Ein tragischer Fall

Petition zur Rettung des Verstärkeramtes: Abgeordnete kritisieren Staat und Gemeinde

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Der gelbe Riese ist wohl kaum mehr zu retten: Das ehemalige Verstärkeramt erlebte jetzt noch mal einen Riesenaufgalopp, als Mitglieder des Landtagsausschusses für Wissenschaft und Kunst das Gebäude inspizierten.
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Hinterher diskutierte der SPD-Parlamentarier Volker Halbleib mit dem Architekten Heiko Folkerts, der die Petition zum Erhalt des Gebäudes eingereicht hat.
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Die Architekturhistorikerin Kaija Voss präsentierte derweil ihr Bauhaus-Werk, in dem das Verstärkeramt eine große Rolle spielt.
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Und die beiden vom Bauhof sorgten dafür, dass die neugierige Öffentlichkeit außen vor blieb.

Kochel – Sieben Jahre nach dem Kauf des ehemaligen Verstärkeramtes steht die Gemeinde Kochel mit der Errichtung eines Neubaus für ihren Bauhof, barrierefreie Sozialwohnungen, Räume für Jugend- und Vereinsarbeit sowie für Obdachlose in den Startlöchern.

Obwohl das Gebäude aus dem Jahr 1927 nach einer Petition vor zwei Jahren zum Baudenkmal erklärt wurde, erteilte das Landratsamt eine Abrisserlaubnis. Die Untere Denkmalschutzbehörde hatte den sogenannten Vertrauensschutz, also den Umstand, dass das Objekt zum Kaufzeitpunkt nicht als Denkmal gelistet war, höher bewertet als den Schutz des baukulturellen Erbes. Weil eine zweiten Petition im Landtag einging, mit der Denkmalschützer die Entscheidung der Kreisbehörde rückgängig machen wollen, nahmen nun die damit befassten Landtagsabgeordneten bei einem Ortstermin den einsam vor sich hin verfallenden gelben Riesen in Augenschein. Begleitet wurden sie von Vertretern des Denkmalschutzes, der Regierung von Oberbayern, des Landratsamtes und der Gemeinde. Die Unterstützer der Petition und die Medienleute mussten hingegen vor den Toren warten, da Bürgermeister Thomas Holz eine öffentliche Zugänglichkeit aufgrund einer „potentiellen Verletzung von hochsensiblen Persönlichkeitsrechten“ der derzeit im Gebäude untergebrachten Mieterin und der Obdachlosen nicht als gegeben sah. 

Freundliche Bauhofmitarbeiter statt finster dreinblickende Security-Männer

Dunkle Limousinen, bewachte Eingangstore, wartende Menschen und Spannung in der Luft – am Dienstag wehte mitten in der tristen Corona-Zeit ein Hauch von Glamour um das Gelände des ehemaligen Verstärkeramtes. Doch der Schein trog, statt grimmig dreinblickender Security-Männer bewachten zwei freundliche Bauhofmitarbeiter in leuchtendem Orange die Eingangstore, und statt Fans mit gezückten Handykameras drückte sich ein Dutzend engagierter Denkmalschützer an die Metallgitter, um in letzter Minute das Gebäude vor dem Abriss zu retten. Neben den Petenten waren auch Vertreter vom Denkmalnetz Bayern, die Architekturhistorikerin Kaija Voss und Bernhard Kellner, Sanierer eines vergleichbaren ehemaligen Verstärkeramtes in Pfaffenhofen, gekommen. Auch Winfried Nerdinger, Architekturhistoriker und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, hatte sein Kommen zugesagt, nach Ausschluss der Öffentlichkeit jedoch auf die Anreise verzichtet. 

„Paradebeispiel der Bayerischen Postbauschule“

Mitgebracht hatte die Initiative ferner eine Infomappe mit der Geschichte, Gegenwart und alternativen Zukunftsplänen für das „Paradebeispiel der Bayerischen Postbauschule“ sowie ein Empfehlungsschreiben des Fernsehjournalisten und Denkmalschützers Dieter Wieland. Ob all dies die Entscheidung des Petitionsausschusses beeinflussen wird, darf bezweifelt werden. Zwar dürfte für Architekturverständige wie die Mitglieder des Landtagsausschusses für Wissenschaft und Kunst, Robert Brannekämper (CSU, von Beruf Architekt), Volkmar Halbleib (SPD) und Sabine Weigand (Bündnis90/Die Grünen, von Beruf Schriftstellerin und Historikerin), die Bedeutung des Bauwerks unumstritten sein. Der Knackpunkt liegt vielmehr in den baurechtlichen Abläufen, die bei den Abgeordneten durchaus Fragen aufwarfen, wie sie nach dem Rundgang durchs Gebäude am Zaungespräch mit den Petenten durchblicken ließen. 

Ein komplizierter Fall, ein tragischer Fall

„Das ist ein schwieriger Fall“, urteilte Volkmar Halbleib über die „komplizierte Gemengelage“. Es seien deutliche Worte gefallen, erzählt er, denn der Denkmalschutz seit offensichtlich zu spät „reingekommen“. Er habe klar gemacht, dass dieser bereits während des Bauleitplangesprächs hätte einbezogen werden müssen. Nun gebe es eine bestandskräftige Abrisserlaubnis, was den Fall „durchaus sehr kompliziert und durchaus tragisch“ mache. Die Gemeinde jedenfalls sei mit ihrer Entscheidung „voll ins Risiko gegangen“, urteilte Halbleib. 

„Wir kaufen das Baudenkmal“

Auch in den Augen von Sabine Weigand ist etwas „nicht sauber gelaufen“. Sie sah jeweils „Haken“ bei der Gemeinde und beim Staat. Die Gemeinde habe die Denkmaleigenschaft nicht aktiv geprüft, und der Staat habe sich zu spät mit dem Denkmalschutz beschäftigt, bemängelte sie. Auch dass der Fokus der Gemeinde auf dem Bauhof und nicht auf Wohnraum liege, habe die Kollegin in der Regierung von Oberbayern anders eingeschätzt. „Da tut mir was weh, wenn man mit der Wohnbauförderung vom Staat ein Denkmal abreißt“, bekannte sie und fügte hinzu: „Für mich hat das Denkmal keine Alternative, aber der Bauhof schon.“ Die Nöte der Gemeinde sehe sie durchaus, räumte Weigand ein, auch dass es schwierig sei, „ohne Gesichtsverlust aus der Sache herauszukommen“. Die Vertreter vom Denkmalnetz Bayern boten dazu eine spontane Lösung an. „Wir kaufen das Baudenkmal“, riefen sie mehrfach und meinten das offenbar völlig ernst. 

Mit Herz und Händchen

Die Abgeordneten forderten von der Gemeinde zunächst weitere Unterlagen an, über die Petition soll im Landtag am 24. Juni entschieden werden. Letztlich sei es eine Werteabwägung, fasste Weigand zusammen und verriet, was sie persönlich über das Kochler Verstärkeramt denkt: „Wenn man ein Herz und ein Händchen und ein Organ für ein Denkmal hat, wird’s echt schön. Wenn man das nicht hat, ist‘s bloß a altes Glump.“ Weniger gefühlsbetont blickt Benno Ziegler der Entscheidung des Petitionsausschusses entgegen. Wird die Abrisserlaubnis bestätigt, will der von den Petenten beauftragte Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht eine Popularklage vor dem Bayerischen Verfassungsgericht anstrengen. cw

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