Alles, nur keine Märchen

Der Mann vom Dach: Michael Kühberger setzt auf den gesunden Menschenverstand

Er rüttelt schon mal an der Rathaustür, obwohl er weiß, dass es nicht einfach wird, dafür auch den Schlüssel zu erhalten: Michael Kühberger.

Penzberg – Michael Kühberger hat es am liebsten ohne Netz und doppelten Boden. In jedem Zirkus wäre er die große Attraktion. Man braucht ihn nur mal mit Reparaturarbeiten auf dem Dach zu betrauen und dann nach oben zu blicken. So hoch kann es gar nicht sein, dass er sich absichern würde.

Mit seinen bald 57 Jahren turnt er da herum, dass einem schwindelig wird. Er aber grinst nur und meint: „Ois guad.“ Mit dieser nicht zur Schau getragenen, sondern tief verinnerlichten Lässigkeit ist Kühberger, der Dachdecker und Spengler, so etwas wie ein Gegenentwurf zu Elke Zehetner, die so stolz darauf ist, dass sie Verwaltung kann, die aber aus dem engen Korsett, in das Verwaltungsmenschen bereitwillig schlüpfen, nicht auszubüchsen vermag. Jetzt will Kühberger sie beerben, als Kandidat für die Freie Lokalpolitik Penzberg (FLP). Er gilt als der große Außenseiter unter den sechs Kandidaten, weil er nicht so wandlungsfähig ist wie Zehetner, weil er nicht so grün ist wie Engel, weil er keinen so modischen Anzug trägt wie Bocksberger, weil er nicht so kontrolliert ist wie BfP-Jabs und weil er nicht so als listiger Lausbub erscheint, wie der kleine Korpan. Sondern weil er ist, wie er ist. 

„Ich möchte wissen, ob gesunder Menschenverstand heute noch etwas zählt“ 

Dem Kampf um das Bürgermeisteramt tut es jedenfalls gut, dass einer wie Kühberger mit im Rennen ist: in einer Stadt, in der es früher üblich war, dass man sich bei der Arbeit die Hände schmutzig gemacht hat, die aber heute vor allem aus Akademikern und Bildungsbürgertum zu bestehen scheint. Ob er, der Handwerker, sich in diesem Umfeld wirklich eine Chance auf den Sprung ins Rathaus ausrechne, will man von ihm wissen. Kühberger zögert keine Sekunde und sagt: „Ich trete an, weil ich Bürgermeister werden will.“ Dann macht er eine Pause, denkt nach, und man glaubt das „Zäfix“, das ihm gerade durch den Kopf geht, hören zu können, ehe er sagt: „Ich möchte wissen, ob gesunder Menschenverstand heute noch etwas zählt.“ 

Mann mit Prinzipien

Der Mann hat Ecken und Kanten, mit denen mancher nicht klar kommt. Aber er pflegt eine Eigenschaft, die inmitten des alltäglichen Konformismus nicht mehr so hoch geschätzt wird, wie das früher noch der Fall war: Kühberger hat Prinzipien. Wenn ihm was nicht passt, dann sagt er es. In seiner Art: direkt, nicht immer fein austariert, aber ehrlich. Und wenn er damit nicht durchkommt, zieht er die Konsequenzen, wie damals beim FC. Er übernahm den einstigen fußballerischen Stolz der Stadt, als der tief gesunken war. Und er ging, als der Verein sein Gelände an der Bichler Straße an die Stadt verkaufte und im Gegenzug die Kunstrasenplätze neben dem Nonnenwaldstadion erhielt. „Ich wollte nicht, dass der FC seine Seele und seine Geschichte verkauft. Leider habe ich mich damit nicht durchsetzen können.“ Und das bedeutet für ihn: dann muss man gehen. Das verlangt die Selbstachtung. 

„Demokratie funktioniert doch so, oder?“

Bei der ersten Podiumsdiskussion der Bürgermeisterkandidaten hatte sich Kühberger achtbar geschlagen. Er erntete wenig Applaus, aber auch keine offene Kritik. Bis zu jenem Moment, als er folgendes sagte: „Wenn ich als Bürgermeister gewählt werden sollte und den Leuten passt es nicht, was ich mache, dann können sie mich sechs Jahre später ja wieder abwählen.“ Der Saal raunte und buhte, und Kühberger verstand die Welt nicht mehr. Als man ihn ein paar Tage später trifft, fragt er: „Demokratie funktioniert doch so, oder? Dass man jemanden nicht mehr wählt, wenn man mit ihm nicht mehr zufrieden ist.“ Er wirkt dabei sehr nachdenklich und wird philosophisch, wenn er beinahe flüsternd anmerkt, es sei schon irgendwie komisch, dass die Leute im ganzen Land fortwährend das Fehlen von Ehrlichkeit in der Politik beklagten, aber dann nicht damit zurechtkämen, wenn ein Politiker, und sei es nur ein kleiner auf kommunaler Ebene, ganz ehrlich das ausspreche, was doch eigentlich das Selbstverständlichste der Welt sei. Er schüttelt den Kopf und man merkt: Das ist nicht Kühbergers Welt. 

