Aufbruchstimmung im Saal

Einzelhändler, Gastronomen und Dienstleister verstehen Corona auch als Chance

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Penzbergs Geschäftsleute sind positiver gestimmt als Mienen verheißen.

Penzberg – Massive Umsatzeinbußen, Auftragsrückgänge in nicht gekanntem Ausmaß, Existenzängste, hohe Hygieneauflagen, Probleme mit den Soforthilfen und Kritik an der Staatsregierung, deren Vorgaben sich einem häufig nicht erschließen wollten: Penzbergs Einzelhändler, Gastronomen und Dienstleister sparten natürlich nicht mit Kritik, als sie sich am Dienstagabend in der Stadthalle auf Einladung von Wirtschaftsförderin Monique van Eijk und des Gewerbevereins Pro Innenstadt zu einer ersten Bestandsaufnahme nach dem Lockdown trafen. Das Erstaunliche bei dieser Zwischenbilanz aber: Die positiven Erfahrungen, die während der Krisentage gemacht wurden, überstiegen das Negative. Im Mittelpunkt stand bei fast allen, dass sie von der Solidarität ihrer Kundschaft beinahe überwältigt waren. Darüber hinaus haben viele Geschäftsleute angesichts geschlossener Läden das Internet für sich entdeckt, um dort Geschäfte zu machen oder einfach nur mit ihren Kunden in Kontakt zu bleiben. 

Dass an diesem Abend kaum Wunden geleckt wurden, sondern sich eine Aufbruchstimmung unter den 25 Geschäftsleuten breitmachte, konnte man schon ganz am Anfang erkennen, als satirische Bilder über den Verlauf der Pandemie an die Leinwand geworfen und dabei eine nicht durchgegarte Fledermaus in der chinesischen Stadt Wuhan als Auslöser von Corona ausgemacht wurde. Kurz zuvor waren Monique von Eijk und Monika Uhl von Pro Innenstadt noch ganz aufgeregt zu den Presseleuten geeilt und hatten um höchste Sensibilität in der Berichterstattung für den Fall geworben, dass einer der Unternehmer sein Klagelied mit zu pikanten Details ausschmücken würde. Eine Sorge, die sich als unbegründet erwies, denn an diesem Abend wurde der Blick vor allem nach vorne gerichtet. Dabei brachte Monika Uhl mit Blick auf die Fixkosten die Stimmung während des Lockdowns wohl aller im Saal auf den Punkt: „Je näher das Monatsende rückte, desto gedrückter wurde es.“ Dies lag nicht zuletzt daran, dass in einer von Monique van Eijk unter 67 Gewerbetreibenden durchgeführten Umfrage mehr als die Hälfte angegeben hatte, vom Vermieter keinerlei Entgegenkommen erhalten zu haben. Die Hoffnung auf Besserung im Wiederholungsfall haben die Unternehmer hier ganz offenbar schon aufgegeben, denn der von der Wirtschaftsförderin als mögliche Unterstützung ins Spiel gebrachte Appell des Bürgermeisters an die Vermieter wurde als nicht zielführend abgelehnt. 

Die Not machte erfinderisch

Anders sieht es hingegen im Online-Bereich aus: Monique van Eijk erhielt viel Lob für ihre während des Corona-Höhepunkts quasi aus dem Boden gestampfte Homepage „Unser Penzberg“, die allen Unternehmen als Plattform dienen soll, um auf sich und ihr Angebot aufmerksam zu machen. Dieses Forum soll nun weiter ausgebaut werden, wobei der Schwerpunkt auf dem in schönstem Marketingdeutsch genannten Schlagwort „buy local“ liegen soll. Mit anderen Worten: Die Penzber­ger sollen dazu animiert werden, vor Ort einzukaufen. Interessant dabei: Lange Zeit schien sich der hiesige Einzelhandel beinahe klaglos in sein Schicksal zu fügen und vor Online-Riesen wie Amazon und Zalando zu kapitulieren. Doch da die Not bekanntlich erfinderisch macht, haben viele während Corona plötzlich das Internet für sich entdeckt, um darauf aufmerksam zu machen, dass man trotz Ausgangssperre für die Kunden da sei, etwa mit einem Lieferservice oder to-go-Gerichten in der Gastronomie. „Wir haben auch in Penzberg viele Händler mit einem Online-Shop, und es gibt fast nichts, was man in unseren Geschäften nicht auch online bestellen könnte“, sagte der Fotograf Ralf Gerard. Dies übrigens sehr zur Freude von Tatjana Patermann von der Trachtenstube Inge, die anmerkte: „Bei uns kriegt man im Trachtensegment alles. Und wenn wir etwas nicht im Landen haben, dann bestellen wir es halt im Internet.“

