Eine rote Couch für das Fräulein

Johannes Bauer berichtet über die Geschichte von Nantesbuch

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„In meinem Jahrgang waren wir zu zweit“: Johannes Bauer erzählte über Nantesbuch, die Schule und sein Leben.

Penzberg – Eine Mischung aus Stolz und Gerührtheit stand Johannes Bauer ins Gesicht geschrieben. Dass im Rahmen des Nantesbucher Dorffestes 250 Besucher zu seiner Ortsteilführung gekommen waren, zeugte vom Interesse an jenem Weiler, der unverrückbar mit dem Ursprung Penzbergs in Zusammenhang steht.

Der Andrang war jedenfalls so groß, dass man kurzerhand auf den Rundgang verzichtet hatte und Bauer im Schatten der kleinen Kirche all das erzählte, was er zu erzählen hatte. Und das war eine ganze Menge. Immer mehr Menschen kamen, weshalb immer mehr Bierbänke herangeschafft wurden. Andere hielten durch und lauschten dem zweistündigen Vortrag Bauers im Stehen: neugierig, aufmerksam und dank Bauers Anekdoten stets amüsiert. „70 Jahre Nantesbuch, da weiß ich schon ein bisschen was“, hatte er eingangs gesagt und sollte damit Recht behalten. Bauer lebt im väterlichen Zist-Hof, er liebt seine Heimat und er lebt sie. Zunächst aber blickte er weit zurück: Im 13. Jahrhundert standen dort zwei Höfe: zum März‘n und zum Fritzen. Besiedelt wurde der Weiler unter dem Dirigat des Klosters Benediktbeuern, junge Bauernsöhne hatten für die Anhöhe das Recht auf Rodung und Landwirtschaft erhalten. Bis 1624 wurde der März‘nhof in drei Höfe aufgespalten, der Fritzenhof in zwei, einer davon ist der Zisthof, den Bauer heute noch bewohnt, weshalb er in Nantesbuch auch als „Zisten-Hans“ firmiert. Überhaupt habe man die Nantesbucher nach ihren Hofnamen benannt. „Und natürlich duzt man sich hier“, erklärte Bauer. 

Flucht vor dem Förster

Landwirtschaftlich geprägt sei Nantesbuch gewesen, effizienten Ackerbau habe es indes nie gegeben. Eher wurden Schweine, Schafe, Geflügel gehalten, „und das ein oder andere Reh“, wie Bauer augenzwinkernd meinte. Denn die Jagd war eigentlich der Obrigkeit vorbehalten. Die Bauern? Sie scherten sich bisweilen aber nicht darum. Und so berichtete Bauer von so mancher Wilderei, „freilich auf der anderen Seite der Loisach“. Dem Förster durch ein fluchtartiges Bad in der Loisach erst einmal entkommen (natürlich mitsamt der Büchse und dem erlegten Reh), konnte der den Wilderern dann nichts mehr anhaben. Tauschgeschäfte bestimmten lange Zeit den Tagesablauf, erst recht, als dann im Zweiten Weltkrieg in nahezu jedem Hof aus München evakuierte Familien untergebracht waren. So erklärt es sich auch, dass im Zisthof noch heute ein Bechstein-Flügel steht. Bauers Vater hat den übernommen, was sich später noch als sehr nützlich erweisen sollte. 

Kulturschock Industrialisierung

Im Jahr 1805 lebten in den zwölf Höfen insgesamt 106 Menschen, es wurden aber nur noch vier Höfe bewirtschaftet. Der Grund: Arbeitskräfte waren kaum mehr zu finden – eine Nebenwirkung der Industrialisierung. Das Bergwerk zahlte eben vergleichsweise viel Lohn. „Das war schon ein Kulturschock“, so Bauer. Dennoch: Einige Knechte und Mägde gab es noch, zudem so genannte Schlaf­geher. Das waren Knechte, die im Bergwerk arbeiteten, sich aber auf den Höfen noch ein Zubrot verdienten und dort auch wohnten. Bauer konnte einen von ihnen sogar persönlich begrüßen: Konrad Rosenberger saß in der ersten Reihe und nickte oftmals zustimmend und mit melancholischem Blick. 

Chauffeur mit roter Couch

Größere Bedeutung kam Nantesbuch zu, als hier im Jahr 1805 die erste Schule der Umgebung entstand. Bis 1941 waren es 25 Lehrer, die in Nantesbuch unterrichtet haben, stets nur in einer Klasse, zu Spitzenzeiten mit bis zu 80 Schülern in einem Raum. „Wir waren im Jahrgang zu zweit“, erinnert sich Johannes Bauer. Die Schule sollte für ihn gewissermaßen existenz­entscheidend sein, denn seinem Vater war es vorbehalten, die erste Lehrerin von Nantesbuch am Bahnhof abzuholen. „Er hatte schon einen Bulldog, und das Fräulein sollte standesgemäß nach Nantesbuch gebracht werden“, grinste er. Bauers Vater tat dies dergestalt, dass er auf seinen einachsigen Anhänger eine rote Couch schraubte. Dieser Sonderservice dürfte dem Fräulein sehr imponiert haben, anders lässt es sich kaum erklären, dass sie später von ihrem Chauffeur ein Kind erwartete: Johannes Bauer. Dass die Schule 1968 geschlossen wurde, „das war schon eine Zäsur für Nantesbuch“, sagte Bauer und schwärmte: „Kaum einer hatte solch einen schönen Schulweg wie ich.“ 

Zum Abschluss an die Orgel

Bleibt die Frage nach dem Flügel: Johannes Bauer konnte durch das Instrument schon früh Musikunterricht erhalten. Und so war er auch in der Lage, das Orgelspiel in der Nantesbucher Kirche zu übernehmen. Zwar durch den plötzlichen Tod des Vaters mehr als ungeplant, aber eben voller Überzeugung – und zwar bis heute, wie man an diesem sonnigen Spätnachmittag hören konnte. Denn nach seinem Vortrag lud Bauer in die Kirche, setzte sich ans Manual und brachte die Orgel zum Klingen. arr

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