Der gerne vor sich hin Grantelnde vom Dach

Seine Welt war mal die CSU. Im Prinzip hat sich daran bis heute nichts geändert. „Ich bin ein konservativer Mensch“, sagt er über sich. Mit der Penzberger CSU, für die er 2014 in den Stadtrat gewählt wurde, hatte er aber zusehends Probleme. „Nicht mit der CSU, sondern mit dem Ortsvositzenden“, korrigiert er und vermeidet dabei Nick Lisson beim Namen zu nennen. Der immerfröhliche Radiomensch und der hemdsärmelige, gerne auch vor sich hin grantelnde Mann vom Dach: das konnte nicht gut gehen. Kühberger blieb sich auch hier treu und zog die Konsequenz. Er trat aus der CSU-Fraktion aus, gemeinsam mit Jack Eberl und André Anderl. Was folgte, war die Gründung der FLP, der man alles zugetraut hat, aber nicht, dass sie erstens 24 Kandidaten für die Stadtratswahl und zweitens dann noch die erforderliche Anzahl an Unterstützerunterschriften zusammenbekommen würde. Beides ist längst geschafft, und Kühberger strahlt jenes Strahlen, das man hat, wenn etwas erreicht wurde, mit dem keiner gerechnet hat. 

Nur keine Märchen

Nicht rechnen konnte man wohl auch damit, dass die FLP ein eher ungewöhnliches Wahlprogramm hat, mit dem sie sich von der Konkurrenz ziemlich unterscheidet. Nicht viel Palaver, sondern „konkrete Ziele, die wir verfolgen, egal, wie die Wahl ausgeht“. Dazu zählen: eine groß angelegte Offensive bei der Elektromobilität, ein Freizeitpark auf der Berg­halde und eine Wiederbelebung des guten alten Erbbaurechts zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, „wie zu Kurt Wessners Zeit“, sagt Kühberger und meint damit den Vorvorgänger von Elke Zehetner. Zwar rümpft darüber jetzt mancher, der auch ins Rathaus oder zumindest in den Stadtrat möchte, die Nase, aber Kühberger ist es gewohnt, erst einmal belächelt oder beschimpft zu werden. Als er unmittelbar nach Bekanntwerden der HAP-Schließung forderte, dass sich die Stadt das Grundstück nach Möglichkeit sichern solle, um dort andere Unternehmen anzusiedeln, geiferte man bei der SPD, dass das ja bloß ausgefeimte Wahlkampftaktik sei. Mittlerweile fordern die Genossen in ihrem Programm das Gleiche. Oder der kostenlose Stadtbus für Schüler: „Erst hieß es: geht nicht. Dann hat sich der Stadtrat der FLP angeschlossen. Und jetzt wollen es alle“, grinst Kühberger. Der will es dabei aber nicht bewenden lassen, und den kostenlosen Stadtbus für alle einführen. Und er will, dass Penzberg eine Fußgängerzone bekommt, was für alle professionellen Bedenkenträger natürlich ein gefundenes Fressen ist, Kühberger aber nicht aus der Ruhe bringt: „Wir brauchen einen professionellen Verkehrsplaner, und der muss uns dann sagen, wie das geht.“ Aber, so warnt Kühberger schon mal, er will keinen Verkehrsexperten, „der uns dann Grimms Märchen erzählt“. Mit Märchen kann Kühberger nämlich wenig anfangen, ganz generell. 

Harte Schale, humoriger Kern

Auf den ersten Blick mag Kühberger etwas schroff wirken, wer ihn aber näher kennt, wird feststellen, dass er einen feinen Humor pflegt und sich einen Spaß daraus macht, wenn ihn andere Leute unterschätzen. Wenn er aber für naiv gehalten wird, reagiert er gereizt. Das konnte man besonders gut nach den Podiumsdiskussionen der Bürgermeisterkandidaten feststellen, als ihm eine zu große Nähe zu Elke Zehetner attestiert wurde. „Warum sollte ich sie einfach so angiften?“, fragt er. Für ihn war das einfach nicht der passende Rahmen. Was aber nicht bedeutet, dass Zehetner und die SPD nicht in der Lage wären, Kühberger in Rage zu bringen. Da braucht man ihn nur auf seine Arbeit im Bauausschuss anzusprechen. „Es kann einfach nicht sein, dass die Bürgermeisterin und ihre Fraktion jedes zweite Bauvorhaben mit einer Veränderungssperre überziehen, nur weil sie den Investor nicht mögen“, raunt Kühberger. „Wer so handelt, hat in der Politik nichts zu suchen.“ Schließlich sollte jeder die gleiche Chance haben und gleich behandelt werden. Das sagt ihm sein gesunder Menschenverstand. Und der, so ist Kühberger überzeugt, müsse in der Politik doch noch was wert sein. la

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