Im Geiste verbunden

Lichter statt Gläubige: Penzbergs Pfarrer über eine Zeit mit leeren Kirchenbänken

1 von 2
Der evangelische Pfarrer Julian Lademann und sein katholischer Amtskollege Bernhard Holz können derzeit keine Gottesdienste vor Gläubigen abhalten.
2 von 2
Der evangelische Pfarrer Julian Lademann und sein katholischer Amtskollege Bernhard Holz können derzeit keine Gottesdienste vor Gläubigen abhalten.

Penzberg – Seine Stimme ist immer noch dieselbe, und auch seine Stimmung scheint unverändert, obgleich sie das nicht ist. Penzbergs evangelischer Pfarrer Julian Lademann wirkt stets fröhlich. Selbst jetzt, in einer Zeit, in der nichts so ist wie gewohnt. Doch er möchte gelassen bleiben.

Auch sein katholischer Amtskollege Bernhard Holz wirkt ruhig, wenngleich ihm die „feiernde Gemeinde“ fehlt. Beide stehen in einer Zeit, in der keine Gottesdienste mit voll besetzten Kirchenbänken stattfinden dürfen, vor neuen Herausforderungen, um den Kontakt zu den Gläubigen nicht zu verlieren. 

Plötzlich alles anders

Staub setzt sich auf den Kirchenbänken ab, Gottesdienste wurden reihenweise abgesagt und die Seelsorge läuft übers Telefon. Die Ausgangs- und Versammlungsbeschränkungen, welche die Ausbreitung des Coronavirus verzögern sollen, machen auch vor der katholischen und evangelischen Kirche in Penzberg nicht Halt. Und plötzlich ist alles anders in den Institutionen, in denen unzählige Jahre lang wenn nicht alles, so doch vieles unverändert blieb. 

Chorgesang per E-Mail

„Die erste Woche war die anstrengendste“, gesteht der evangelische Pfarrer Julian Lademann. Immerhin funktioniere die evangelische Kirche wie ein riesiges Uhrwerk, „eine Maschinerie, die erst einmal zum Stehen gebracht werden musste“, so der Geistliche. Zum Stehen gekommen ging es dann erst einmal ans Umstrukturieren, statt Gottesdiensten und Besuchen im Seniorenheim „viel Homeoffice, viel Telefonieren“, sagt Lademann, der sich nun immer häufiger auch ans iPad setzt. „Viele älteren Leute schreiben jetzt E-Mails“, lächelt der Pfarrer. So bleibt er mit den Gläubigen auch ohne persönliche Begegnung im Kontakt. Und diejenigen, von denen der Geistliche weiß, dass sie keinen Internetzugriff haben, „habe ich alle angerufen“, betont Lademann. Des Weiteren liefert die evangelische Kirchengemeinde diverse Angebote, um den Gläubigen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Der „Mensch sing mit“-Chor etwa nimmt Lieder auf, um diese dann per E-Mail an die Gemeindemitglieder zu versenden. Schließlich sind ohne Gottesdienste auch keine Engelsstimmen mehr zu hören. Geöffnet sind die Kirchentüren aber trotzdem, werktags von 9 bis 17 Uhr, für stille Gebete. 

Videobotschaften mit Lämmchen

Völlig neue Qualitäten an sich entdeckt derweil Lademann, wenn er mit seiner Amtskollegin Sandra Gassert wenige Minuten lange Filme dreht, die freilich „keine Fernsehqualität haben“, lacht der Pfarrer. Doch so konnten die Geistlichen bereits einige Botschaften nicht nur in Worte, sondern auch in Bilder packen, zum Beispiel, als beide mit wolligen Osterlämmern über das nahende Osterfest sprachen oder als Lademann am Karfreitag durch die leere Kirche streifte und erzählte, wie dieser Tag begangen wird. Einen Gottesdienst filmen wollte der Pfarrer bislang nicht, denn schließlich gebe es ja Fernsehgottesdienste auf höherem Niveau. Wann diese im TV zu sehen oder im Radio zu hören sind, offenbart ein Aushang am Pfarrhaus. Doch trotz guter Alternativen zum Gottesdienst vor Ort empfindet der Geistliche die Lage als „total schräg“, schließlich lebe die „Kirche ja auch von echter Begegnung“, sei es in der Kirche, auf dem Friedhof oder beim Vieraugengespräch. 

Zurück zum Wesentlichen

Vor den Bildschirm zieht es Lademann selbst, wenn er mit den anderen Pfarrern aus dem Oberland dies und das zu besprechen hat. Normalerweise fährt der Geistliche dafür quer durch die Region. Nun setzt er sich an den Schreibtisch zur Videokonferenz. Und da geht es dann nicht mehr um Organisatorisches. „Ich habe das Gefühl, dass es nun mehr ins Tiefgründige geht“, sagt der Pfarrer, nun gehe es wieder an die Kernaufgaben, an das, „was wir gelernt haben“. Und dazu zählt auch verstärkt die Seelsorge, die mehr in Anspruch genommen werde als sonst. Für Lademann kaum verwunderlich, denn in der Corona-Krise „weiß man nicht, was kommt. Das hassen die Menschen“, meint der Pfarrer, der selbst „nicht entspannt“ sei, dabei aber äußerst gelassen wirkt. Lademann scheint ganz bewusst trotz oder gerade wegen der gegebenen Umstände gelassen wirken zu wollen, „ich glaube, es bleibt einem nichts anderes übrig und als Mann der Religion weiß ich mich auch getragen“, sagt er. Und abgesehen davon entdeckt der Geistliche auch etwas Gutes an der Krise, eine „Chance, so blöd es klingt“, denn nun werde man „wieder auf die wesentlichen Dinge zurückgeworfen“. 

