Borussia Zehetner

Podiumsdiskussion der Kandidaten: Bürgermeisterin führt, ehe sie sich selbst besiegt

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Sitzprobleme auf dem Sofa: Elke Zehetner, Michael Kühberger, Markus Bocksberger, Armin Jabs, Kerstin Engel, Stefan Korpan und Moderator Florian Zick.

Penzberg – Alle sechs auf einen Streich: Die Süddeutschen Zeitung brachte Penzbergs Bürgermeisterkandidaten zu einer Podiumsdiskussion gemeinsam auf eine Bühne. Und dort zeigte sich dann, dass nicht allein ESV-Trainer und Bürgermeisterkandidat Stefan Korpan etwas mit Fußball zu tun hat.

Fast hätte man vergessen, dass Stefan Korpan nicht nur für die CSU der neue Bürgermeister werden will, sondern auch als Trainer des ESV Penzberg an der Seitenlinie steht. Rathauschefin Elke Zehetner war so freundlich, den vollbesetzten Saal der Stadthalle bei der von der Süddeutschen Zeitung anberaumten Podiumsdiskussion der Bürgermeisterkandidaten darauf hinzuweisen. Und weil man also schon mal beim Fußball war, konnte man sehen, dass Zehetner an diesem Abend ein wenig so wie Borussia Dortmund agierte: Sie dribbelte sich leichtfüßig in Führung, sah wie die sichere Siegerin aus, um sich dann, quasi mit dem Ab­pfiff, selbst eine krachende Niederlage beizubringen. Denn wer die Belegschaft des Bauhofs als Ansammlung schwer vermittelbarer Herren bezeichnet, darf sich nicht wundern, wenn er am Ende mit leeren Händen dasteht.

Dabei hatte dieser Abend so begonnen, wie derartige Abende immer beginnen. Man tastete sich langsam voran, wobei die SZ-Leute Alexandra Vecchiato und Florian Zick, die sich als lockere Moderatoren erwiesen, erst einmal froh sein durften, weil sie kurz vor Beginn des Diskurses die Gewissheit erhielten, dass die sechs Bewerber auf den schicken Sofas aus den Schaufenstern von Möbel Raab auch wirklich alle am 15. März bei der Wahl antreten dürfen. Nach Markus Bocksberger (Penzberg Miteinander) hatte auch Michael Kühberger (FLP) wenige Stunden vorher die nötige Anzahl an Unterstützerunterschriften erreicht. „Da bin ich jetzt schon erleichtert“, schnaufte Kühberger durch. Der Spenglermeister gilt unter den fünf Herausforderern von Elke Zehetner als der große Außenseiter, der mit breitem Lächeln aber seine Hemdsärmeligkeit zum Programm gemacht zu haben scheint. So bekannte er freimütig und als einziger in der Runde der Kulturversteher, kein Verständnis dafür zu haben, dass sich die Stadt das Campendonk-Museum jedes Jahr rund 600.000 Euro kosten lässt. „Dieses Geld könnten wir für andere Dinge gut gebrauchen“, raunte er. 

Am anderen Ende der Auffälligkeits­skala rangiert zweifelsohne Armin Jabs (BfP), der trotz leuchtender Krawatte über die Rolle der grauen Maus nicht hinauskommt. Was er sagt, hat Hand und Fuß, wie er es aber sagt und wie traurig er dabei schaut, wühlt einen kaum auf. Allerdings muss man ihm zugute halten, dass er innerhalb der häufig sehr aufgeregten und sehr betroffenen BfP einen angenehm gelassenen Gegenpol abgibt. Dass Jabs neben der Lokalpolitik den Fußball als seine größte Leidenschaft bezeichnet, bringt einen wieder zu CSU-Mann Korpan. Der durchlebte an diesem Abend alle Höhen und Tiefen, wie sie auch 90 Minuten an der Fischhaber Straße bereithalten. Er dribbelte sich keck und humorvoll in die Debatte hinein und gab Kerstin Engel (Grüne) fröhlich Contra, als diese bei der Frage nach Möglichkeiten, um das Verkehrsaufkommen in der Innenstadt zu reduzieren, angeregt hatte, man solle doch mit dem Fahrrad zum Einkaufen fahren. Korpan aber besteht weiter auf dem Auto, weil er Frau und drei Kinder zu versorgen hat, deren Bedarf an Lebensmitteln („Die haben großen Hunger“) er unmöglich auf zwei Rädern transportieren könne. Außerdem lehnte Korpan den Kauf eines E-Bikes ab, „weil dann ja meine Frau auch eines möchte“. Die 5.000 Euro dafür könne er sich als Polizist aber nicht leisten. Eigentlich ein Fall für die Gleichstellungsstelle, aber so charmant vorgetragen, dass sogar Engel herzhaft lachen musste. 

