gedeutet. Vielleicht wirkte Bocksberger aber auch ein wenig über allen Dingen thronend, weil er Nervosität nicht aufkommen ließ. Vermutlich konzentrierte er sich auf die Frisuren des Publikums, so wie er es bei Aufführungen macht, um den Text nicht zu vergessen. Auch seine sanfte Stimme, die wie einem Hörspiel entsprungen wirkt und mit der er gekonnt Pausen setzt, geriet an dem Abend kaum ins Stocken. 

„Mir hat der Umgang der Fraktion und des Ortsvereins mit der Vorgehensweise der Bürgermeisterin nicht gefallen“

Aber weshalb sollte Bocksberger auch nervös sein vor dem, was da auf ihn zukommen könnte, wenn er ins höchste Amt der Stadt gewählt wird. „Seit ich 18 bin, bin ich Dienstleister, das werde ich im Endeffekt auch als Bürgermeister sein“, sagt Bocksberger, während an seinem gern getragenen blauen Jackett der bunte Button von Penzberg Miteinander das Sonnenlicht reflektiert. Mit einem weiteren Button spielt er in seiner rechten Hand. Ein Bürgermeister ist für ihn in erster Linie kein Politiker, sondern der Chef der Verwaltung, „ein Vermittler“, sagt Bocksberger, und nimmt sich viel Zeit für jeden Satz, denkt genau nach, bevor er spricht. Große Flyer mit seinem Gesicht auf der ersten Seite bedecken den Esstisch. Der 49-Jährige wirkt motiviert. Vor einigen Monaten war das noch anders, kurz nach seinem Austritt aus der SPD-Fraktion. Der fingierte Leserbrief von Bürgermeisterin Elke Zehetner im Rahmen der Hoteldebatte sei der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe, meint Bocksberger. Das Fass war aber schon gut gefüllt: „Mir hat der Umgang der Fraktion und des Ortsvereins mit der Vorgehensweise der Bürgermeisterin nicht gefallen“, sagt Bocksberger, der im November 2019 nicht allzu überraschend aus der SPD-Fraktion austrat, aus der Partei brauchte er nicht auszutreten, weil er nie Mitglied der SPD war. „Ich habe schon bei den Klausuren zwei Jahre vorher angekündigt, dass ich mit einer Bürgermeisterkandidatin Zehetner nicht mehr für den Stadtrat antreten werde“, sagt Bocksberger. Schwarz malt er seine Zeit in der roten Fraktion jedoch nicht: „Ich muss schon auch sagen, dass nicht alles schief lief und ich mich auch mit allen privat gut verstanden habe, aber zum Schluss hin war es halt einfach zunehmend unbefriedigender.“ 

Ellipsen statt Striche

Statt erwartetem Gegenwind war da plötzlich viel Rückenwind, nachdem er den Roten den Rücken gekehrt hatte. Ehe er sich versah, waren da rund 20 Leute um ihn herum und die Liste Penzberg Miteinander geboren. Von Anfang an stand für Bocksberger fest, dass er als Bürgermeisterkandidat in den Wahlkampf 2020 ziehen möchte. Wobei, von Wahlkampf spricht der Pächter des Café Extra auf Gut Hub nicht, sondern von „Vorwahlzeit“. Bocksberger nimmt einen Schluck aus seiner Teetasse und stellt das Porzellan auf einem „Bierfuizl“, wie er sagt, ab. Darauf keine Brauereiwerbung, sondern das ellipsenreiche Logo. Anstatt mit einem Stift Striche auf den Deckel zu kritzeln, um die Zeche eines Gastes anzuschreiben, nutzt er das Fuizl nun für Wahlwerbung. 