Kerzen auf Kirchenbänken

Nicht weit von dem evangelischen Gotteshaus entfernt befindet sich die katholische Kirche. Auch diese ist tagsüber für stille Gebete geöffnet. Und: Pfarrer Bernhard Holz feiert werktags um 17 Uhr sowie jeden Sonntag um 10 Uhr einen nicht-öffentlichen Gottesdienst im Gottesdienstraum des Pfarrzentrums. Eine Viertelstunde vor der Predigt läuten dabei die Kirchenglocken, zehn Minuten vorher betritt Pfarrer Bernhard Holz den verlassenen Raum, um sich „geistig mit den Menschen zuhause verbinden“ zu können, wie der Geistliche sagt. Auch an Ostersonntag hielt der Pfarrer eine Messe, nicht-öffentlich versteht sich. Im kleinen Kreise und mit reichlich Sicherheitsabstand stellte er sich mit einem Mesner, einem Ministranten und Lektoren um den Altar. Vor leeren Reihen hielt Holz seine Predigt aber nicht. „Wir stellen Kerzen auf die Kirchenbänke“, sagte Holz wenige Tage vor dem Oster-Gottesdienst. Lichter statt Gläubige in der Kirche. Keine Gesichter mehr zu sehen, wenn er eine Predigt hält, „das war am Anfang sehr ungewohnt“, sagt der Pfarrer, doch „mittlerweile gelingt es sehr gut“. Die einzelnen Schritte durchdenkt der Geistliche dabei genau wie bei regulären Gottesdiensten, wenngleich diese ein wenig anders sind. 

Sehnsucht nach Gemeinschaft

Wenn Holz nicht gerade die einzelnen Schritte durchdenkt, so hat er wie auch sein evangelischer Amtskollege ein offenes Ohr für seine Gemeinde. „Ich bin täglich im Büro, weil ich da sein möchte“, sagt der Pfarrer. Ob am Telefon oder am Computer, Holz hält den Kontakt zu den Gläubigen aufrecht. Auch das Angebot der Beichtabnahme gewährte er Gläubigen vor Ostern, nach vorheriger Terminvereinbarung und nicht im Beichtstuhl, sondern in einem eigenen Raum, der Platz für ausreichend Sicherheitsabstand ließ. Und wenn Holz wieder in seinem Büro sitzt, so sieht er, dass die Menschen noch immer in die Kirche gehen, „für das persönliche Gebet“, wie er sagt. Im Gespräch mit Menschen aus seiner Gemeinde, ob schriftlich per Mail oder am Telefon, merke er durchaus, wie sehr ihnen der Gottesdienst in der Gemeinschaft fehlt, „mir fehlt er aber auch“, betont der Pfarrer. In dieser Zeit werde den Menschen bewusst, wie „kostbar Gemeinschaft ist“, glaubt der Geistliche, der wie auch Lademann etwas Positives an der Krise sehen kann, denn die „Sehnsucht nach dieser Gemeinschaft könnte wieder stärker werden“. 

Geschlossener Gebetsraum

Doch nicht allein in Penzbergs Kirchen ist Stille eingekehrt. Auch in der Moschee finden sich nun keine Gläubigen mehr im lichtdurchfluteten Gebetsraum zusammen. Gemeinschaftsgebete und Freitagsgebete fallen aus, der Raum ist geschlossen. Doch auch Imam Benjamin Idriz weiß Alternativen zu nutzen. Auf der Facebookseite des im Islamischen Forums postet der Imam regelmäßig seine Appelle und Ansprachen. „In dieser Situation, in der wir uns befinden, bleibt nichts anderes übrig, als sich durch die sozialen Netzwerke an die Menschen zu wenden“, schreibt da Idriz, der wie Lademann auch über Videos den Gläubigen vor Augen tritt, und damit nicht persönlich, aber zumindest am Bildschirm. Eines seiner Videos, seine erste veröffentlichte Freitagsansprache in der Corona-Krise, findet sich sogar auf Youtube, und dort wurde es bereits über 1.500 mal aufgerufen, was zeigt, das der Kontakt zu den Gläubigen auch in Zeiten der Distanz nicht abbrechen muss. ra

Auch interessant

Meistgelesen

Mann verliert auf der A95 bei Tempo 180 die Kontrolle über sein Fahrzeug
Mann verliert auf der A95 bei Tempo 180 die Kontrolle über sein Fahrzeug
Josef Vilgertshofer verlässt Penzberg Ende September aus persönlichen Gründen
Josef Vilgertshofer verlässt Penzberg Ende September aus persönlichen Gründen
Penzberger Schüler dürfen weiterhin kostenlos mit dem Stadtbus fahren
Penzberger Schüler dürfen weiterhin kostenlos mit dem Stadtbus fahren
Grundschule in Iffeldorf bereitet Kindern mit Fantasie-Olympiade positive Gedanken
Grundschule in Iffeldorf bereitet Kindern mit Fantasie-Olympiade positive Gedanken

Kommentare