Nicht das Ob, sondern das Wie zählt

Dieser Abend stand aber nicht nur im Zeichen von Corona, sondern sollte auch einen „Neuanfang in der Zusammenarbeit zwischen der Stadt und dem Gewerbe dienen“, wie Vize-Bürgermeister Markus Bocksberger erklärte. Sollte dies gelingen, wäre man einen nicht gerade kleinen Schritt weiter, nachdem das Verhältnis zwischen diesen beiden Polen in der Vergangenheit mehr als angespannt war. Altbürgermeister Hans Mummert etwa lieferte sich fortwährend Scharmützel mit dem damaligen Gewerbevereinsvorsitzenden Harald Ketterer, später dann waren Bürgermeisterin Elke Zehetner und Pro-Innenstadt-Chefin Monika Uhl einander in inniger Abgeneigtheit zugetan. Und jetzt sagt Bocksberger, dass man künftig in einem Team spielen wolle, „das Wir heißt“ und das sich nicht damit beschäftigen solle, ob man die Innenstadt fördere, sondern wie. Dass dies funktionieren könnte, zeigte ein Aspekt am Rande: Während Sportartikel-Mogul Dieter Conrad dringend mehr Parkplätze forderte, um Penzberg als Einkaufsstadt attraktiv zu halten, will der neue Grünen Stadtrat John-Christian Eilert die Aufenthaltsqualität erhöhen und dafür den Verkehr reduzieren. Noch vor ein paar Wochen wäre diese Gegensätzlichkeit für Zeter und Mordio gut gewesen, an diesem Abend stellte Monika Uhl lapidar fest, dass es ergo unstrittig sei, ein Verkehrskonzept für die Innenstadt zu entwickeln, was von Conrad wie von Eilert mit beifälligem Nicken quittiert wurde. 

„Beinahe täglich ändert sich etwas“

Bei all dieser neuen Harmonie wurde aber auch nicht verhehlt, was während des Lockdowns aus Sicht der Penzberger Geschäftswelt alles schief gelaufen ist. Rosi Freudenberg vom Café am Rathausplatz und Jürgen Mantel vom „Genießer“ in der Rathauspassage beklagten sich etwa darüber, dass die von der Staatsregierung erlassenen Vorschriften kaum durchschaubar seien. „Hinzu kommt, dass sich beinahe täglich etwas ändert“, so Freudenberg. „Das kostet mich wahnsinnig viel Zeit, die ich doch viel lieber am Kunden verbringen würde.“ Nicole Eggendorfer-Schropp vom Spielzeugladen „Purzmurzel“ wieder kann es einfach nicht verstehen, weshalb die Landratsämter in Weilheim und Starnberg die Frage, ab welchem Alter Kinder als richtige Kunden mit Maskenpflicht zählen, unterschiedlich beantwortet haben. Und Maria Dehmelt vom Hoislbräu berichtete von einem Gast, der sich von einem Polizisten eine Anzeige eingehandelt hatte, weil der Beamte mit den kurz zuvor geänderten Bestimmungen für die Schließzeiten nicht vertraut gewesen sei. 

Nicht nur Leidtragende, sondern auch Kraftpaket

Zwar weiß keiner, ob sich diese Szenarien im Herbst oder Winter wiederholen, wenn die von vielen Experten befürchtete zweite Corona-Welle anrollt. „Für diesen Fall müssen wir uns jetzt schon rüsten“, appellierte Doris Mühlfellner von „Samt und B‘sonders“. Unter dem Slogan „Wir sind für Sie da“ sei zu überlegen, mit welchem Service und welchen Angeboten der jeweilige Einzelhändler die dann zweite Krise möglichst unbeschadet übersteht. Sätze wie diese veranlassten die sonst mehr zur Nüchternheit neigende Stadträtin Anette Völker-Rasor von Penzberg Miteinander zu einem glühenden Appell: „Handel und Gewerbe sind nicht nur Leidtragende der Pandemie, sie sind auch ein Kraftpaket“, rief sie aus und zeigte sich zuversichtlich, „dass diese Gruppe maßgebliche Impulse für die Genesung der Stadt geben wird“. Dafür gab es an diesem Abend den größten Applaus. 

Geteilte Emotionalität

Einer dieser Impulse soll schon bald eine Aktion unter dem Motto „Penzberg sagt danke“ werden. „Nach dem Corona-Drama sollte man den Kunden, die einen während der Krise unterstützt haben, etwas von dieser Emotionalität zurückgeben“, sagte der Fotograf Gerard. Keiner im Saal wollte da widersprechen, und Monique van Eijk machte sich ebenso fleißig Notizen wie Monika Uhl. Die beiden wissen, um was sie sich in den nächsten Tagen vordringlich zu kümmern haben. la

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