Dann schwächelte Korpan, als er Zehetner vorwarf, dass die Stadt einen Teil ihrer eigenen Wohnungen leer stehen lasse und somit einen Beitrag zur Verschärfung der Situation auf dem Immobilienmarkt leiste. Das war natürlich Quatsch, was Zehetner leicht widerlegen konnte. Zwar fehlte Korpan hernach ein wenig die Leichtigkeit aus der Anfangsphase, aber er fing sich wieder und landete noch einen Treffer: Als alle darüber fabulierten, dass man jetzt endlich das Wohnungsproblem angehen müsse, weil sich sonst Penzberg kaum mehr ein Penzberger leisten könne, entlockte er Elke Zehetner, dass die Stadt seit ihrer Amtsübernahme keine einzige neue Wohnung errichtet habe. Wie ein Wadenbeißer aus der Viererkette meinte Korpan daraufhin nur: „Danke, das ist das Problem.“ 

Große Erwartungen waren in Markus Bocksberger gesetzt worden, der neben Korpan nach allgemeinem Dafürhalten als der aussichtsreichste Kandidat für eine Stichwahl gegen Zehetner gilt. Vielleicht hatte man dies Bocksberger im Vorfeld etwas zu oft gesagt, er wirkte an diesem Abend jedenfalls eine Spur zu überlegen, was man auch an seiner Körpersprache und den häufig gesetzten Nadelstichen gegen Zehetner, deretwegen er die SPD verlassen und seine eigene Liste gegründet hatte, erkennen konnte. Wobei man Bocksberger zugute halten muss, dass er mit seinen langen Beinen oft nicht wusste wohin. Ob lang oder kurz: Die Sofas waren zwar schick, aber für einen Anlass wie diesen nur bedingt geeignet, weil alle Kandidaten mal mehr, mal weniger mit ihrer Position zu kämpfen hatten: Aufmerksam und mit durchgestrecktem Rücken dazusitzen, war auf Dauer unbequem, lümmeln wie daheim vor dem Fernseher wollte aber auch keiner. 

Zu diesem Zeitpunkt musste man mal kurz an den Neujahrsempfang der SPD denken, als es hieß, das Wahlprogramm der Genossen unterscheide sich kaum von dem der politischen Konkurrenz. In der Tat: Ob Innenstadt, Wohnungsbau, Radwegenetz, Kinderbetreuung, Seniorenpolitik oder Ansiedlung neuer Betriebe: Alle Kandidaten wollen dasselbe, die Unterschiede auf dem Weg dorthin sind marginal. Kühberger etwa will mehr Kreisverkehre, weil dann die endlosen Rückstaus entfielen und somit das Verkehrsproblem gelöst werde, was Engel aber kategorisch ablehnt, weil Kreisverkehre nur für die Autos, aber nicht für die Menschen da seien und ein besserer Verkehrsfluss nur noch mehr Verkehr anlocke. Bocksberger wiederum will die Innenstadt für den Schwerlastdurchgangsverkehr sperren, während Jabs für Bahnhof- und Philippstraße jeweils eine Einbahnregelung fordert, um die dann frei werdende Fahrbahn den Radfahrern zur Verfügung zu stellen. 

So wäre es wohl noch eine Ewigkeit weitergegangen, hätte Korpan nicht die Sprache auf den fingierten Leserbrief, den Elke Zehetner im Zusammenhang mit der Debatte um das Vier-Sterne-Hotel am Huber See hatte lancieren wollen, gebracht hätte. Da verlor die Bürgermeisterin erstmals ihre Selbstsicherheit und meinte lapidar, dass dort, wo gearbeitet werde, Späne fallen können und doch wohl auch Korpans Chef, der Penzberger Polizeiinspektionsleiter Pfeil, immer wieder mal Dinge unterzeichne, die ihm vorgelegt würden, ohne sie vorher gelesen zu haben. Würde Pfeil dies wirklich tun, hätte er den Innenminister im Genick sitzen. Ihre Rolle in der Leserbrief-Affäre kleidete Zehetner jedenfalls in die wattebauschweichen Worte: „Offenheit und keine Unwahrheiten.“ Erstmals Geraune im Saal. 

Jetzt war man plötzlich mittendrin in einer Diskussion über die Rolle Zehtners an der Spitze der Stadt. Dass während ihrer bisherigen Amtszeit zehn Prozent der Belegschaft das Rathaus verlassen haben, bezeichnete sie als nicht außergewöhnlich. Markus Bocksberger hingegen erklärte, dass man ein „neues und anderes Profil“ eines Bürgermeisters brauche, einen, „der mit den Leuten redet und verbindet und alle Betroffenen einbezieht“. Armin Jabs sagte, dass es künftig „kein Herrschaftswissen“ mehr geben dürfe. Und Kerstin Engel betonte, dass „unter mir die Parteifarbe keine Rolle mehr spielen wird“. Elke Zehetner hörte sich das alles ruhig an, erinnerte daran, dass die SPD vor sechs Jahren das „Miteinander“ in den Wahlkampf­slogan aufgenommen habe und warf Bocksberger in diesem Zusammenhang vor, bei der Wahl des Namens seiner Liste das „Miteinander“ quasi „annektiert“ zu haben und jetzt so zu tun, als würde er das Rad neu erfinden. 

Bis dahin war das alles aber nur Geplänkel, wie es dazugehört, wenn eine Frau und vier Herren versuchen, eine amtierende Bürgermeisterin abzulösen. Die SZ-Leute schauen auf die Uhr, wollen Feierabend machen. Keine Frage mehr aus dem Saal, als Zehetner noch einmal Luft holt, um ihre Personalpolitik zu verteidigen. Sie blickt zu Korpan und fragt den Fußballtrainer, ob er denn wirklich jene aufstellen würde, die den Ball nicht treffen. Korpan verneint, Zehetner lacht befreit auf und verweist darauf, dass dies der Unterschied zwischen dem Fußball und dem öffentlichen Dienst sei. Denn dort gebe es „Best-Leister, Mittel-Leister und Leister“, redet sie sich nun um Kopf und Kragen. „Im Bauhof etwa“, bremst sie sich kein bisschen ein, „stellen wir Leute ein, die in der freien Wirtschaft keinen Job kriegen würden“. Entrüstetes Raunen im Saal, konsternierte Gesichter bei der SPD, dann ist das Spiel aus. Borussia Zehetner hat die Führung verspielt und das Spiel krachend verloren. la

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