Kräftige Kerzen

Der Benediktbeurer Josef Haslinger muss sich heuer hoch strecken, um das Winterwetter vorherzusagen

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Der Mann im Wetterkerzen-Meer: Josef Haslinger staunt über die diesjährige Dimension der Pflanzen, doch weniger die Größe als vielmehr die Knospen interessieren den Benediktbeurer bei seiner Schneevorhersage.

Benediktbeuern/Kochel – Am liebsten würde er noch ein wenig warten, doch schon bald sind alle geköpft. Josef Haslinger fährt mit seiner Hand über die Knospenreihe einer Wetterkerze, die nahe dem Bahngleis in Ried wächst. Er will wissen, wie viel Schnee im kommenden Winter auf den Boden segelt.

Die optimale Zeit, das Wetter zu prognostizieren, ist eigentlich erst nach dem 15. August, kurz bevor die Blüten auf die Erde fallen. Doch an Mariä Himmelfahrt werden viele Wetterkerzen, auch Marienkerzen genannt, für Kräuterbüschel ihrer Knospen entledigt. 

Also das hat selbst Haslinger, der von Kindesbeinen an das Wetter an der Verbascum Thapsus, einer besonderen Königskerzenart, abliest, noch nicht erlebt: Egal wo der Benediktbeuerer hinsieht, fast überall sind seine geliebten Wetterkerzen über zwei Meter groß. Normalerweise stoppe die Spitze bei 1,4 bis 1,8 Metern, so Haslinger, der ein wenig verdutzt auf die imposanten Exemplare an der Bahngleisunterführung in Ried bei Kochel blickt. Viele gelb leuchtende Blüten sind an diesen nicht mehr zu erkennen, doch die wenigen reichen ihm, und auch die verwelkten geben ihm ausreichend Informationen darüber, wie schneereich oder schneearm der kommende Winter sein wird. 

„Viele sagen, dass ich an Schmarrn red“, sagt Haslinger. Doch das Wetter an einer Pflanze ablesen, das „kommt nicht von mir“, schmunzelt er. Vermutlich waren es einst Nonnen, die schon vor hunderten von Jahren die Wetterkerze zu nutzen wussten: Sie machten aus den Blüten Tee. Gab es in einem Jahr wenig Gelbes zu ernten, hatten sie für die kalten Tage dementsprechend wenig Tee. Gab es viele Blüten, hatten sie reichlich Heißes im Winter. In Jahren, in welchen nur wenig Blüten der Marienkerze sprießten, sei ohnehin kein schneereicher Winter auf die Nonnen zugekommen, umgekehrt sei auf eine blüten- und somit teereiche Ernte ein weißer Winter gefolgt, so Haslinger. Und die Nonnen, die haben diesen Zusammenhang zwischen dem Blühen der Kerze und dem Schneefall im Winter erkannt. Wissen, das dann auch zu den männlichen Glaubenskollegen, den Mönchen, gedrungen sei, sagt Haslinger. 

Ob kommenden Winter viel Schnee fällt, weiß Haslinger genau, beziehungsweise die meterhohe Wetterkerze, die er zu sich herunterbiegt und in Augenschein nimmt. Er teilt den Knospenstamm gedanklich in gleich große Abschnitte ein, vom Ansatz bis zur Spitze. Jeder Abschnitt steht für einen Monat, von November bis April. Doch keine einzige Blüte zeigt sich am Ansatz. Beim Blick auf eine benachbarte Kerze hängt an derselben Stelle nur ein wenig Gelb. Im November könnte ein wenig Schnee fallen, meint Haslinger. Doch richtig schneit es erst Anfang Dezember, aber auch nicht wirklich viel, was Haslinger nun an einem Blütenkränzchen abliest. Der Winter befinde sich anschließend in einem „durchwachsenen Zustand“ mit mal mehr, mal weniger Schneefall, prognostiziert der Benediktbeurer. „Eine weiße Weihnacht wird es da wohl nicht geben“, meint Haslinger, wobei ihm die Kerze nur sagt, wie viel Schnee fällt, jedoch nicht, wie lange dieser liegen bleibt. Auch im Januar fallen nur wenige Flocken vom Himmel, an Ostern könnten dagegen die Eier im Iglu versteckt werden: „Weihnachten Klee, Ostern Schnee, sagt man ja“, scherzt Haslinger, der in einem Wald aus wuchtigen Wetterkerzen zu verschwinden droht. Außerordentlich viele der prächtigen Exemplare habe er heuer schon gesehen, davon viele, die sich in Blütenwuchs und Höhe erstaunlich gleich sind. Und auch aus zahlreichen Gärten in Benediktbeuern blitzen die Spitzen hie und da hinter hohen Hecken hervor. Früher wurden die Kerzen oft als Unkraut entfernt, das habe sich mittlerweile geändert, freut sich Haslinger. 

Im kommenden Jahr werden sich wohl aber weitaus weniger Stämme gen Himmel recken, denn wenn eine Pflanze auch im darauffolgenden Jahr an derselben Stelle noch einmal blüht, dann bildet sich am Boden eine Rosette aus Blättern. Und solche Rosetten hat Haslinger bislang kaum in Benediktbeuern entdeckt.  ra

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