Penzberg ist nicht Geretsried

Die Ziele von Penzberg Miteinander, die sich in Soziales, Wirtschaft und Umwelt gliedern, sind vielfältig, so vielfältig, dass sie auf dem runden Karton keinen Platz haben. Für jeden Bereich hat Bocksberger Experten unter seinen Stadtratskandidaten: Sozialpädagogen, Ingenieure, Anwälte, Chemikanten. Menschen, hinter denen Bocksberger steht, denen er vertraut, sein Rückenwind eben. Einige der Ziele finden sich auch in den Wahlprogrammen der Konkurrenz wieder, doch Bocksberger weiß eine Reihe von individuellen Bestrebungen aufzuführen, abgedruckt auf einem kleinen Stapel Blätter, der vor ihm liegt und auf den er immer wieder lugt, als sei das Papier seine Souffleuse. Man wolle den Klimaschutzplan von 2011 umsetzen, eine Klimaschutzabteilung einrichten und vielleicht ein Biogaswerk an der Kläranlage errichten. „Das Grün, was wir drin haben, ist zeitgegeben“, meint Bocksberger und führt auch all die anderen Ziele auf, wie ein Haus der Vereine, einen Handwerkerhof und natürlich mehr Wohnraum. Bei Letzterem betont Bocksberger, dass eine Verdichtung unumgänglich sei, „wir sind schließlich nicht Geretsried“. Soll heißen: Die Stadt hat ihre Grenzen, ins Moor rund um Penzberg lässt sich nun einmal kein Häuschen setzen. Von Verdichtung weit entfernt ist Bocksbergers Wohnung über seinem Café. Rund herum Wiesen und Wasser, und seine Familie, denn die Verwandtschaft lebt in unmittelbarer Umgebung. „Meine Oma wohnt nur fünf Gehminuten entfernt“, lächelt Bocksberger. Sein Smartphone klingelt, bayerische Blasmusik ertönt. „Meine Familie stammt seit Generationen aus Penz­berg“, sagt er. Die Familie gibt Bocksberger die meiste Kraft. 

„Offen, ehrlich und verbindend“

Kraft, die er als Bürgermeister gebrauchen kann, denn leicht ist dieser Job nicht, das weiß auch Bocksberger mit Verweis auf den Ton, der in manchen Stadtratssitzung herrscht, und auf die Kritik, mit der in dem Amt stets zu rechnen ist. Umso wichtiger ist für Bocksberger, dass der Bürgermeister „ein neues Profil hat“. Das von Elke Zehetner, die ihren Führungsstil als „situativ“ bezeichnet, scheint für ihn nicht das richtige zu sein. „Situativ ist kein Führungsstil“, so Bocksberger, vielmehr bedeute das ja, dass man „handelt, wie man lustig ist“. Ein Bürgermeister mit einem neuen Profil ist in seinen Augen „offen, ehrlich und verbindend“. Und jemand, der der Verwaltung etwas zutraut: „Man muss den Leuten mehr Vertrauen schenken und nicht glauben, dass man es besser kann“, sagt Bocksberger. 

Auf jede Rolle vorbereitet

Wie passend ist es da, dass er sich selbst als „offen, ehrlich und verbindend“ beschreibt, wenn auch nur zögerlich, da er von Selbstbeweihräucherung nichts halte. Von Bürgernähe hält er dagegen umso mehr. Deshalb möchte Bocksberger jeder Generation mehr Gehör schenken. Wie wichtig es ist, den Menschen zuzuhören, habe er bei den vielen Themenabenden seiner Liste erkannt. Es gebe immer jemanden, der sich in manchen Bereichen einfach besser auskenne, so Bocksberger, der seinen Worten auch Taten folgen lässt, wenn er zum Seniorencafé einlädt und sich mit einer Handvoll älterer Penz­berger an einem Tisch setzt und einfach zuhört, mit einem Block neben seiner Kaffeetasse, einem Stift in der Hand, einem großen Stapel Visiten­karten auf dem Tisch und, unweit davon, einem größeren Stapel seiner Bier­fuizln, die freilich niemand benutzt, steht das Porzellan doch sicher auf Untertassen. Aber so leuchtet immerhin überall das bunte Logo von Penzberg Miteinander. Bocksberger ist durchdacht bis zum Bierfuizl. Der Theatermensch scheint eben auf jede Rolle, auch auf die des künftigen Bürgermeisters, perfekt vorbereitet sein zu wollen. ra

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